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iiber erst im schulpflichtigen Alter. Bis dahin waren ihr | die Kinder nur ein Spielzeug. Doch als Hans Max vier Jahre zählte, zeigte es sich, daß er ein unermüdlicher Zuhörer beim Geschichtenerzählen war. Das verursachte ihr Freude. Aus Gelesenem und Erdachtem, aus Weltgeschichte und I Märchen spann sich Allerlei zusammen, sprach sich das Herz frei und führte den kleinen Lauscher in ihre eigenste Welt ein. Daß sie dadurch in dem unreifen Köpfchen arge Verwirrung anrichtete und den festen Kinde-schlaf störte, beobachtete sie nicht.
Felix wachte in der Stille mit offenen Augen über die körperliche und geistige Pflege seiner Lieblinge und stahl sich für sie manche Stunde ab. Es konnte Regine gereizt und empfindlich machen, wenn sie sah, wie viel zärtlicher die Kinder sich an den Vater schmiegten, als an sie. Dann eilte sie oft hinaus, suchte Ablenkung bei einer ihrer einsamen Wanderungen, die ihr zur Gewohnheit geworden waren und bei denen sie ihr Alleinsein kaum noch empfand.
War sie denn aber wirklich allein? Ach nein, schon I lange nicht mehr. Etwas gesellte sich zu ihr, wandelte mit, erfüllte ihr Herz und Sinn — eine Erinnerung, ein Schatten, ihre erste Liebe. Zuerst war der Gedanke an Lossen flüchtig vor ihr aufgetaucht und schnell hinweg gescheucht worden. Der Duft der Lilien, der Äthern einer lauen Sommernacht, der Anblick von Lottchen Rechow hatten ihn plötzlich hervorgerufen, und der nächste Eindruck verdrängte ihn wieder. Dann aber, als sie immer mehr zu ihren alten Interessen zurückkehrte, ihres Mannes Antheilnahme an denselben immer schmerzlicher entbehrte, kam die Erinnerung häufiger. Zuerst noch mit dem alten, verletzenden Stachel der Demüthigung. Später trat der Gedanke an die erlittene Enttäuschung mehr zurück- Lossens glänzende Eigenschaften strahlten Heller, und Regine begann, Enttäuschungsgründe für sein Betragen zu suchen. Daß er damals bald nach ihrem Zusammensein das Commando in Berlin dennoch angetreten hatte, wußte sie nicht. Lottchen Rechow hatte seines Namens in ihrer Gegenwart nur einmal Erwähnung gethan und dann erschrocken inne gehalten bei dem Anblick von Reginens finsterem Gesichtsausdruck,' es wäre dieser auch nicht unmöglich gewesen, über Lossen zu reden.
So glaubte sie nun, daß er es damals nicht hätte erreichen können, sie wiederzusehen. Der Eindruck, den sie auf ihn gemacht, war dann mit den Jahren verblaßt, und ein anderes Mädchen trat in seinen Gesichtskreis, bedeutender, ihm ebenbürtiger als sie — Constanze Pottmüller. Da war er nun ganz der rechte Mann gewesen, um nach dem Namen nicht zu fragen und, der Meinung der Welt zum Trotz, nur den Seelenadel zu suchen. Sie stattete Fräulein Pottmüller freigebig mit allen Tugenden und Vollkommenheiten aus. Nur ein Ideal an Güte und Klugheit konnte Lossen genügen, nur über ein solches konnte sie vergessen werden, damit tröstete sie sich.
Anfangs schlug sie noch die Augen nieder, wenn ihre Gedanken sich viel mit Lossen beschäftigt hatten, und sie dann Felix mit seiner harmlosen Fröhlichkeit und Güte wiedersah. Aber allmälig empfand sie dieses Träumen nicht mehr als ein Unrecht gegen ihn. Die Zügel der Selbstsucht waren in ihrer Hand zu locker geworden, und wie sie sich in ihrem Thun gehen ließ, so auch in ihrem Denken. Endlich gewöhnte sie sich daran, Alles, was Felix fehlte, bei einer Jdealgestalt zu suchen, welche sie Lossen nannte, und die im Grunde ein Geschöpf ihrer Phantasie war.
Lossen war der einzige Mensch, der sie jemals verstanden hatte. Wie aber war sie gereift, geistig gewachsen, seitdem sie sich damals kennen gelernt! Jetzt würde er sie seiner vielleicht würdiger erachten, eifriger um ihren Besitz ringen, wenn das Schicksal sie nicht getrennt, jene anderen nicht dazwischen geschoben hätte!
So schwand die Zeit. Langjährige Gewohnheit hatte längst mit ihrer kalten, nüchternen Hand den Reiz des Neuen von ihrer Umgebung abgestreift- Welt und Leben lagen vor
ihr wie in grauen, eintönigen Nebel gehüllt. Sie empfand wohl, daß sie allmälig eine einsame, unbefriedigte Frau geworden war. Warum? Weil der einzige Mann, der Alles das, was in ihr lag, zur vollen Entwickelung gebracht hätte, ihr nicht beschicken worden — das war die einzige Erklärung, die sie zu finden wußte.
* * *
An einem schwülen Sommerabende saß Regine in ihrem traulichen Wohnzimmer und gab sich der Lectüre eines Buches hin, das ihr besonders ans Herz gewachsen war. Sie hatte angefangen, auf eigene Hand Italienisch zu lernen und zu ihren neuesten Errungenschaften gehörten die Gedichte Ada Negris. Das war gerade das Rechte, um sie zu erfrischen! Der Schmerz und die Arbeit in ihrer adelnden Größe wuchsen vor ihr auf. Der kräftige Kampf mit dem Schicksal, das innerliche Losringen von Allem Niederen, die Fülle neuer, eigenartiger Gedanken: An Alledem hatte sie sich schon oft erquickt, heute ergriff es sie mächtiger, denn je. Sie nahm die Feder und versuchte ihr Lieblingsgedicht von der, für den studirenden Sohn unermüdlich in der Fabrik schaffenden Mutter in das Deutsche zu übertragen. — Würde wohl ihr Felix, der so viel mit dem Volke verkehrte, Verständniß haben für die tragische Größe dieses schlichten Menschendaseins? Sie bezweifelte es.
So vertieft war sie in ihr Werk, daß sie nicht vernahm, wie eine Thür sich öffnete und die durch den Teppich gedämpften Schritte ihres Gatten sich ihr näherten. Erst als er die Hand auf die Schulter legte, fuhr sie herum:
„Du schon zurück, Felix, wie kommt denn das? Spielst Du denn heute nicht Deine Whist-Partie in Neuenburg?"
„Ich war auf dem Wege dorthin, bin aber abgehalten worden," sagte er, indem er sich müde auf den nächsten Stuhl I fallen ließ, „der kleine Fritz von der Pächterin Krause begegnete mir und erzählte auf meine Frage nach der Mutter, daß diese krank sei. Er habe Furcht vor ihr, sie rede irre und kenne ihn nicht- darum wolle er nun nach Neuenburg laufen, zum Ohm, dem Schulzen. Ich kehrte um und sah nach der Alten. Sie lag ganz allein in der dumpfigen Kammer und schien mir stark zu fiebern. Ich befahl dem Jungen bei ihr zu bleiben und ritt nach Heiligenstein, um den Doctor zu holen; der war aber zu Rechows nach Hohen- walde gefahren. Ich ritt ihm nach und habe ihm Beine gemacht- I er will hier ankommen, wenn er die Krause gesehen hat, und Bescheid bringen. Christinchen macht eben die Male fertig, daß sie mit ein bischen Bouillon und Wein zur Alten hingeht und die Nacht bei ihr bleibt."
„Deshalb hast Du Deinen Abend in Neuenburg aufgegeben?" fragte Regine- es war seine einzige Zerstreuung.
„Ich war zu abgehetzt nach dem Herumreiten, Reginchen, und der Alten mußte doch geholfen werden. Ihre paar Leute brachten eben den Roggen ein, die konnte ich doch nicht von der Arbeit schicken. Schlimm genug, daß der älteste Bengel jetzt seine Zeit abdient und kein Auge bei ihr nach dem Rechten schaut. In Zukunft soll mir der Jnspector manchmal zu ihr hinüber,, ich kann schon selbst das Mähen vom Rundgetreide auf dem großen Vorwerk überwachen, wenn ich mich I tummele."
Regine schwieg - sie schämte sich vor ihrem Manne aus Herzensgründe. Hatte sie es doch durch die Leute am Mittag gehört, daß die alte Krause läge, und die Absicht gehabt, zu ihr zu gehen. Dann war sie in ihre Träumereien versunken, hatte unwillkürlich einen ihrer Lieblingswege eingeschlagen und Alles vergessen. Wie armselig erschien ihr jetzt I ihr schwungvolles Mitempfinden mit erdichteter Noth! Felix I machte keine gefühlvollen Verse über die duldende Menschheit - I er bedachte das Nächstliegende und half, wo er konnte, ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit.
(Fortsetzung folgt.)


