306

schauerliche Wehlklagen vernommen worden. Hieran wurde Doctor Dick auf unangenehme Weife erinnert, als er bei einer Plötzlichen Wendung des Fußpfades dem Haufen sich näherte und auf dem Gipfel desselben eine Gestalt sitzen sah, die eher das Aussehen eines Gespenstes als eines menschlichen Wesens hatte,- es war eine große, schwarze, regungslose Gestalt, die man in einiger Entfernung für einen riesigen, auf Beute lauernden Raubvogel halten konnte.

Obwohl Vandine ziemlich geräuschvoll heran kam, gab die Gestalt kein Lebenszeichen von sich. Der Kopf war auf die Brust herabgesunken, die Arme hingen schlaff an den Seiten nieder und der Körper war vornüber gebeugt. Die Haltung schien Schmerz und Furcht auszudrücken. So furchtlos Vandine sonst war, vermochte er sich doch beim Anblick dieser Gestalt eines geheimen Schauders nicht zu er­wehren. Er machte einige Schritte vor dem Haufen Halt und rief:Halloh !"

Keine Antwort,- keine Bewegung.

Halloh! Wer da?" rief er noch lauter als zuvor.

Mit einem heiseren Aufschrei sprang die Gestalt von dem Steinhaufen herab, sie näherte sich dem nächtlichen Wanderer, und er sah, daß es eine Frau war- noch einige Schritte weiter, und er wußte, wen er vor sich hatte. Verzeihung, Miß Poole," sagte er,ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt. Meiner Treu, ich konnte Sie in der Entfernung nicht erkennen,- ich dachte, es wäre der Geist oder Spuk, der den Behauptungen der Leute von Blackport nach an dieser Stelle umgeht."

Mercy Poole war von Kopf bis zu den Füßen schwarz gekleidet- sie trug einen Mannshut auf ihren Haaren, die schon stark mit Grau untermischt waren- ihr Gesicht war tief gefurcht und gerunzelt, doch mehr von inneren Kämpfen als vom Alter. Es war noch immer ein schönes Antlitz, gleich dem einer Zigeunerfürstin mit düsterem, fast unheim­lichem Ausdruck. Als Vandine dasselbe näher betrachtete, entdeckte er, daß es jetzt aschfahl war.

Da Sie ein Doctor sind, so verstehen Sie sich wohl auf die Symptome des Schreckens," antwortete Mercy trocken- ich will daher nicht leugnen, daß Sie mich erschreckt haben - ja, die Leute der Stadt meiden allerdings die alten Salz­gruben bei Nacht. Die Narren! Man sollte meinen, es sei an der Zeit, daß der Gespensterglaube aussterbe.

Doctor Dick war der Ansicht, daß die Sprechende selbst große Aehnlichkeit mit einem Gespenst habe. Was hatte die Wirthin derKatzenherberge" an diesem unheimlichen, öden Orte in dieser Abendstunde zu thun? War sie etwa selbst der Spuck, den die Leute von Blackport von Zeit zu Zeit auf dem Schauplatz der alten Tragödie erblickt hatten?

Dies ist ein schlechter Platz und eine unpassende Zeit für eine derartige Unterhaltung, Miß Poole," sagte Vandine, der die Geschichte von Robert Greylocks Tode längst schon vernommen halte-er ruft unangenehme Erinnerungen wach. Als ich Sie zuerst erblickte, sahen Sie aus wie ein großer Habicht mit zerschmetterten Flügeln."

Sie heftete ihre großen, schwarzen Augen eine Secunde lang scharf auf ihn- dann senkte sie dieselben zur Erde. Der junge Arzt war schon seit mehreren Wochen ihr Gast, und in dieser Zeit war es ihm gelungen, sich ihre Gunst zu erwerben.Ein Habicht mit zerschmetterten Flügeln!" rief sie lachend-kein übler Vergleich! Vor Jahren," fuhr sie fort, indem sie mit tragischer Geberde auf die Brust schlug, kam ein Freund von mir an diesem Punkt ums Leben. Die dummen Leute von Blackport schwatzen von Geistern, die hier spuken sollen. Mein Gott! Wenn sie nur die Dinge sehen könnten, die ich hier sehe! Wenn ich sage, daß er ums Leben kam, so meine ich, daß er meuchlings ermorvet, wie ein Wild niedergeschossen wurde, ohne Er­barmen, ohne ein Wort der Warnung, in der Mitternachts­stunde, auf demselben Fleck, auf dem Sie jetzt stehen!"

So ernst und feierlich klangen ihre Worte, daß Doctor Dick unwillkürlich bei Seite trat, als ob seine Füße einen

Todten berührt hätten.Ich habe immer gehört, daß er Selbstmord begangen habe," sagte er.

Natürlich," antwortete Mercy mit Hohn in ihrem Tone-wer anders als ich nannte die Sache je beimrechten Namen? Glauben Sie mir, Doctor, ich weiß, was ich sage. Es ist schon lange her siebzehn Jahre und die Welt kümmert sich wenig umso alte Geschichten- doch die Gerechtig­keit lauert auf ihre Beute- früher oder später wird sie den Mörder in ihre Hände bekommen!"

Plötzlich veränderte sich ihr Wesen- sie verließ den un­heimlichen Platz, und Vandine folgte ihr, herzlich froh, von dem Orte fortzukommen.Sie sind in Greylocks Woods gewesen?" fragte sie.

Ja."

Haben Sie die junge Erbin gesehen? Sie soll sehr hübsch sein wie alle ihrer Familie."

Sie ist das reizendste Geschöpf, auf das je die Sonne schien."

Mercy warf ihm einen durchdringenden Blick zu und sagte dann:Sie gefallen mir, Doctor, und das ist mehr, als ich von den meisten Menschen, die ich kenne, sagen kann. Ich will Ihnen indessen einen wohlgemeinten Rath geben: Verlieren Sie Ihr Herz nicht an die schöne, junge Erbin- es hat noch Keinem Glück gebracht, ein Mitglied der Familie Greylock zu lieben nichts als Kummer und Schmerz kann daraus entstehen. Ich selbst habe in meiner Jugend einen Greylock geliebt, und Gott allein weiß, wie theuer mir diese Thorheit zu stehen kam. Der Vater Ihrer schönen Ethel war höchst unglücklich in seiner Ehe, und der alte Mann da droben" sie streckte bei diesen Worten den Arm nach dem Herrenhause ausder sich über alle seine Mitbürger erhaben dünkt ich habe hundert Mal gehört, daß seine junge Frau, die bei der Geburt ihres Sohnes starb, mit Freuden aus dieser Welt schied. Ja, es bringt Unglück, einen Greylock zu lieben- es ist Tollheit, Elend und Ver­derben! Kein Manu oder Weib jener Familie war jemals glücklich oder vermochte Andere glücklich zu machen. Lassen Sie sich warnen, so lange es noch Zeit ist!"

Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, schritt Mercy weiter, der Doetor folgte ihr schweigend nach dem Gasthof.

In letzter Zeit stiegen nur wenige Gäste in dem alten Hause ab- die meisten Besucher drängten sich nach den neuen Hotels. Dieser Umstand machte jedoch Mercy Poole wenig Kopfzerbrechen. Der alte Jke, der sich schon längst zu seinen Vätern versammelt, hatte einen hübschen Autheil an den Gütern dieser Welt hinterlassen. Mercy war wohl­habend, und es verschlug ihr daher wenig, ob das Haus leer oder voll war.

Als Gast und Wirthin das Wohnzimmer miteinander -betraten, fanden sie dasselbe völlig finster. Die alte Haus­magd hatte die Lampe nicht angezündet.

Wo mag das Frauenzimmer nur sein?" sagte Mercy - bleiben Sie stehen, Doctor, sonst treten Sie auf eines der Thiere. Ha! da höre ich schon ein Miauen- bleiben Sie stehen, bis ich ein Streichhölzchen anzünde."

Ihre Warnung kam zu spät. Dicht auf ihre Worte folgte ein zorniges Zischen und dann ein Geheul, zwei Augen leuchteten phosphoreszirend in der Dunkelheit. Im nächsten Augenblick brannte eine Lampe, und siehe da, Mercy Pooles Wohnzimmer wimmelte von Katzen gelben, weißen, schwarzen und grauen, alten und jungen, großen und kleinen, die sich auf den Stühlen, hinter dem Ofen, auf den Fenstergesimsen und auf dem Sopha niedergelassen hatten. Es waren mehr wie ein Dutzend.

Mercy Poole warf sich in einen Armstuhl - sie nahm den Hut von ihrem grauen Kopfe und rief:Pontius Pilatus!"

Auf diesen Ruf kroch ein großer schwarzer Kater mit gelben Augen unter einem Schranke hervor und sprang aus Mercys Schooß. Sie streichelte ihm das glatte Fell und rief:Robespierre!"