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Eine Spazierfahrt nach dem Monde.

Plauderei von F. Clemens.

(Schluß.)

Aber die Aera der Wunder ist noch nicht zu Ende. Mit unbegrenzter Bewunderung blicken wir zu den ungeheuren Felsen empor, die sich vor uns erheben, und sehen uns un­willkürlich nach den auf der Erde üblichen Touristen um.

Wenn eS überhaupt Seleniten gibt," will einer von uns erklären,so müssen sie, dem Verhältniß der Masse des Mondes entsprechend, kaum so groß wie Zwerge sein."

Proste Mahlzeit er spricht, aber Niemand achtet auf ihn. Entrüstet zupft er die Andern an den Kleidern, spricht auf sie ein, sie sehen ihn erstaunt an, schütteln den Kopf, machen den Mund auf und zu, als ob sie reden wollten, bleiben aber stumm. Allgemeine Befremdung. Endlich löst sich das Räthsel. Jeder merkt, daß er ja den Klang seiner eigenen Worte ebensowenig vernimmt wie den der Worte seiner Ge­fährten ganz natürlich, ohne Luft kein Schall, und Luft besitzt ja der Mond nach unseren irdischen Theorien nicht. Die Sache ist allerdings fatal, da sie einen flotten Gedanken­austausch unmöglich macht und uns zwingt, uns unsere Ein­drücke und Absichten schriftlich zu übermitteln; indessen Reisende müssen etwas in Kauf nehmen, besonders, wenn sie noch un­entdeckte Gebiete durchqueren. Scherzend erproben wir die Erscheinung noch weiter wir schlagen an die Felsen, trampeln mit den Füßen, einer holt seine mitgebrachte Mundharmonika hervor und bläst den schönsten Strauß'schen Walzer Alles bleibt still wie int Grabe! Schade, denken wir, daß wir nicht Alle unsere Clavierpauker hier oben einmiethen können, sie würden hier Niemand zur Verzweiflung bringen. Ein Theater im irdischen Sinne dürften wir auch kaum vorfinden, denn die Schauspieler könnten hier nur Pantomimen geben. Kein Profeffor vermöchte Vorlesungen zu halten, kein Parlament zu tagen, keine Frau ihrem Manne eine Gardinenpredigt zu octroyiren. Glückliche Selenitenmänner!

Doch gehen wir ein wenig aus der Sonne. Es ist entsetzlich heiß auf dem Monde, da wir gerade während des 14 Tage währenden Tages dort eingetroffen sind. Trotz unserer aufgespannten Parapluis halten wir es nicht aus. Treten wir in den Schatten jenes steil aufsteigenden Berg­kegels.

Oho plötzlich umgiebt uns tiefe Nacht. Was ist denn das wieder? Eine unerwartete Sonnenfinsterniß? Nein, denn einige Schritte weiter, so stehen wir wieder im grellsten Sonnenlichte. Licht und Finsterniß wechseln ohne Uebergang. Auch die Ursache dieser Erscheinung erklärt sich durch den Mangel einer Atmosphäre. Nur wo die Sonnenstrahlen direct hinfallen, ist es hell, wo sie fehlen, herrscht dunkle Nacht, weil die Vermittelung der Atmosphäre mangelt. Aus diesem Grunde erbiicken wir auch am Hellen Tage in Gegenden, wo keine Sonnenstrahlen Licht erzeugen, die Sterne am Himmel, denn derselbe erscheint nicht beleuchtet, sondern rabenschwarz. Seine Erleuchtung am Tage wird ja nur durch Reflexion von Sonnenlicht in unserer Atmospäre bedingt.

Für die Astronomen kein schlechter Platz, der Mond. Wir aber gestehen uns schriftlich natürlich, daß das Fehlen jeder Sonnenbrechung und damit jeder Färbung des Himmels auf der Landschaft den Mondgegenden einen schaurig­einförmigen Character verleiht. Keine Morgenröthe, kein Regenbogen, kein Alpenglühen! Langweiliges Terrain für Touristen. Und die Hitze während dieses 14 Tage und Nächte währenden Tages, wo keine Luftschichten die infernalische Sonnengluth mäßigen. Unser Thermometer zeigt im Maximum 300 Grad das soll der Teufel aushalten. Und nirgends ein frischer Trunk Wasser zu haben, um den höllenmäßigen Durst zu stillen. Gäbe es irgendwo ein Wasserbecken, und wäre es so groß wie der Stille Oeean, so müßte sein In­

halt in dieser Gluth in ein paar Tagen verdampfen. Aber kein Nebel, kein Wölkchen zu erblicken ohne Luft kein Wasser. Sogenannte Meere giebt's freilich genug, aber keine Flüssigkeit darin, es sind nur eine Art weite, tiefe, mit tausend Klippen, Felsen und Hügeln übersäete Becken, wie wir solche erhalten würden, wenn wir aus unseren Oceanen einmal auf ein paar Stunden das gesammte Wasser abließen.

Vergeblich suchen wir auf unserer Tour Kühlung und Erfrischung. Natürlich haben wir keine Lust, die hohen Berge zu erklettern, den Newton, 6898 Meter hoch, den 6098 Meter hohen Tycho oder gar den 8831 Meter hohen Curtius! Wir befinden uns durchaus nicht in der Lage, die Resultate der Mondforschung zu vermehren, denn unter solchen Verhältnissen hört ja alle Gemütlichkeit auf. Stöhnend und ächzend wandern wir, mühsam künstliche Luft aus einer Art Dudelsäcken athmend, von Süden nach Norden, schreiten das Apenninen-Gebirge in seiner ganzen Länge von 700 Kilo­metern ab, wandern durch Wallebenen, Ringgebirge und Meere und freuen uns, als endlich die Kühlung versprechende Mondnacht eintritt, welche ebenfalls 14 Tage und 14 Nächte andauert. Anfangs ganz angenehm, wahrlich. Nicht lange währt's indessen, da hat der Mondkörper die erst erhaltene Wärme wieder ausgeströmt, weil keine Atmosphäre sie fest­hält. Es fängt an, kalt zu werden. Das Thermometer sinkt schon in den ersten Stunden rapid, in Kurzem ist's auf dem Gefrierpunkt angelangt und nun geht's weiter bis zu Kältegraden herab, wie sie bei uns gar nicht vorkommen. Der Nordpol hat wahrlich das reinste Tropenklima gegen den Mond.

Doch gegen die Kälte kann man sich schützen. Zünden wir ein Feuer an, wir haben ja das erforderliche Material bei uns. Der Holzhausen wird errichtet, Papier darunter gebracht, wir streichen ein schwedisches Zündholz an, es ver­sagt. Noch eins wieder vergeblich. Ein drittes, viertes, fünftes dasselbe Resultat. Vergeblich versuchen wir den Inhalt einer ganzen Schachtel kein einziges zündet, obwohl es weder feucht noch die Reibfläche beschädigt worden ist. Wir schlagen uns vor den Kopf, wieder die alte Ge­schichte ! Zur Erzeugung einer Flamme brauchen wir Sauer­stoff) wo ihn hernehmen ohne Luft? Arme Seleniten, die Ihr Euch gegen die tödtliche Kälte Eurer Nächte nicht einmal schützen, ihre schwarze Finsterniß nicht erleuchten könnt! Nein, lieber Mond, bleibe uns in Gnaden gewogen, ziehe stille durch die Abendwolken hin, fülle den Hain mit Silberschein und was dergleichen schöne Dinge mehr sind wir packen unser Ränzchen, wir schütteln den Staub von den Füßen. Fort von hier nach der schönen Erde. Eben haben wir Voll­erde, in der Größe von dreizehn Monden steht sie vor uns am schwarzen Himmel in feuriger Pracht) auf, zurück zur wärmenden, schützenden Allmutter!

Unsere Gelehrten sind bereits auf dem besten Wege, die Hypothese von der Todtenstarre des Mondes ein- sür allemal aus dem Wege zu schaffen, sie sprechen zum Theil von der Möglichkeit einer verdünnten Atmosphäre, noch vor­handener Thätigkeit vulkanischer Gewalten, der Entdeckung muthmaßlicher Vegetationsspuren u. s. w. Wenn wir hierüber Gewißheit haben, wollen wir unsere Reise nach dem Monde wiederholen bis dahin bleiben wir hübsch zu Hause!

Humoristisches.

Ein echter Griesgram.Warum machen Sie ein o griesgrämiges Gesicht? Hat Sie denn Jemand geärgert?' Nee, das nicht aber hoffentlich kommt noch Einer!

* * *

Feldwebel (zu einem ungeschickten Einjährigen):Sie ind gewiß der Einjährige Müller, über den sich alle Witz- ilätter lustig machen!"

Redaction: 8. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ließen.