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Lag ihren Kelch zur vollen Blüthe erschließt? Dunkle Wolken steigen am Himmel auf, — sie künden Sturm und Wetter an, — und just diese sprengen voll Zaubermacht die Lenzes- knospen.
Die Gräfin wünscht sich allsozleich nach dem Thee zurückzuziehen,- man sagt sich Gutenacht und trennt sich bedeutend früher wie sonst.
Fränzchen behauptet grollend, ihre „Flossen" seien vom Brombeergelee so klebrig, daß sie keinem Menschen die Hand reichen könne. — Statt dessen wirst sie dem Assessor einen recht grimmigen Blick zu, nimmt Pia am Arm und zieht sie zur Thür.
„Komm — wir lesen noch ein wenig den Trompeter!"
Fräulein von Nördlingen reicht dem jungen Forstmann die Hand, — Auge ruht in Auge und sagt so viel mehr als Gutenacht!
Auch Hellmuth scheint die Situation zu begreifen, scheint es zu empfinden, daß eine Entscheidung drängt. Mit festem Druck umfaßt er die schlanken Finger. „Sie lesen noch den Trompeter, mein gnädiges Fräulein?" — sagte er so scherzend, wie es ihm möglich ist. „Nun dann haben Sie Mitleid mit dem armen Burschen, der Nachts vor dem Fenster der Geliebten seine Lieder bläst! Er konnte anders nicht zu ihr reden, und baute sich darum aus Tönen die zauberische Leiter zu Söller und Thurm! Gutenacht, Miß Lilian!"
Wie bedeutsam er sie bei diesen Worten anblickte? Legt er ihnen einen tieferen Sinn zu Grund?
Langsam, schweigend schreitet sie mit Fränzchen durch den erleuchteten schmalen Corridor.
Plötzlich bleibt sie stehen und legt dem Backfischchen mit liebevollem Blick die Hände auf die Schultern. „Hör, Fränzel, erlaß mir heut das Lesen! es wird sehr viel besser und wichtiger sein, wenn ich nach Hause schreibe und Mama mittheile, daß ich die Depesche empfangen habe und nach unserer beendigten Rheinfahrt direct zu den Eltern heimkehre!"
„Nein — Du gehst wieder ipit uns nach Niedeck oder wo wir sonst Hinreisen — Du bleibst bet uns!" trotzt Fränzchen mit rauher Stimme und sieht plötzlich sehr viel älter aus.
„Wenn Deine Eltern mich nicht so lange als Ueberfracht mit sich Herumschleppen wollen, so bleibe ich gewiß gern bei Euch!" nickte Pia beschwichtigend, nur mit dem sehnsüchtigen Wunsch, die unliebsame Gesellschaft ein wenig los zu werden, — „schreiben muß ich doch auf jeden Fall!"
„Ich setze mich zu Dir!"
„Das stört mich ja, bestes Herz! Du weißt, daß ich im Hause des Onkels an gar keinen Verkehr gewöhnt war und die Einsamkeit am Schreibtisch benöthige!"
Comteßchen kneift die Lippen ein. Ein wunderlicher Blick taucht scharf und forschend in die Augen der Sprecherin. „Gut," sagt sie kurz, „ich gehe, aber von Zeit zu Zeit sehe ich einmal nach Dir!"
„Das wird mir sehr lieb sein! also auf Wiedersehen!"
Pia muß lächeln. Fraglos, das eifersüchtige Mädel bewacht sie.
Der Assessor verabschiedet sich auch von dem Grafen. Er lehnt die Cigarre, welche dieser ihm anbietet, ab.
„Ich möchte gern noch ein wenig im Kurhaus mit dem so liebenswürdigen jungen Arzt der Anstalt plaudern!" sagt er verbindlich. „Vielleicht schließen Sie sich an, Mr. Luxor, und erfreuen uns durch Ihre so liebenswürdige Gesellschaft!"
Willibald lehnt dankend ab, seine Frau bedürfe größter Ruhe bei ihren Migräneansällen und da würde ein späteres Heimkommen sie stören.
So trennt man sich.
Als der junge Forstmann eilig die Treppe hinabsteigt, bemerkt er nicht, daß sich eine Thür ein klein wenig öffnet und zwei blitzende Augen ihm nachschauen.
Er sieht auch nicht, daß eine Gestalt leise hinter ihm
her huscht und ihm in dem Schatten der Gartenanlagen folgt, bis zum Kurhaus.
Dort bleibt sie stehen und beugt nur den Kopf behutsam hinter den Zweigen hervor, um zu spähen, ob die hohe Männerfigur wirklich hinter der Kurhausthür verschwindet.
Sie thut es.
Da athmet Fränzchen tief auf und wandelt langsamen Schrittes auf den Gartenwegen hin und her. Es ist einsam, noch sind nicht viele Kurgäste, der frühen Jahreszeit wegen, hier. — Außer der Familie Luxor wohnt wohl nur der Forstassesfor in der Dependence, da ist nicht viel Verkehr in dem jungbelaubten Garten.
Comteßchen scheint recht befriedigt von dem Ergebniß ihrer Beobachtung, — sie Pfeift leise und triumphirend „Die Wacht am Rhein" vor sich hin und macht dazu ein Gesicht, welchem nur der Schnurrbart fehlt, um einem Krieger auf Vorposten täuschend ähnlich zu sein.
Nach kurzer Zeit paßt sie einen Moment ab, wo es besonders still im Kurhause ist, tritt muthig in den Corridor und weicht schnell wieder zurück, als Schritte und Stimmen auf der Treppe laut werden.
„Aha! da ist er."
„Gehen wir doch noch eine Stunde in die Krone! Der Wirth ist sehr musikalisch und spielt uns etwas vor, dieweil wir uns seinen vortrefflichen rothen Aßmannshäuser munden lassen." Die Stimme des jungen Badearztes, und richtig, nun erscheinen sie Beide im Laternenschein und wandern dem Dorfe zu.
Kränzchens Augen blitzen befriedigt auf. Nun sitzt er „Nummer Sicher" bei dem rothen Aßmannshäuser und läßt sich jeden Rendez-vous-Gedanken mit Pia vergehen.
Und morgen? — Nun, da wird sie wieder rechtzeitig zur Stelle sein, um die Beiden zu trennen, und wird dafür Sorge tragen, daß die Eltern schleunigst weiter reisen und jede Beziehung zu dem Falschen, Hinterlistigen abbrechen! Giebt er vor, verheirathet zu sein, nur um desto ungenierter die Cour machen zu können, ihr, der Pia! — als ob ein Mädchen mit sechzehn Ahnen nichts Besseres zu thun hätte, als einen Herrn Hellmuth zu heirathen!
Fränzchen krampft zornig die Hände zusammen und stiefelt im Sturmschritt nach der Villa zurück, um bei halbgeschlossener Thür jeden Schritt im Corrivor zu überwachen. — Vorsicht ist immer gut, und Liebe und Effersucht schlafen selbst mit offenen Augen!
Capitel 20.
„Feinslieb — ich thue Dich grüßen I"
I. 33. v. Scheffel. Nun behüt' Dich Gott, herztausiger Schatz, Du sichst mich nimmermehr! —
Volkslied.
In dem Thurmzimmerchen, welches Pia bewohnt, hatte lange das Licht gebrannt. Spät nach Mitternacht erst war es erloschen, als letztes in der Burgvilla. Nun stand der Mond im voller Silberpracht am Himmel und malte einen breiten Silberstreifen auf das Wasser, langhin wallend bis nach Sonneck und Falkenburg hinüber, deren Runen grell beleuchtet wie Märcheugebilde über den dunklen Bergen schwebten.
Weich und warm wogte die Luft, Ströme von Duft quollen aus den blühenden Gebüschen, in welchen die Nachtigall von wonnigen Qualen der Liebe sang. Stern an Stern funkelte am klaren Himmel, tiefer, zauberhafter Frieden ruhte auf dem schönsten aller landschaftlichen Bilder und selten nur, lautlos wie ein Traum, glitt ein Schiff mit gelbglühenden Lichtern den Rhein hinab. Wie ein Schatten zieht es dem Ufer zu — ein kleines Boot, welches vorsichtige Ruderschläge treiben.
Wie funkelnder Thau sprüht es auf, wenn sich die Ruder heben — und wo das Steuer in das klare Wafferband einschnitt, zieht sich ein blinkender Schweif lang und zitternd hinter dem Schiffchen her. (Forts, folgt.)


