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ein eiliger Schritt sich draußen vernehmen, und die Thür vom Corridor her wurde hastig geöffnet.
„Donnerwetter, is bet 'n verteufelter oller Kasten! Euer Hildesheim scheint ja en verrackertes Nest zu sind," rief der Eintretende, ein junger Diener in einfacher, dunkelblauer Livree, die nur sparsam mit Silber besetzt war. Sein hübsches Gesicht mit frischen Farben, sorgsam aufgewirbeltem Schnurrbart und hellen Augen schaute ein wenig frech in die Welt.
„Wer mich in meine Küche kömmt, der wünscht mich un die Anderen guten Abend, un übrigens, was 'n halbwegs gebildeter Mensch is, der spricht nich von Hildesheim, sondern vom Potte,*)" fugte Caroline - der Diener aber gab nicht acht auf ihre Worte.
„Sechsmal habe ick mir verloofen, bis ick hierher je- funden bin," sprudelte er hervor. „So wat von Jängen un Treppen un Ecken und dunkle Löcher, bet lebt ja weiter jar nich! Un niedrig is et überall, niedrig, — zehnmal mindestens 6in ick heute schon irjendwo mit dem Kopfe jegenjeloofen, weil ick vergessen hatte, mich zu bücken. Vorhin mache ick 'ne Thür auf, da sehe ick wieder so 'n dunkles Loch, denke, det is en Wandschrank oder so wat, auf einmal merke ick, daß 'ne Treppe drin nach oben führt. Die bin ick aber nich jegangen, die Jeschichte war mir denn doch zu unheimlich. Der Deubel weiß, wat die Kerle, die diese Häuser jebaut haben, mit all' diesen kleenen Löchern jewollt hoben, in denen sich 'n Mensch kaum umdrehen kann. Die sind doch nur iut für die Ratten."
„Ratten giebt es nich in das Haus von Frau Regierungsrath Henninger," bemerkte Caroline streng.
„Na, denn vielleicht für Jespenster," sagte der Diener und lachte.
„Das könnte eher möglich sein."
Der junge Bursche war bisher lebhaft in der Küche auf- und nieder gegangen, als er aber jetzt hörte, wie ernsthaft die Köchin seinen Scherz beantwortete und die Möglichkeit überirdischer Genossen in den Gängen und Winkeln des alten Hauses zugab, blieb er stehen und schaute verdutzt, mit halb- offenem Munde zn ihr hin.
Da sie erkannte, daß sie auf dem Wege sei, ein Ueber- gewicht über den Kecken zu gewinnen, legte sie ihr Gesicht in noch ernsthaftere Falten und sagte: „Na, umsonst wird unser Haus doch woll seinen Namen nich haben."
„Welchen Namen?"
„Das wissen Sie noch nich? Un wollen hier Diener sein? Nee, so was! Das Haus der Schatten nennen sie ihm."
„Haus der Schatten?"
„Jawoll. Un genau genommen kommt dieser Bezeichnung von ’ner Inschrift her, die über die Hausthür steht. In Ihren Berlin mag das ja woll nich Mode sein, aber hier is es Mode un is es immer gewesen, un darum setzen sie so 'ne Inschriften über den Thüren. Un meistens sind sie noch gut zu lesen, aber hier bei unserer Thür is sie schon ganz verwischt, als hätte man ihr mal mit Absicht ausgekratzt. Un das is sonderbar, denn was sonst noch an die Thür is von Gesichtern und Sckmörkeleien un so was, das is allens klar zu sehen. Da oben sind aber nur noch 'n paar Buchstaben übrig geblieben un die lesen sich wie ,Schattenfl"
„Caroline," — begann der Kutscher würdevoll von seinem Sitze herab, den er nicht verlassen hatte.
„Ferdinand, ich weiß, was Sie sagen wollen," unterbrach sie ihn, indem sie das ,Sie^ in der Anrede bedeutungsvoll betonte. „Der Herr Regierungsrath selig hat es mich auch mal gesagt, es wäre Unsinn un das wäre lareinisch un hieße gar nich Schatten. Aber, sein Andenken in Ehren, das is mich denn doch zweifelhaft. Für mich heißt es ganz deutlich so, auch wenn ich mit die Brille hinsehe."
„Na, also weiter hat det mit dem Namen nichts auf
*) Hildesheim heißt im Bolksmund Pott - Hilmsen, oder kur-weq 6er ,Potv.
sich?" fragte der Diener, und ein Ausdruck der Erleichterung zeigte sich auf seinem Gesichte.
„Das will ich nich behaupten," gab Caroline mit gedämpfter Stimme zur Antwort. „Man könnte allerlei erzählen, wenn man wollte."
(Fortsetzung folgt.)
Uebcr das Riesen.
Von Eugen Jsolani.
------- (Nachdruck verboten.)
Schon im Alterthum sah man das Niesen für eine gute Vorbedeutung an; als Telemach nieste, da Penelope von der Rückkehr des Odysseus sprach, nahm sie es für ein glückliches Zeichen hinsichtlich ihres Wunsches. Man kann dies nur der plötzlichen unwillkürlichen Bewegung des Niesens zuschreiben, wofür den Alten damals die Erklärung fehlte.
Aber auch heute noch gilt das Niesen als ein günstiges Omen. „Du hast es bemeßt, es wird wahr!" so sagen auch wir. Die Alten legten das Nie en verschieden aus: und zwar günstig in der Zeit von Mittag bis Mitternacht, ungünstig im umgekehrten Falle. Auch war es en Zeichen des Glücks oder Unglücks, je nachdem man rechts oder lmks nieste. Stets aber betrachtete man das Niesen als etwas Heiliges, und es ging Cie Legende, daß der erste Mensch als erstes Lebenszeich n geniest haben soll; die Erschütterung habe befürchten lassen, daß die Menscheng statt darüber zerbersten werde, daher denn die Götter gerufen haben: „Jupiter sei dir gnädig!"
Freilich war dies nicht die einzige Legende,- die man an das Niesen knüpfte. Schon im Alterthum ging die Meinung, warum das Niesen als gute oder böse Vorbedeutung gilt, vielfach auseinander, und als Alexander der G>oße Aristoteles nach dem Ursprung der Sitte, sich beim Niesen Gesundheit zu wünschen, fragte, wußte dieser ihm die Erklärung nicht zu geben.
Die Siamesen erklären die Bedeutung des Nietens in folgender Weise: In der Hölle ist ein Tribunal mit einer schwarzen Canzlei unausgesetzt beschäftigt, die Süitdenregister der Menschen zu führen und sie vollständig zu erha ten. Der Vorsitzende dieser unheimlichen Behörde liest fortwährend die eingereichten Conduitenlisten der Sterblichen; Diejenigen nun, mit deren Sünden er gerade beschäftigt ist, müssen auf Erden in dem Augenblick, wo er ihren Namen nennt, niesen. Es ist daher sehr angebracht, wenn man, um die Macht des Teufels zu brechen, dem Niesenden ein „Gott helft!" zuruft.
Die Sitten, die beim Niesen befolgt wurden und werden, sind ungemein mannigfaltig. Die Soldaten des Cyrus mußten den Hut abnehmen, wenn ihr Führer nieste. Unter dem Kaiser Tiberius war es Sitte, sich, wenn Majestät nieste, stumm zu verbeugen. Im Königreich Senuaar in Afrika dagegen ist es üblich, sich, wenn der König niest, umzudrehen und sich auf den rechten Oberschenkel einen lautschallenden Schlag zu geben, um das Geräusch des Niesens zu überbieten. Noch weit umständlicher ist die Sitte in Monomotapa am Zarnbeza. Sobald dort der Kaiser niest, müssen die Hofleute ein dem Niesen ähnliches Geräusch machen; dasselbe aber muß von allen nachgemacht werden, die es hören, sodaß es von Zimmer zu Zimmer, von Haus zu Haus, von Straße zu Straße fortklmgt, bis die ganze Residenz davon erschallt. Bei einem Schnupfen des Kaisers muß der Aufenthalt in Monomotapa demnach recht angenehm sein.
Bei uns sind die Wünsche „Zur Gesundheit!" oder „Gott Helf!" auch wohl mehr Formeln der Höflichkeit, als an den Himmel gerichtete Bitten. In früheren Jahren rief man dem Niesenden vielfach, wenn man besonders höflich lein wollte, zu: „Ein schönes Haupt hat sich geneigt!" Hierauf hatte dieser zu erwidern: „Ein schöneres hat es angezeigt."


