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Eine zweite Katze sprang auf ihren Schooß. Jedes Thier kannte seinen Namen und gehorchte prompt, wenn man es rief. Robespierre hatte bei einem mitternächtlichen Kampfe das Ende seines Schwanzes und ein Ohr auf der Wahlstatt gelassen und hatte das Aussehen eines Raufboldes, obschon er wie die anderen kugelrund war.
„Hatte der große, garstige Doctor Dich getreten?" sagte Mercy Poole, indem sie das Thier hinter dem ihm verbliebenen Ohr rieb, worauf es laut zu schnurren begann.
„Wo sind Charlotte Cordah und Ravaillac und Königin Jsebel? Ah, ich sehe sie dort in dem Korbe. Nehmen Sie sich in Acht, Doctor- setzen Sie sich nicht auf jenen Stuhl! Capitän Kidd liegt dort zusammengeballt,- er hat die schärfsten Krallen von der ganzen Schaar."
„Bei Gott!" sagte Vandine- „Ihre Lieblinge haben curiose Namen- Sie müssen die ganze Geschichte durchstöbert haben, um grauenhafte Namen zu finden."
„Jawohl," antwortete sie lachend. „Dort unter dem Tsich liegen noch mehr. Der gelbe Kater dort heißt Eugen Aram - er ist besonders scharf hinter den Ratten und Mäusen her. Die anderen sind Nero und Marat, Lady Macbeth und Herodes- und dort ist die ganze Familie Borgia, mit Lucretia an der Spitze."
Vandine lachte laut. „Beim Himmel, eine allerliebste Gesellschaft- haben Sie je Veranlassung, Ihre Lieblinge in der Finsterniß der Nacht zu rufen, Miß Poole? Wie kalt Ihnen das Blut durch die Adern rieseln muß, wenn Sie solche Name» nennen!"
„Ja, das ist der Fall," sagte sie schaudernd, während ihr Gesicht einen düsteren Ausdruck annahm.
Vandine lehnte sich an das Kamingesims und beobachtete seine Wirthin, die mit Robespierre und Pontius Pilatus auf dem Schooße dasaß, während Ravaillac zur Kurzweil seine Krallen an ihrem Fuße wetzte. „Warum halten Sie alle diese Creaturen um sich?" fragte er endlich- „es sind im besten Falle nur falsche und undankbare Geschöpfe."
„Undankbar?" sagte sie. „Warum sollten sie das nicht sein? Dieses Laster haben die Thiere mit den Menschen gemein. Falsch? Ja, sie sind falsch, und gerade darum liebe ich sie- das ist ein Zug, der mir sie verwandt macht - ich bin selbst ein falsches Wesen."
Der Doctor zuckte die Achseln und sagte: „Das hätte ich nie geglaubt."
„Mehr Dinge giebts im Himwel und auf Erden, als Ihr Euch in Eurer Philosophie träumen läßt- Sie sehen, ich kenne meinen Shakespeare- in meiner Jugend habe ich viel gelesen. Doch fast hätte ich es vergessen- es ist Jemand krank im „Ocean House," auf der Anhöhe drüben- ein Bote kam herüber, ehe ich den Gasthof verließ."
Doctor Vandine setzte seinen Hut auf und verließ das Haus, um den Patienten zu besuchen.
17. Capitel.
Am Strande.
Am folgenden Tage fuhren Godfrey Grehlock und seine Enkelin nach der „Katzen-Herberge", um Mercy Poole ihre Aufwartung zu machen.
Die alte Jungfer empfing den Besuch mit der Würde einer Herzogin.
Der Gebieter von Grehlock Woods, der nur ungern seine alte Bekanntschaft mit der hünenhaften Zigeunerin erneuerte, begrüßte dieselbe mit einer kalten Kopfbewegung. //Die verdanken diesen Besuch der Neugierde meiner Enkelin," sagte er- „sie ließ mir keine Ruhe, bis ich einwilligte, sie hierher zu bringen."
Ethel stand in dem niederen Wohnzimmer, dessen nrupulöse Sauberkeit einen günstigen Eindruck machte- sie ieß ihre Blicke auf den altmodischen Möbeln und den Katzen ruhen. „Sehr. wahr," sagte sie lächelnd, „ich wünschte Sie sehen, Miß Poole, sowie auch Ihre Lieblinge und diesen alten Gasthof, in dem ich vor Jahren mit Mama und Hannah
Johnsohn eine Nacht zubrachte und den hfj seit jener Zeit nie vergessen konnte."
Der Alte runzelte die Stirn.
Ein düsteres Lächeln flog überMercy Pooles dunkles Gesicht - ielbst im Hause trug sie fast beständig einen Mannshut auf ihrem eisgrauen Haare, während eine schneeweiße leinene Schürze vorn über ihrem schwarzem Kleide befestigt war. Sie nahm nur wenig Notiz von Godfrey Grehlock, erwies indessen seiner Enkelin die größte Aufmerksamkeit. „Sie sind willkommen," sagte sie freundlich zu der letzteren - „nehmen Sie Platz! So ist also Roberts Tochter jetzt zu einer blühenden Jungfrau herangewachsen. Ja, Sie find so alt wie ich war, als ich Ihren Vater kennen lernte- Sie sind hübscher als irgend ein Mitglied seiner Familie. Habe ich nicht Recht?" Mit den letzten Worten wandte sie sich plötzlich an Godfrey Grehlock.
„Bitte, verdrehen Sie meiner Enkelin nicht den Kopf mit Schmeicheleien," sagte er kalt.
„Capitän Kidd" sprang von einer Fenstergesims herunter und begann mit freundschaftlicher Aufdringlichkeit um Ethel herumzuschnurren. „Robespierre" mit seinem einen Ohr und verkürzten Schwanz kam aus einer Ecke und hakte sich mit seinen Krallen an ihren Mantel fest, ein Wink, daß er ebenfalls ein wenig Beachtung verdiene. Die „Borgias" und die übrigen Katzen blinzelten neugierig mit ihren runden Augen.
„Das ist ja eine ganze Menagerie!" rief Ethel lachend - „wie froh bin ich, Großpapa, daß Du mich hierher brachtest!"
Mercy Poole wandte sich zu dem alten Autokraten. „Erinnern Sie sich noch unserer letzten Begegnung?" fragte sie- „es war in Ihrer Bibliothek — in der Nacht nach der Beerdigung Ihres Sohnes."
„Nein," antwortete er mit eisigem Tone, „ich erinnere mich nicht!"
„Um Vergebung- ich glaube doch, daß Sie sich daran erinnern- solche Dinge vergißt man nie. Ich sagte Ihnen damals, daß Robert ermordet worden sei. Dieser Gedanke war Ihnen bis dahin noch gar nicht in den Kopf gekommen. Nun, seit jener Nacht haben wir uns Beide sehr verändert."
Sein Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. „Sie würden mich verbinden, wenn Sie in unserer jetzigen Unterhaltung der Vergangenheit nicht gedenken wollten- es macht mir kein Vergnügen, daran erinnert zu werden."
„Das glaube ich Ihnen gern," erwiderte Mercy mit kurzem Lachen, indem sie „Robespierre", der plötzlich auf ihre Schulter gesprungen war, einen leichten Schlag auf sein einziges Ohr gab.
Aus gewissen Zeichen, die ihr der Großvater gab, erkannte Ethel, daß er den Besuch abzukürzen wünsche. Sie blickte sich nach Doctor Vandine um, der jedoch das Haus schon vor ihrer Ankunft verlassen hatte, um seine Patienten zu besuchen. Nachdem sie noch einige Augenblicke die Katzen geliebkost hatte, erhob sie sich und verabschiedete sich mit ihrem Großvater. Unter der Thür sagte sie leise zu Mercy Poole: „Sie erlauben mir, Sie wieder zu besuchen, nicht wahr?"
Mercy blickte sie zärtlich an und antwortete: „Für Ihres Vaters Tochter tst stets ein Zimmer in diesem Hause bereit- die anderen Greylocks hasse ich- aber nicht Sie — nicht Sie!"
Von einer plötzlichen Eingebung getrieben, wandte sich Ethel um und drückte ihre frischen rothen Lippen auf Mercys dunkle Wangen. Dann verließ sie mit ihrem Großvater das Haus. „Was für eine seltsame Person!" sagte sie, als sie ihren Platz in dem Wagen eingenommen hatte - „was meinte sie denn damit, als sie sagte, daß mein Vater ermordet worden sei?"
(Fortsetzung folgt.)


