und Spitzfindigkeiten in das Treffen schicken, wird sich auf die, durch Jahrhunderte geheiligte Tradition berufen, und wird die Couvenienz der Fürstenehen citireu und was es dergleichen mehr an klingenden Phrasen giebt.
Nein, damit packt sie ihn nicht bei der Ehre, damit faßt sie nicht jene einzige Ansicht, über welche es für ritterlich denkende Männer kein Disputiren giebt.
Sie wird es anders anfangen, jesuitisch — mit dem Wiegenliedlein für ihre Scrupel, daß ja der Zweck die Mittel heiligt,- Pia nimmt mit stürmenden Pulsen Feder und Papier zur Hand und setzt sich nieder, an Wulff-Dietrich zu schreiben:
„Sehr geehrter Herr Graf!
Es wird Sie überraschen, einen Brief von mir, der Unbekannten, zu erhalten. Ich weiß, daß es durchaus gegen Form und gute Sitte verstößt, wenn eine junge Dame an einen fremden jungen Herrn einen Brief richtet; es giebt aber Lebenslagen, in welchen alle Rücksichten schweigen müssen, in welchen alle Nebensachen vor der großen, ernsten Hauptsache schwinden Verzeihen Sie, wenn ich eine Angelegenheit berühre, welche uns Beiden fremd ist, und nächster Zeit doch zwischen uns hätte erörtert werden müssen. Es betrifft die rein geschäftliche Abmachung unserer Eltern, uns zu ver heirathen. Ich kenne Sie nicht, Herr Graf, also können diese Zeilen Sie auch nicht beleidigen. Meine Ansichten über eine derart gewaltsame Vereinigung zweier Menschen, welche vielleicht in nichts harmoniren und keinen Funken von Sympathie, geschweige von Liebe für einander fühlen, diese Ansichten möchte ich Ihnen gar nicht erst aussprechen, denn ich hoffe, Sie theilen dieselben mit mir. Sicherlich würde es auch Sie sehr unangenehm berührt haben, eine Frau zu heirathen, welche nur auf Befehl der Eltern ihr Jawort gegeben! Wenn ich mich aber jetzt in meiner Verzweiflung an Sie wende, hochgeehrter Herr Graf, mit aller Zuversicht auf Ihren Edelmuth und allem Vertrauen in Ihre Ritterlichkeit, so werden Sie mir gewiß nicht die Hilfe versagen, um welche ich Sie anflehen möchte!
„Ich liebe, Herr Graf! Liebe mit der ganzen heißen Innigkeit einer tiefen Neigung einen Mann, welchem ich Treue gelobt habe und welchem ich auch Treue halten will, — bis zum Tode. — Seiner Werbung steht viel, — Alles im Wege, so lange meine Eltern in der unglückseligen Zuversicht leben, in Ihnen den reicheren, und darum willkommeneren Freier begrüßen zu können. Eine Weigerung meinerseits, mit Ihnen auf den Hofball am 14. dieses Monats zusammenzutreffen, würde eine Vernichtung all der heißen Wünsche sein, welche mein Verlobter und ich in die Zukunft setzen, denn der Zorn meines Vaters würde mich zu strafen wissen. Nun wende ich mich an Sie, hochverehrter Herr Graf, und beschwöre Sie bei Allem, was Ihnen heilig ist, erbarmen Sie sich meiner und kommen Sie am 14. dieses Monats nicht auf den Ball. Eine Depesche kann Sie im letzten Moment entschuldigen, ersparen Sie uns Beiden das entsetzlich Peinliche einer persönlichen Begegnung! — Ich würde es Ihnen in unbegrenzter Dankbarkeit zeitlebens gedenken! — Ich weiß, daß ich viel, sehr viel von Ihnen verlange, denn es blieb mir nicht unbekannt, daß sich Ihre reiche Erbschaft an meine sechzehn Ahnen knüpft; aber mein Glaube an Ihren Edelmuth, an Ihren Rittersinn ist größer, wie meine Angst vor Ihrem Trachten nach Gold und Schätzen. Ich bin zu Ende mit meiner Beichte, ich lege sie vertrauend in Ihre Hand. — Schreiben Sie mir keine Antwort. — Antworten Sie mir durch Ihr Fernbleiben, — und ich werde Sie segnen dafür!
Pia, Freiin von Nördlingen-Gummersbach."
Als die junge Dame diese Zeilen in fliegender Hast zu Papier gebracht, las sie das Geschriebene noch einmal flüchtig durch und lehnte sich alsdann mit glühenden Wangen in den Sessel zurück. Eigentlich war es unerhört, was sie da geschrieben hatte!
Lügen, schreckliche Lügen von Siebe — Treue — und
einem Verlobten! Wäre sie gar nicht zu aufgeregt und außer sich gewesen, sie würde hell aufgelacht haben!" That sie unrecht? — Ein großes Unrecht I Gewiß nicht, sie kam nur der Lüge des Grafen: „Ich liebe Dich" — geschickt zuvor. Und etwas stark aufgetragen mußte das Schriftstück sein, denn ein Mann, welcher sich überhaupt zu so einem entwürdigenden Menschenhandel hergab, der war nicht so peinlich in seinen Ansichten.
Da mußte schon schweres Geschütz aufgefahren werden, sollte in solch ein Herz die Bresche des Mitleids geschossen werden. Pia siegelte und adressirte den Brief, dann hüllte sie sich in Pelzmantel und Kopftuch und eilte, fiebernd vor Ungeduld, in den Schneesturm hinaus, das wichtige Schreiben eigenhändig zu besorgen.
Ungesehen kam sie wieder heim und setzte sich in das Fenstereckchen, um sich nun einem Hangen und Bangen in schwebender Pein hinzugeben.
Dann schritt sie abermals zu dem Schreibtisch, um einen Brief an Taute Johanna zu verfassen. Sie schüttelte ihr rückhaltslos ihr Herz aus.
„Wenn es irgend angeht, Herzenstantchen, lade mich zu Dir ein, damit ich so bald wie möglich von hier wegkomme!" bat sie zum Schluß. Ich kenne Cousine Fränzchen noch nicht, und es wäre doch hohe Zeit, daß wir Freundschaft schlössen."
* *
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Die Tage vergingen schnell und der Hofball kam.
Frau von Nördlingen that Alles, was in ihren Kräften stand, um der Tochter gut zuzureden, und der Oberstlieutenant war die verkörperte Güte und Liebenswürdigkeit, stets von Neuem bewußt, den Glanz des Niedeck'schen Majorats in überschwenglichster Weise auszumalen.
Und Pia schien wirklich auch nachgiebiger zu werden, wenn sie auch still und blaß, mit verweinten Augen umherging.
„Die ganze Stadt spricht bereits von Graf Wulff- Dietrichs Brautschau!" sagte sie aufgeregt. „Man erwartet unsere Verlobung mit Bestimmtheit, o, Mama, wenn ich ihm nun nicht gefalle, wenn er schon eine Andere erwählt hätte, — Graf Hartwig soll jüngsthin erzählt haben, sein Bruder wolle sich an Landesfürst und Kaiser wenden, daß die Erbschaftsclausel als unhaltbar aufgehoben werde, ach, ich würde sterben vor Scham und Stolz, wenn er sich nicht mit mir verlobte."
Der Oberstlieutenant drehte grimmig den Schnurrbart in die Höhe. „Ich wollte es ihm nicht rathen!" wetterte er. „Meine Tochter ist keine Puppe, die man besehen und ungekauft wieder aus der Hand legen kann!"
Er sah es in seiner Erregung nicht, daß es um Pias Lippen wie stolze Genugthuung zuckte.
Bezaubernder wie je stand die junge Baroneß vor dem Spiegel und starrte mit fiebernden Pulsen auf ihr wunderholdes Bild. Sie empfand es selber, kam Gras Wulff, so trat er freiwillig nicht mehr zurück, eine namenlose, schwindelnde Aufregung folterte sie, mechanisch stieg sie in den Wagen und fühlte, daß ihr Herzschlag stockte bei der quälenden Frage: „Wird er kommen?"
Capitel 11.
Er lebt vom bloßen Pflichttheil seines Lebens und giebt die volle Erbschaft hin! Tiedge.
Als Pia den Saal betrat, mußte sie durch etliche Reihen junger Herren schreiten, welche erwartungsvoll in der Nähe der vergoldeten Flügelthüren Spalier bildeten, und bei dem entzückenden Anblick der „unbekannten Göttin" überrascht zurücktraten.
Die wohlfrisirten Häupter neigten sich grüßend, die Sporen klangen mit melodischem Silberklang zusammen, und dann flüsterte es von Mund zu Mund: — „Wer war das?" — brillante Erscheinung! — bildhübsch! Alle Wetter, diese Auffrischung that unserer Blüthenlese noth!"
„Baroneß Nördlingen-Gummersbach!"


