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welche an der Freudentafel des Lebens nicht gedeckt war, l sagte er.einfach. Doch nun gehen Sie, junger Freund, ein Vorurtheil, das weiß ich, werden Sie ihr nicht entgegen­bringen." I

Ein kräftiger Händedruck wurde gewechselt, dann klopfte eS zierlich an die Thür und ein rosiges Gesichtchen, Bürger­meisters Töchterlein, guckte durch die Spalte.

Ist Fräulein Minchen zu Hause? Sie hat mir I gestern ein neues Häkelmuster versprochen."

Zu Hause wohl, aber bei der großen Wäsche und in I einer Stimmung, die eine Conversation nicht rathsam er- I scheinen läßt."

Der Waschzorn ist wohl epidemisch in allen Haus­haltungen," lachte die junge Dame.Papa und ich ver­kriechen uns dann auch stets vor Mamas übler Laune. Doch Sie wollen schon in die Praxis gehen, Herr Doctor Senglin?"

Ich erwarte einen Wagen vom Schloß. Mein erster hiesiger Patient soll leider hoffnungslos sein."

Vom Schloß? Dann kann ja Doctor Borrmann den Wagen zu uns hinüberschicken. Papa hat noch allerlei Ge- | schriftliches mit Ihnen zu verhandeln, ich glaube wegen der Hospitalpraxis. Sie kommen doch mit?"

Schon hatte sie die Thürlinke in der Hand und eilte nach flüchtigem Kopfnicken für den alten Doctor hinaus.

Langsam folgte ihr Senglin. Ihm war nach dem eben Gehörten so sonderbar zu Muth, nur mühsam konnte er den alten, scherzenden Ton mit Alma wiederfinden. Die Wolke schien immer dichter zu werden, obgleich er sich sagen mußte, daß sie an diesem schneereichen Wintermorgen wie eine frische Rosenknospe aussah!"

Kommt immer mit Amt und Würden die Langweilig­keit?" fragte sie schelmisch.

Er mußte lachen.Der erste selbständige Patient, die Verantwortung dafür, bedenken Sie."

Ach, der Baron wird doch nicht mehr besser," meinte sie gleichmüthig,und dadurch, daß Sie ihn länger Hinhalten, thun Sie der Baronin keinen großen Gefallen."

Warum meinen Sie dieses?"

Mit verwunderten Augen blickte sie ihn an.Nun, dann ist sie ja eine junge Wittwe, was liegt ihr denn an dem alten, kranken Mann, den sie pflegen muß."

Kennen Sie die Baron näher, Fräulein Alma?"

Sie rümpfte das zierliche Näschen.Nein, nur vom Sehen. Sie flieht ja alle Menschen und geht nicht einmal in die Kirche. Doctor Borrmann und Fräulein Minchen sind freilich bezaubert von ihr, aber das sollen solche alten Geschichten sein, wie die Mama sagt, danach muß man gar nicht fragen. Aber ein richtiges Mannweib ist sie, so groß und so dunkel wie ein Zigeunerin. Und nicht allein, daß sie Schlittschuhe läuft und rudert, sie kutschirt auch zwei- und vierspännig und umgiebt Wh mit allerlei häßlichem Gethier, das ihr lieber ist, wie die Menschen."

Diese Schilderung klang nun freilich anders, wie die des alten Doctors, dessen weißhaariger Kopf eben an dem niedrigen Parterrcfenster auftauchte.

Walter Senglin wußte nicht, sollte er dem rothen Plappermäulchen zürnen. Gedankenlos hatte sie wohl nur nachgesprochen, was sie überall erzählen gehört. Und dann, was kümmerte ihn auch das romanhafte Schicksal jener fremden Frau. Er war Arzt, that seine Schuldigkeit und damit war es genug.

Sehen Sie, Papa wartet oben," erinnerte Alma.

Ich komme."

Theilnehmend auf ihr Geplauder eingehend, stieg er neben ihr die Treppe des Rathhauses, in welchem auch die Bürgermeisterwohnung lag, hinauf.

m.

Nach hartem Kampf ist es wirklich Frühling geworden und die warme Aprilsonne lockt junges, sproffendes Grün

überall hervor. Der See hat seine Eishülle gesprengt, träge rauschen die blauen Wogen zum Ufer.

Ein fast feiertäglicher Glanz verklärt die öden Kiefer­wälder, liegt breit und golden auf den überschwemmt ge­wesenen, halb übersandeten Wiesenstreifen. Natur und Mensch erwacht langsam aus dem Winterschlaf. Lachender Frühlings­zauber überall.

Auch i>etn Doctor Senglin wird das Herz weit, fröh­lich wandelt er auf der Landstraße, die zum Schlosse führt, dahin.

Heute gedenkt er des Kranken nicht. Thereses Bild, wunderbar, reizvoll, steht ihm plötzlich vor der Seele.Sie hat wohl nie geliebt?" fragt er sich und der heiße Wunsch, die bleichen Wangen verräterisch erglühen zu machen, den strengen Mund zu küssen, steigt in ihm auf. Er schilt sich selbst und versucht an Alma zu denken, in deren Elternhaus man ihn so freundlich empfangen, in welchem man ihn wohl schon als künftigen Eidam betrachtet. Fräulein Minchen scheint derselben Ansicht zu sein, ist sie doch die Vertraute der Frau Bürgermeister und benutzt jede Gelegenheit, die jungen Leute zuiammenzuführen.

Unwillkürlich lachte er auf.

Es wird ihm leicht genug gemacht, ohne eigenes Be­mühen ebnet sich ihm der Zukunftsweg. Die Hospitalpraxis hat er bereits, und der Bürgermeister will in nächster Stadtverordnetneten-Sitzung beantragen, daß das Einkommen des Armenarztes um einige hundert Mark erhöht wird.

Vorläufig läßt er den Dingen ihren Lauf. Es neckt sich so allerliebst mit Alma, und der Tag ist gewiß nicht fern, wo man vom Scherz unmerklich zum Ernst hinüber­gleitet.

Nach dem Kranken, den er im Morphiumschlummer findet, sieht er heute nur flüchtig, dann läßt er sich der Baronin melden.

Man blickt ihn verwundert an.Die gnädige Frau sei im Garten, bei den Arbeitern," hieß es, man wolle sie benachrichtigen. Dann öffnete man ihm eine Thür und er stand auf der Schwelle von Thereses Zimmer, das er noch nie betreten.

Das weite, von goldiger Frühlingssonne warm durch­strömte Gemach erinnerte in nichts an das heutige, moderne Damenboudoir. Keine Makart-Bouquets in den Ecken, keine zwecklosen Puffs in der Mitte. Keine zierlichen Boule­schränkchen mit tausenderlei Nippes von Majolika und cuivre poli. Die dunkeln, massiven Mahagonimöbel stammten gewiß aus der Aussteuer irgend einer längst begrabenen Baronin Dahlström und waren wohl schon gleich nach Erbauung des Hauses hierher auf ihre Plätze gestellt worden.

Auf dem runden, plumpfüßigen Sophatisch lag em Berg von Journalen und Zeitungen, in denen man wohl eben gelesen, durcheinandergeworfen. Die Thür des Bücherschranks war nur angelchnt, und Walter warf einen neugierigen Blick auf die abgegriffenen Bände. Traute er seinen Gutzkow, Heyse, Turgenjew. Das war eine bedenkliche Lectüre für ein einsames Weib mit unbeschäftigtem Herzen-

Nun glitt sein Blick über die Stahlstiche an den Wänden, Allegorien, Schäferscenen, alles werthlose Schildereien im süßlichem Geschmack des anbrcchenden Jahrhunderts. Nur ein Bild, vielleicht hatte man deshalb ihm günstigeres Licht gegeben, gab zu denken, Orpheus, mit der Leier rm Arm, verzweifelnd nach der entschwundenen Gattin suchend, -ve i Ausdruck sehnsuchtsvollen Schmerzes war in dem I*® Jünglingsantlitz glücklich getroffen, und er müße unwillkür­lich an Therese und ihre Augen dabei denken.

Von dem Arbeitsplatz in der Fensternische fiel der bequem auf jenes Bild, doch hier wurde augenscheinlich M nicht mit Handarbeit beschäftigt, "ms Nähtischchen war T geschloffen und auf der Platte stand ein kleines Glav mn gelben Schlüffelblumen und frischen Waldanemonen.

Sie schweift lieber durch Feld und Wald, das st I Rastlosigkeit, die den alten Doctor ängstigt/ dachte