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Wirth schäft in Hellingsthal nicht mehr auf der alten Höhe fanb — aber ihre Schultern fingen an sich zu beugen unter der großen Last, und sie seufzte und seufzte, wenn sie die Müdigkeit in ihren Knochen spürte und daran dachte, was ohne sie einst werden sollte.
Auch Felix seufzte manchmal, wenn auch ganz leise, ganz verstohlen. Es war so hübsch gewesen, Regine herum- hantiren zu sehen wie früher sein Mütterchen. Er konnte es nicht verstehen, daß ihr die Wirthschaft nicht wie dieser mit der Zeit immer mehr an das Herz wuchs. Anfangs entschuldigte er sie mit körperlicher Angegriffenheit, glaubte an eine Umkehr. Aber als er sie eines Tages anstatt mit Nadel oder Gartenscheere mit dem Pinsel beschäftigt fand, konnte er ihr sein Erstaunen nicht verbergen.
„Hast Du kürzlich nachgesehen, wie die neuen, amerikanischen Ferkel gedeihen, Regine?" fragte er. „Ich bin gespannt, wie sie sich bei uns einbürgern werden."
„Nein, Lix," versetzte sie, „aber ich glaube, Christinchen war heute im Schweinestall,- ihr Urtheil ist competenter als meines."
„Es ist aber doch von Wichtigkeit, daß Du selbst nachsiehst, Regine. Du glaubst nicht, welch ein ganz anderer Geist die Dienstboten beherrscht, wenn sie wissen, daß das Auge der Hausfrau überall ist. Ist denn Deine Malerei so wichtig?"
„Ganz ungeheuer wichtig, Lix," erwiderte sie scherzend, „sieh nur, diese herrlichen Wolkengebilde muß ich schnell skizziren, ehe sie mir enteilen. Nach den Schweinen kann ich ja immer noch sehen."
„Wenn Du fertig bist und Zeit für mich hast, möchte ich Dir gerne einmal etwas zeigen," erwiderte er ernst.
Sie unterbrach ihre Arbeit nun doch, und freundlich zog er ihren Arm unter den seinen und führte sie in eines der Fremdenstübchen, in welchem an der Wand eine un- vollendete Zeichnung hing, angelegt in der peinlich sorgfältigen Manier der vierzig Jahre, in der Wirkung einem Kupferstiche nicht ganz unähnlich. Sie stellte eine junge Frau dar, die dem heimkehrenden Eheherrn das jauchzende Kind entgegenhält.
„Sieh, Regine," sagte er bewegt, „dies Bild hatte meine Mutter ihrem Gatten als Hochzeitsgabe bestimmt. Aber es wurde nicht rechtzeitig fertig, und als Frau hatte sie sich zum Zeichnen nie mehr Muße gegönnt- die vielen Pflichten hatten ihr den Stift für immer aus der Hand genommen. „Talente dürfen nur Schmuck, niemals Inhalt des Lebens sein," meinte sie oft lächelnd, „aber wenn das Stopfen und Wirthschaften auch nicht so amüsant ist, wie das Zeichnen, so finde ich doch mehr Segen dabei, weil es meinen Lieben zu gute kommt." Mein Vater rahmte das unbeendete Kunstwerk ein und hatte größere Freude daran als an dem schönsten Oelgemälde."
„O, Lix," rief Regine eifrig, „so läßt sich das echte Talent aber nicht abspeisen. Du weißt nicht, wie einem zu Muthe ist, wenn einem ein Stückchen Erde so recht in seiner Schönheit aufgegangen ist, und es nun in allen Fingern zuckt und nicht zur Ruhe kommen läßt, bis man's auf das Papier gebracht hat!"
Nein, das wußte er freilich nicht. Aber etwas glaubte er zu wissen in seiner klaren, schlichten Weise, nämlich wo Reginens Pflichten lagen, und er ließ nicht nach, sie daran zu mahnen, wieder und wieder um ihrer selbst willen- denn er liebte an ihr nicht nur ihre Schönheit.
Sie nahm dann wohl einen flüchtigen Anlauf zur Befferung, aber zu dauerndem Fleiß fehlte der feste Wille, die Einsicht von der Wichtigkeit ihrer Arbeit. Langsam, aber sicher zog sich Regine so den festen Boden gesunder Tdätigkeit und strenger Pflichterfüllung selbst unter den Füßen fort und verlor dadurch in natürlicher Folge die Zufriedenheit, die allein auf diesem Grund basirt. Wohl konnte sie noch glückselige Stunden spielend mit ihrem Knaben vertändeln, aber auch seine körperliche Pflege leitete sie nicht mehr selbst wie im Anfang, sondern überließ dieselbe einer
erprobten Wärterin und streifte mit einem ihrer Lieblingsbücher durch Wald und Flur.
Ihre gesellschaftlichen Erfahrungen glichen alle denen, die sie an jenem Abend bei Rechows gemacht. Sie spielte meist eine etwas stumme Rolle und es gelang ihr nicht immer, ihre gute Laune zu bewahren. Bald galt sie für stolz, unnahbar und schauerlich klug, und wenn sie mit Felix in eine Gesellschaft trat, empfand sie es deutlich, wie man sie mit einer gewissen Scheu betrachtete. Anstatt sich nun zu freundlichem Eingehen auf die Interessen ihrer Nachbarn zu zwingen, von deren innerer Tüchtigkeit zu lernen und mit ihren vielseitigen Gaben neue Anregung in den kleinen Kreis zu tragen, blieb sie lieber von den ihr unsympathischen Menschen fern.
Als sie sich wiederholt weigerte, mit Felix auszufahren, that er energisch Einspruch: „Es ist Dir nicht gut, Regine, daß Du so viel allein bist. Ueberwinde Deine Unlust und komme mit mir."
„Ach Felix, es ist wirklich kein Genuß für mich, mit den guten Leuten eng geschaart um den Kaffeetisch zu sitzen und Korn- und Butterpreise zu besprechen. Du glaubst nicht, wie viel herrlicher es ist, wenn man sich draußen auf das weiche Moos lagert, über sich die Wolken ziehen sieht, den Worten großer Dichter und Denker nachsinnt und sie so ganz anders verstehen lernt, als im engen Zimmer. Man kann doch nicht ganz in Kleinlichkeiten untergehen."
Er runzelte die Stirne. „Es that ihm weh, daß sie jenen „guten Leuten", seinen alten Freunden, die ihm werth waren, nicht näher kommen wollte. Aber er unterdrückte seinen Unmuth.
„Mit dem Untergehen in Kleinigkeiten hat es bei Dir keine Gefahr, Regine," sagte er ruhig. „Du schiebst die tausend kleinen Anforderungen des Tages nur gar zu sehr bei Seite. Wenn man fleißig unter seinen Mitmenschen gearbeitet hat, thut eine stille Stunde wohl, in der man sich auf sich selbst besinnt. Aber ich habe immer gefunden, daß zu viel Einsamkeit gefährlich ist. Man grübelt dann über alle möglichen, unlösbaren Räthsel und verliert die rechte Liebe zu Gott und Menschen, das rechte Maß für die eigene Persönlichkeit. Komme mit mir, Regine!"
Aber sein wohlmeinender Rath verhallte ungehört. So hielt er dann allein nothdürftigen Verkehr mit der Nachbarschaft aufrecht und sah sein Haus, das früher durch seine Gastlichkeit bekannt gewesen, immer mehr vereinsamen. Regine bedachte nicht, daß ihres Mannes gesellige Natur litt unter der ihr auferlegten Zurückgezogenheit, die für ihre Studien erwünschte Muße gewährte. Hätte sie sich einmal klar gemacht, wie wenig sie eigentlich nach den Wünschen ihres Gatten fragte, dann wäre sie vielleicht doch erschrocken. Tags über waren sie wenig zusammen - die gemeinsame Lectüre am Abende hatte sich im Sande verlaufen, Jedes las, was ihm zusagte.
Man hatte den Jungen nach seinem Großvater väterlicherseits Hans Max benannt. Als zwei Jahre später ein kleines Mädchen in Reginens Wiege schrie, wollte Felix ihr eine besondere Freude damit machen, daß er für dasselbe den Namen seiner Schwiegermutter: „Katharine" vorschlug. Regine mußte die zarte Rücksicht anerkennen, aber innerlich bemitleidete sie daS arme Wurm, das nun als spießbürgerliches Kätchen oder Trinchen seinen Weg durchs Leben machen mußte. Da fiel ihr Jensens entzückendes Buch in die Hand und von nun an rief sie die Kleine „Karin," und zuletzt gewöhnte sich Felix, wenn auch erst brummend, ebenfalls an den fremdartigen Namen. So wuchsen die Kinder fröhlich auf- Hans Max zeigte in seinem Wesen eine wunderbare Mischung von Altklugheit und echtem Kindernnn. Karin hatte des Vaters dunkles Haar und seine schönen, tiefblauen Augen geerbt, dazu der Mutter scharfen Verstand und ihren beharrlichen Sinn. Mit Sorgfalt und Liebe geleitet, versprachen sie ein paar prächtige Menschenexemplare abzugeben. Nach Reginens Meinung begann die Erziehung


