Ausgabe 
5.6.1897
 
Einzelbild herunterladen

258

nie wieder zu Großmutter Serag zurückkehren!" bat Nau, als wir eines Tages im Park gewesen waren.

Allein in unserem Eden lauerte der Versucher. Eines Tages streckte Nan vermessen ihre Händchen aus und pflückte einige Blumen vom Rande eines prächtigen Beetes. In demselben Augenblick sah ich einen besternten und bcknüppelteu Wächter der öffentlichen Sicherheit herannahen- voll Schrecken riß ich Nan die Blumen aus der Hand, entfloh entsetzt mit ihr davon.

Wir wagten es seitdem nie wieder, unser Paradies zu betreten.

Und jetzt komme ich, die ehemalige Straßenbettlerin, zu jenem wichtigen Tage, der so entscheidend in unsere Geschicke eingriff.

Bevor Großmutter Serag uns am Morgen dieses Tages zum Betteln aussandte, hielt sie es für angezeigt, mir folgende ernste Warnung angedeiyen zu lassen:Ich bin nicht gesonnen, Euch zwei nichtsnutzige Bälge länger umsonst zu behalten," rief sie-Poll, Du schwarzer Satan, warum erzählst Du den Leuten nicht von Deiner armen, sterbenden Großmutter, die ihre Miethe nicht zahlen kann? Habe ich Dich nicht Dein ganzes Leben lang ernährt- bin ich nicht Deine Wohlthäterin? Und dennoch wette ich darauf, daß Du keinem Menschen fest in's Auge schauen und Deine Ge­schichte ohne Stottern und Erröthen erzählen kannst. Daher kommst Du Nacht um Nacht mit nur etlichen Kupfermünzen nach Hause- wird es nicht besser, so werfe ich Dich kopfüber die Treppe hinab!"

Ich verließ mit Nan das Haus, um mich an mein Tagewerk zu machen, das ich von ganzer Seele haßte. Ich bettele heute keinen Menschen an," sagte ich mürrisch.

Oh Polly, thue cs doch- Großmutter bringt Dich sonst um!" flehte Nan.

Mag sie es thun, wenn sie will!" erwiderte ich trotzig. Was sie wohl damii meint, wenn sie sagt, ich habe böses Blut in mir?" sragte ich meine unglückliche Genossin. Was hast Du denn für Blut, Nan. Es kann nicht das­selbe sein wie meines, weil Du so weiß und hübsch bist."

Sie wird uns heute kein Abendbrod geben," ant­wortete Nan- ihr war am Abendbrod mehr gelegen als an irgend einer Blutsfrage.

Wir trabten weiter durch die Straßen und hielten endlich in einer der Hauptstraßen der Stadt vor einem ungeheueren Schaufenster, das mit den prächtigsten Maaren angefüllt war, dort wollten wir die feinen Damen aus ihren Equipagen steigen und in ihren reichen Gewändern durch die großen Thüren^treten sehen, die sich ihnen wie durch Zauber­kraft öffneten. Dann und wann sahen wir eine dieser vor­nehmen Damen von einem in Sammet und Seide gekleideten Kinde begleitet, dessen Anblick mein Herz mit lebhaftem Neid erfüllte.Oh, Nan!" sagte ich,würdest Du nicht weit prächtiger aussehen, wenn Du wie diese Grasaffen in ge­stickte Kleider gesteckt und mit Spitzen und Bändern behangen würdest? Du könntest sie Alle beschämen mit Deinem gold­gelben Haar, Deinen rosigen Wangen und leuchtenden Augen!"

Nan schmiegte ihren kleinen Lockenkopf zärtlich an meinen Arm.Wir wollen miteinander fortlaufen, wenn wir groß sind," antwortete sie.

Dies war unser Licblingstraum, die Hoffnung, die uns in allen Entbehrungen aufrecht erhielt - wir hatten hundert Mal davon gesprochen. Es war fast mein fester Entschluß, sobald ich groß genug zum Arbeiten wäre, die Alleh und Großmutter Serag zu verlassen und mit Nan nach unbe­kannten Regionen zu entfliehen. Plötzlich kam eine Kutsche daher gerollt- sie hielt vor dem großen Laden, und zwei Frauen eine Dame und ihre Dienerin stiegen aus.

Die Letztere war dick, braun und hatte ein gemeines Aussehen - ihr breites Gesicht war von Blatternarben entstellt. Dre Dame sah sehr hager, bleich und fast mädchenhaft aus. Sie hatte schöne dunkle Augen und Haare, allein ihre Kleidung

war nicht so elegant wie die anderer Damen, die wir ge­sehen, und sie hinkte stark.

Treten Sie vorsichtig auf, Madame," hörte ich die Dicke sagen, als sie der Dame ihren Arm zur Stütze bot.

Plötzlich fiel mir ein, daß ich noch keinen Cent für den alten Hausdrachen eingenommen hatte- ich trat daher rasch vor und streckte meine Hand aus.Bitte, Madame, geben Sie mir ein Almosen!" sagte ich stammelnd.

Die Dame blieb stehen und blickte zuerst mich und dann die kleine Nan an.Großer Gott!" rief sie plötzlich aus.

Die dicke Blatternarbige faßte Nan beim Arm.Wer ist dieses Kind?" fragte sie mich- auch ihre Stimme be­kundete große Ausregnng.

Eine unerklärliche Furcht machte mich vom Kopf bis zu den Füßen erbeben - ich wußte mir selbst keine Rechenschaft darüber zu geben, allein ein geheimer Jnstinct flüsterte mir

zu, daß Nan in Gefahr sei.Sie ist meine Schwester,"

antwortete ich rasch.

Das ist eine Lüge!" sagte die Dicke.Ihr seht

einander ganz und gar nicht ähnlich. Wem gehört das

hübsche Kind?

Niemanden," erwiderte ich.

Hat sie keine Eltern?" fragte sie athemlos.

Nein," antwortete ich.

Die Dicke wandte sich zu der lahmen Dame und sagte in leisem Tone:Es ist ein kleines Bettelmädchen ohne Heimath und Angehörige- könnten Sie eine bessere Gelegen­heit haben? Handeln Sie entschlossen, Madame, sonst sind Sie verloren!"

Die Dame schien zu zögern.

Wenn Sie nichts wagen wollen, Madame, so können Sie auch nichts gewinnen!" sprach die Dicke eindringlich, zog eine kleine, abgenutzte Börse aus der Tasche, nahm eine Silbermünze daraus und reichte mir diese dar.Hier, Du kleine Schwarze," sagte sie zu mir,nimm dieses Geld, laufe nach der nächsten Conditorei und kaufe etwas Zucker­werk für das hübsche Kind- ich will hier bei ihr warten, bist Du zurückkommst."

Der Kniff war zu durchsichtig- ich durchschaute ihn auf der Stelle- sie wollte sich meines hübschen Lieblings be­mächtigen. Ich warf die Silbermünze wüthend auf das Trottoir und fiel mit Zähnen und Fingernägeln über die Hand her, die des Kindes Arm bereits ergriffen hatte. Lassen Sie meine Schwester los!" keuchte ich-was wollen Sie von ihr? Die Hand weg, oder ich beiße!"

Nan fing jetzt vor Furcht und Schrecken laut zu weinen an. Die Vorübergehenden blieben stehen, um zu sehen, was es gebe.

Um's Himmels Willen, Hannah, laß sie gehen!" rief die Dame in größter Besorgniß.

Mit einem unterdrückten Fluch ließ die Braune Nan los - wir aber machten uns sofort auf die Fersen und flohen.

An der ersten Straßenecke gehorchte ich dem Jnstincte aller Flüchtlinge- ich wandte mich um und blickte zurück. Die Straße war voll von Menschen- in ihrer Mitte aber erblickte ich die dicke braune Frau, die uns mit raschen Schritten nachsetzte. Wir wurden also verfolgt.

Die Furcht verlieh mir Flügel. Zum Glück drängte sich eine große Menschenmasse auf dem Trottoir hin, und so winzige Geschöpfe wie ich und Nan waren nicht leicht int Auge zu behalten.Hurtig, Nan," ries ich meiner armen zu Tode geängstigten Begleiterin zu.Das böse Weib ist hinter uns her - sie will Dich von mir wegnehmen!"

Nan wimmerte leise und verdoppelte ihre Anstrengungen.

Wie weit wir verfolgt und beobachtet wurden, weiß ich nicht. Jedenfalls hatten wir der dicken Braunen viel zu schaffen gemacht. Ich war sehr flink und zog die kleine Nan energisch mit mir fort. Wir bogen in zahlreiche Nebenstraßen und dnnkle Gäßchen ein, und als wir endlich unsere Alley erreichten, waren wir in Sicherheit. Nirgends war eine Spur von unserer Verfolgerin zu erblicken- sie mußte der