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das Leben auf ihre Art und Weise genießen und sich mit der Thatsache trösten, daß die meisten modernen Ehen nichts Anderes sind, als eine Speculation, als ein Geschäft, welches ebenso nüchtern abgeschlossen, wie gelöst wird. — Gelöst mit allen inneren Banden, — nur das Firmenschild mit den vereinigten Namen hängt als ein äußerliches Zubehör über der Schwelle.
Pia denkt nicht modern.
Sie, die in Paris erzogen ist?
Gerade darum! weil ihr scharfer Blick allzuviel französisches Elend gesehen, rebellirt ihr deutsches Blut gegen die Sünde solchen Meineids. Die Jugend urtheilt immer schroff, — sie schafft sich Ideale und kämpft für dieselben, und je reiner und gesunder ihr Herz und Seele geblieben, desto tiefer und leidenschaftlicher die Begeisterung, für die eigene Ueberzeugung einzutreten.
Nein, sie wollte Graf Wulff-Dietrich nun erst recht nicht heirathen, aber dankbar wollte sie ihm zeitlebens sein.
Sie hat ihn arm gemacht, — er macht sie dafür reich, — reich an dem schönen, lieben Kinderglauben, daß es noch Männer auf der Welt giebt, stolz, edel und tugendhaft, wie die Ritter vom heiligen Graal.
Die hohen Herrschaften verweilen heute außergewöhnlich lange. Der Cotillon, welcher so selten zu seinem Recht kommt, feiert heute wieder Triumphe.
Die Herzogin hat ihre Getreuen durch eine ebenso sinnige wie liebenswürdige Ueberraschung ausgezeichnet.
Es werden allerliebste kleine Geschenke, welche sämmtlich den gekrönten Namenszug der hohen Frau tragen, ausgetanzt. Die Vortänzer haben schon zu verschiedenen Malen heimlich auf die Uhr geguckt. Die Stunde, welche zur Abfahrt der Wagen vorgeschrieben, ist längst überschritten.
Und es dauert immer noch eine halbe Stunde, bis die ersten Equipagen durch den Schloßhof zurückrollen.
Pia hat die Eltern während des Balles so gut wie gar nicht gesehen- jetzt, als sie harrend an der goldzitternden Treppe des Vestibüls stehen, streift ihr Blick forschend die Züge des Vaters.
Der Oberstlieutenant sieht mit starrer Falte zwischen den graubuschigen Brauen wortkarg geradeaus, seine Gemahlin läßt die Lider müde und abgespannt über die Augen sinken.
„Wagen für Freiherrn von Nördlingen!" schmetterte die Stimme des Huissiers.
Mit ungewohnter Hast, zum letzten Male nach rechts und links grüßend, eilt der Oberstlieutenant die Stufen hinab, Pia wechselt noch ein paar heitere Worte mit etlichen Offizieren — Hartwig als erster darunter —, welche neben ihr stehen und voll schwärmerischer Verehrung die Sträuße tragen, welche ihre kleinen Hände nicht mehr fassen konnten.
Hartwig folgt galant bis an den Wagen, seine duftende Bürde dort abzugeben, er verabschiedet sich voll auffallender Verbindlichkeit, der Freiherr dankt sehr kühl und kurz und der Wagen rollt davon.
„Unverschämte Frechheit von diesem Bengel!" stößt er, kaum noch seine Erregung meisternd, zwischen den Zähnen hervor. „Soll das etwa Hohn sein?"
„Wen meinst Du etwa, Papa?"
„Nun den charmanten Bruder Deines verunglückten Freiers!"
„Meines — — ah — des Grafen Wulff - Dietrich! Man sagt mir, er sei erkrankt. — Seltsam, gerade heute. Kein Mensch schien an diese Krankheit zu glauben und legt sich fern Fernbleiben als einen Korb für mich aus! — und ich wollte so liebenswürdig zu ihm sein."
Ein unverständliches Knurren und Wettern antwortete ihr, — Frau von Nördlingen aber drückt plötzlich das Spitzentuch gegen die Augen.
„Eine Blamage ist es für uns!" schluchzt sie auf. „Warum bringen Niedecks erst selber unser Kind in aller Leute Mund, wenn sie ihrer Sache nicht sicher sind!"
„Aber, Mamachen, — Graf Wulff kommt vielleicht das
nächste Mal!" sagt Pia leise und neigt das Antlitz tief in die duftenden Blumen.
Der Oberstlieutenant schnellt bebend vor Zorn empor. „Das Kommen steht dem Herrn frei! Aber unser Haus bleibt ihm verschlossen! Bildet sich der Laffe etwa ein, ich biete ihm meine Tochter zum zweiten Male auf dem Präsentir- teller an? — Der soll sich irren! und die Beine soll er sich ablaufen, bis er Dich zu Gesicht bekommt! — Wir brauchen keinen Schwiegersohn mit sechzehn Ahnen, — Du kannst wohl noch andere gute Partien thun und brauchst nicht auf den Herrn Grafen zu warten!"
Es ist dunkel im Wagen, der Sprecher kann nicht die Wirkung seiner Worte in dem Gesicht seiner Tochter lesen.
„Ich empfinde die Kränkung, welche man mir angethan hat, wohl noch empfindlicher wie Du, Papa, und ich habe eine dringende Bitte an Dich!"
„Hm . . sprich . . . welch eine?"
„Laß mich jedes weitere Gerede abschneiden und nach dem Haag zurückkehren, — dann kann doch kein Mensch sagen, daß ich hier sitze und auf den Grafen Niedeck warte \“.
„Ach, meine Pia, kaum daß wir Dich wieder gehabt haben!" schluchzte Frau von Nördlingen abermals.
„Wenn ich geheirathet hätte, hätten wir uns ja doch trennen müssen, Herzensmamachen, und im Sommer sollt Ihr doch Beide nach dem Haag kommen, das haben wir ja längst verabredet!"
Einen Augenblick herrscht tiefe Stille, dann sagt der Oberstlieutenant rauh: „Ja, das Kind hat recht- sie soll hier nicht im Wartesalon sitzen und eine glänzende Partie kann sie hier ntcht machen, während im Haag Auswahl darin ist."
„Gut, Pia, ich freue mich, daß Du so verständig bist, in vierzehn Tagen reisest Du zu Onkel und Tante zurück."
Der Wagen hielt und der Oberstlieutenant stieg schwerfällig heraus, erst das Haus aufzuschließen, ehe sich die leichtgekleideten Damen in den Schneesturm hinauswagten.
* *
*
Tage waren vergangen.
Gräfin Niedeck war zu einer Visite vorgefahren, da aber die Herrschaften ausgegangen waren, hatte sie Niemand sehen und sprechen können.
Pia erschien wie verwandelt, und obwohl sie sich in Gegenwart der Eltern sehr zusammennahm und ein ernstes Gesicht machte, konnte sie es doch nicht verhindern, daß ihre strahlenden Augen und rosigen Wangen ihre markirte elegische Stimmung Lügen straften.
Droben in ihrem einsamen Zimmerchen aber stand sie hochaufathmend und breitete voll schwärmerischer Glückseligkeit die Arme aus- wie ein feierlicher Klang zog die volks- thümliche Weise mit ihren schlichten Worten durch ihr Herz: „Und hätt' ich Gold und Ehre, Und alle Pracht der Welt, Und hält' doch keine Liebe, Schlimm wär's um mich bestellt!"
Ja, die Liebe! Sie will nicht auf die Liebe verzichte», um alles Gold der Welt ist sie ihr nicht feil! Die, Liebe in ihrer goldenen, heiligen Freiheit!
Eine gute Partie soll sie thun, das verlangt der Vater von ihr.
Wird sie jemals seinen Wunsch erfüllen können und einen Mann freien, der in seinen Augen eine gute Partie ist?
Sie weiß es nicht und kann nicht dafür gut sagen. Sie, deren Stolz so groß und deren Sinn so spröde ist, sie wird nie nach Rang, Gold und Ehren fragen, wenn jener Eine ihren Weg kreuzt, dessen Auge es ihr mit unerklärlich zwingendem Blicke anthun wird!
Und dieser Eine wird kommen, das weiß sie, und darum wartet sie auf ihn.
Die Mittagspost brachte einen überraschenden Brief.
Der Oberstlieutenant brachte ihn selber der Tochter und rief schon von Weitem ganz aufgeregt: „Pia! Ein


