Ausgabe 
5.1.1897
 
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Das Haus der Schatten.

Roman von Robert Kohlrausch.

(Nachdruck verboten.)

Erstes Capitel.

Das zusammengesunkene Feuer leuchtete durch einen schmalen Spalt an der Thür und einen zickzackförmigen Riß in der Platte des stattlichen Herdes nur noch mit ermattender Gluih hervor. Aber doch war die Küche im ersten Stockwerk des alten Hauses an diesem Winterabend voller Wärme und Licht, während draußen der Wind ein leichtes Schneegestöber vor sich hertrieb und zuweilen mit heulendem Ton hineinfuhr in den viereckig trichterförmigen, mächtigen Schlot, der über der ehemals offenen Feuerstelle in die Höhe führte. Jetzt war dieser Rauchfang mit fester, sicherer Platte geschloffen und wehrte dem ungestümen Besucher den Eintritt. So war es ruhig und hell in dem behaglichen, niedrigen Raum, niedrig wie alle übrigen Räume in dem vor Jahrhunderten errichteten Gebäude.

Die Küche war von unregelmäßiger Gestalt/ beim Ein­gang vom Corridor her nicht allzu breit, erweiterte sie sich von der Mitte ab durch einen Vorsprung nach rechts um die Breite eines Fensters, dem zu Liebe man diesen Ausbau ge­schaffen hatte. Es war das einzige, das bei Tage direct von außen Licht hereinsührte/ zwar befand sich rein Fenster

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ragst mich, wo doch das Glück mag wohnen Sag' Dir die Antwort bündig und gut: Träume Du nicht von verlorenen Kronen, Nächtlich durchscheinend des Waldsees Fluch. Such' Dich nicht müd' nach der blauen Blume, Die in welteinsamer Wildniß blüht, Glaub' es auch nicht Deiner alten Muhme, Daß in der Felswand ein Goldschatz glüht. Träume nicht, halte die Augen offen, Jedem begegnet einmal das Glück;

Kommt Dir's entgegen, dann sei nicht betroffen, Laß' es vorüber nicht, weich' nicht zurück.

Lach' es frisch an und thu' nicht erschrocken, Sprich Deinen Spruch, 's ist die richtige Stund', Pack' es beherzt bei den goldenen Locken, Küss' es nur keck auf den blühenden Mund! A. W.

auch in der Thür, doch kam von hier nur die gedämpfte Helle vom Corridor.

Vier Personen waren beim Schein einer Petroleumlampe aus weißem Milchglas hier versammelt, deren Licht im blinkendem Kupfer von Kasserollen und Kesseln, im Messing­beschlag des Herdes, im blankem, blauweißen Porzellan der Börte sich freundlich spiegelte. Am Tische zur Linken, der die Lampe trug, saß eifrig strickend eine weibliche Person von nahezu fünfzig Jahren in altmodischer Köchiunentracht, eine weiße, den Kopf dichtumschließende Haube auf dem noch ungebleichten, braunen Haar, die Röthe der Gesundheit auf dem vollen, zufriedenen Gesicht. Nicht weit von ihr, dem Herde näher, aber doch noch im vollen Scheine der Lampe saß ein Mädchen von einigen zwanzig Jahren, ein wenig koketter, aber doch einfach gekleidet mit blassem, gutmütigem Gesichte, das im Schnitt und Ausdruck, mit seinen hervor- quellenden Augen an den eines Fisches erinnerte. Sie las eifrig in der neuen Lieferung eines Colportagerornans, ab­gewandt von den anderen, die Füße gegen den Kohlenkasten gestemmt. In der äußersten Ecke zur Rechten, dicht neben dem einzigen Außenfenster befand sich auch ein männliches Wesen, das auf einem unbequemen Sitz, einem steinernen Ausguß, über den ein Brett gelegt war, eine kurze Pfeife rauchend, mit herabhängenden Beinen behaglich dasaß. Er mochte so alt sein wie die Köchin, und sein Gesicht war ebenso voll und rund wie das ihre, die kurzgeschnittenen Haare waren aber bereits ergraut, und um die Augen herum waren Falten in die wettergebräuute Haut eingegraben.

Die vierte der anwesenden Personen hatte sich so tief in die Ecke der Küche zur Rechten der Thür hineingedrückt, daß ein Eintretender sie leicht übersehen hätte. Es war ein Mädchen, ein Kind noch, von dreizehn Jahren vielleicht, aber lang aufgeschossen für sein Alter und von erschreckender Magerkeit. Aus dem zu kurz gewordenen, dürftigen Kleide schauten Arme und Beine lang hervor; das hagere, an den Schläfen eingefallene Gesicht war von gelblicher Farbe, große braune Augen blickten angstvoll umher. Das Haar von mattem Blond' war glatt an den Kopf gestrichen und hinten in einem einfachen Knoten zusammengehalten. Die Tracht war sauber, aber trotzdem ging ein Hauch von Armuth, Noth und Entbehrung von dem Kinde aus. Es saß auf einem niedrigen Schemel zusammengekauert da und mit beinahe thierischer Gier aus einer braunen, irdenen Schüssel, die allerlei Reste vom Mittagessen enthielt, und die es mit den dürren Fingern der linken Hand eifersüchtig umklammerte. Zuweilen warf das Mädchen einen Blick voll scheuer Furcht