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langen Hetzjagd müde geworden sein, und wir kletterten nun die Treppe des alten Hauses empor, um Großmutter Serag unsere Gefahr und Errettung zu erzählen.
Nie werde ich die A-.te vergessen, wie sie auf einem zerbrochenen Stuhl unter dem „Skylight" saß und mich mit ihren Geieraugen anblickte, während ich meine Geschichte vorbrachte. „Du dummes Ding!" rief sie endlich aus, „warum hast Du die Silbcrmüuze uicht behalten, die die Frau Dir bot? Warum brachtest Du sie nicht hierher zu mir? Sie hätte mir sicher noch mehr Geld gegeben, und ich hätte Euch etwas Gutes gekauft- es hätte ein wahrer Feiertag werden können! Hoffentlich kommt sie noch."
Dann forschte sie mich genau über das Aussehen der beiden Frauen aus- ihr Gesicht nahm einen mißvergnügten Ausdruck an, als ich ihr sagte, sie hätten durchaus nicht elegant ausgesehen.
„Es waren also keine reichen Leute!" rief sie ärgerlich. Eine gewisse Schadenfreude ergriff mich in diesem Augenblicke, und ich antwortete keck: „Du möchtest Nan wohl wie ein Stück Vieh verkaufen?"
Kaum hatte ich dies gesagt, da fiel sie über mich her und prügelte mich braun und blau, dann schickte sie mich wieder auf die Straße zum Betteln, behielt aber Nan bei sich in der Dachstube.
Mit wundgeschlagcuem Leib und schwerem Herzen begab ich mich au meine verhaßte Arbeit. Es reute mich jetzt sehr, daß ich der Alten von den Frauen erzählt hatte. Das Elend, das sich in meinem häßlichen, dunklen Gesicht ausprägte, mußte die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregt haben, denn, ohne darum zu bitte«, erhielt ich von allen Seiten Cents, eine alte, als geizig verschrieene Obsthändlerin an einer Straßenecke rief mich sogar freundlich zu sich und gab mir einen schönen rothen Apfel.
(Fortsetzung folgt.)
Maienschmuck am Pfingstfest.
Von F. Kunze.
------- (Nachdruck verboten.)
„Schmücket das Fest mit Maien!" — so ruft begeisterungsvoll der biblische Palmsänger im Hinblick auf die lieblichen Pfingsttage aus und seine fromme Mahnung, die einstmals den alttestameutlichen Zeitgenossen galt, wird noch heute in unserem deutschen Vaterlande und weit über dessen Grenzen hinaus beh rzigt. Maigrüne Birkenzweige zieren am sommerlichen Pfiugstfeste in zahllosen Orten die mensch- ^chen Wohnungen innen und außen, auf dem Thüringer Walde auch Kirchen und communale Gebäude, ja selbst die vielgestaltigen Brunnen-Einfassungen. Im oldenburgischen Küstengebiete staffiren sogar gemüthvolle Schiffer ihre Fahrzeuge und in anderen Gegenven auch die Maurer ihr Baugerüst, die Locomotivführer ihre Maschine mit den zarten poetischen Büschen der weißen Birke aus. Die belaubten Glieder der „weißen Frau mit dem grünen Schleier", um mit Flouqus in bildlicher Weise zu reden, sind zugleich auf- wllige Zeichen eines freundlichen Grußes und festlichen Empfangs für den langersehnten Frühling, der nun mit Sonnenschein und Vogelsang, mit Blumenpracht und Blüthen- ouft wieder Einkehr bei uns hält. Die frohe Menschheit begrüßt sich dann wohl gegenseitig mit Osterwalds Worten:
„Freue Dich mit mir, o Freund: Der Frühling ist wiedergekommen Und zu dem Pfingstfest alles mit Maien geschmückt!"
Im Westfälischen begnügt man sich nicht mit der ein« ladjen Ausschmückung der Häuser und Zimmer, sondern es fogar auf solchen Häusern, welche heirathsfähige -v-adchen bergen, größere Birkenbüsche („Maistrüke") von aufmerksamen Burschen angebracht, in Wittgenstein wohl selbst auf dem hohen Dachfirste befestigt, wie denn überhaupt
Birken und Calmus in keinem Hause Westfalens fehlen dürfen. Erkenntliche Liebhaber anderer Gegenden Deutschlands suchen wiederum in der hierzu ausersehenen Pfingst- nacht unter Aufbietung jeglicher List und Kraft junge Maienbäume aus Wäldern und Gärten zu entführen und am Hause der Herzallerliebsten, besonders unter ihrem Schlafzimmerfenster, zu befestigen. Während der drei letzten Jahrzehnte ist jedoch aus Anlaß der dabei unausbleiblichen Forstverwüstung eine behördliche Steuerung dieses sonst harmlosen Brauches für dringend erachtet worden. Wenn deshalb heute ein Bursche es noch fertig bringt, seiner Liebsten eine Pfingst- maie zu setzen, so gilt das als eine besondere Auszeichnung. Bekanntlich hat der volksthümliche Berthold Auerbach die sich in der minniglichen Widmung eines Pftngstbaumes bekundende Anschauung zur Grundlage seiner beliebtesten Schwarzwald- Novellen ausersehen, und Hoffmann von Fallersleben erinnert nicht minder an diese unsterbliche Sitte, wenn er singt-
„Ueber's Jahr, zu Pfingsten, Pflanz' ich Maien Dir vor's Haus, Bringe Dir aus weiter Ferne Einen frischen Blumenstrauß!"
Doch nur den ehrenwerthen und sittlich unbescholtenen Jungfrauen wird die Ehre des Maiensetzens zu theil, während die „etwas anrüchigen", die sich nicht rein und treu in der Liebe erweisen, auch wohl durch ihr sonstiges Betragen Haß und Mißachtung auf sich geladen haben, einen dürren Baum, einen ausgedienten Reisigbesen, eine getrocknete Dornenwelle, Büsche von Hollunder-, Hasel- oder Wachholdersträuchernunterm Fenster finden werden. Ja, solche Dirnen, die gar keine Verehrer aufzuweisen haben, wird auch wohl der bereits sprüchwörtliche „Strohmann" verehrt. „Das wissen auch die Mädchen und legen sich daher in der Pfingstnacht nicht zu Bett, um jeden Versuch, ihnen eine Strohpuppe aus's Dach zu setzen, zu verhindern. Ein Eimer Wasser, aus der Dachluke gegossen, hält die Uebelthäter nicht ab und so kommt es manchmal zu ergötzlichen Kämpfen," wie Rackwitz aus dem Helmegau berichtet.
Alle diese vor und auf den Häusern errichteten Maien sind wohl zu unterscheiden von dem größeren Mai oder Pfingstbaum, der auf dem Anger, Plane, Markte re. dieser und jener Ortschaft unter reger Betheiligung der zahlreich versammelten Gemeindeglieder hier und da noch aufgepflanzt wird. Einstimmigkeit der Bewohnerschaft ist zur feierlichen Einholung dieses Baumes in allererster Linie erforderlich. Da zieht die fröhliche Schaar in den frischen, grünen Wald hinaus, um „beit Mai zu suchen" und zugleich Birken oder auch Nadelbäume mitzuführen, wobei es natürlich unter Jubel und Gesang laut hergeht. Innerhalb des örtlichen Weichbildes wird nun der mit Ausnahme des pyramidischen Wipfels entästete und abgeschälte Baum eingegraben, nachdem zuvor noch die „ungeschorene" Krone mit Eiern, Würsten, Kuchen, Naschwaaren, gefüllten Weinflaschen und dergleichen Sachen belastet, auch wohl mit Zierrath, bunten Bändern, Tüchern und grellen Papierschleifen ausgeschmückt ist, aufgepflanzt und fröhlich umjubelt.
Wie ist nun aber die Sitte des grünen Birkenschmuckes am Pfingstfeste zu erklären? Zunächst muß berücksichtigt werden, daß sich der eigenartige Brauch ursprünglich auf die Verherrlichung des wonniglichen Maimondes bezog. So setzen noch heute italienische und spanische Jünglinge in der berüchtigten Nacht zum 1. Mai ihrem braunen „Herzblättchen" die übliche Birke vor die Thür, ebenso wie ganz Neapel am Maibeginn mit grünen, duftigen Zweigen der weißen Birke geschmückt. Sagen doch auch die westfälischen Kinder, welche jene mit Bändern und Maiblümchen gezierten Birkenbüsche Gaben heischend in die Wohnungen tragen: „Hi breng'k ju den Mai int Hus." Unter dem personificirten „Mai" ist nämlich der Sommer zu verstehen, der den halsstarrigen Winter vertrieben hat und nun seinen heißersehnten Einzug hält. Ehemals veranstaltete man sogar förmliche Kampfspiele zwischen einem dürren „Strohmann" und einem mit


