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Wunsch nur ganz in der Familie gefeiert worden, aber die Hochzeit soll großartig werden, wie bei einer Prinzessin ..."
Bella ließ die Hand mit dem Briese auf den Schooß fallen und starrte finster vor sich hin. Ihr Hoffnungstraum war zu Ende! Der Mann, den sie wahrhaft geliebt und für ein Ideal von Characterfestigkeit gehalten hatte, erwies sich als ein ganz gewöhnlicher Mensch, der den Einflüssen seiner Verwandten hatte nicht widerstehen können. Sie hatte sich in ihm getäuscht, indem sie einen Thongötzen für einen Halbgott hielt! Das war der ärgste Stoß, der sie tödtlich verwundete. Ihre reine, stolze Jugendliebe war vernichtet. „Ich hätte ja sein Weib werden können," sagte sie sich, „dann würde ich mein Leben lang an der Enttäuschung zu tragen gehabt haben. Mein thörichter Stolz, wie es die Kleinstädter nannten, hat mich vor diesem Loose bewahrt. Es ist gut so! Ich kann mich glücklich schätzen! Ein bitteres Glück! Aber ich will nicht trauern, will nicht — will nicht!"
Sie stampfte trotzig mit dem Fuße und war ärgerlich über die Thränen, die ihre Augen füllten.
Vorbei! — hätte sie ihren Vater nicht gehabt, so würde kein Band sie mehr an die alte Heimath gefesselt haben, aber diese war ihr verhaßt geworden und nie mehr konnte und mochte sie dahinzurückkehren. Was war sie nun? In der Fremde ein armes, trostloses Weib mit leerer Seele!
Nachdem sie mit äußerster Kraftanstrengung ihre Fassung wiedergewonnen hatte, badete sie ihre Augen, um die Thränen- spuren zu verscheuchen, dann begab sie sich zu Lady Agnes.
„Mylady," sagte sie, wobei ihre Stimme leise bebte, „erfüllen Sie mir eine herzliche Bitte! Lassen Sie mich mit nach Indien gehen!"
Lady Agnes blickte sie erstaunt und forschend an.
„Wie! Noch vor Kurzem erklärten Sie mir, daß Sie unter keinen Umständen Europa verlassen würden . . . ."
„Gleichviel, wohin — ich möchte fort, weit fort!"
„Aber ich kann keine Gesellschafterin mehr brauchen, nicht mehr bezahlen! Ich bin arm geworden!" sagte die Lady ablehnend.
„Ich will Ihnen umsonst dienen!" betheuerte Bella. „Eine treue Dienerin müssen Sie doch haben, und ich werde Ihnen eine treue Dienerin sein!"
„Wollen Sie mir nicht den Grund dieser plötzlichen Umwandlung mittheilen?" fragte Lady Agnes neugierig. „Haben Sie eine unglückliche Nachricht erhalten? Ist Ihnen Ihr Geliebter untreu geworden?"
Diese Andeutung war dem stolzen Mädchen peinlich.
„Ich — ich habe keinen Menschen, der solchen Namen verdiente, Mylady. Mich bindet nichts. Meinem Vater und Bruder werde ich überall ein treues Gedenken bewahren."
In den Augen der Lady Agnes funkelte ein unheimliches Licht.
„Nun gut," erklärte sie, „auf die Gefahr hin, daß ich Ihnen nichts bieten kann als den Tisch, den Sie mit mir theilen und das Obdach, das einer vermögenslosen Soldatenfrau beschieden ist, können Sie mich begleiten."
Bella dankte für so viel Güte und zog sich zurück, um ihre Reisevorbereitungen zu treffen. Sie meldete in wenigen Zeilen ihrem Vater, daß sie mit der Familie, in welcher sie Gesellschafterin sei, nach Ostindien zu gehen habe, und ver sprach von dort weitere Nachricht zu geben.
Inzwischen hatte der Rajah Gora durch einen in JeyPur zurückgelassenen Vertrauten berunruhigende Berichte erhalten. Die fanatischen Brahminen, welche er im Zaume hielt, hatten seine Abwesenheit benutzt, mit Hilfe ihrer eingefleischten Anhänger die barbarischen Feste der „Göttin der Zerstörung" wieder aufleben zu lassen. Sein eigener Bruder, der ihn in der Regierung des Landes vertrat, gehörte zu den altgläubigen Parteien. Alles, was der Rajah schon gethan hatte, um Reformen durchzuführen, war bedroht. Zur Sicherung seiner eigenen Herrschaft hielt er es für geboten, ohne Zögern heimzureisen. Unter Denen, welche er mit
Abschiedsbesuchen bedachte, war auch Lady Agnes; doch hatte er dabei wohl mehr die schöne Bella im Sinne.
„Unsere Lebenspläne haben sich geändert," sagte ihm die Lady, „auch ich gehe nach Indien, da mein Gemahl dort ein Commando zu führen hat."
Das Gesicht des Rajah hellte sich auf.
„Und geht sie mit Ihnen?" fragte er gespannt.
„Meinen Sie die Gesellschafterin? Nein, Sahib!"
„Aber warum nehmen Sie diese nicht mit?" rief er betrübt.
„Weil sie nicht will!" antwortete Agnes in hartem Tone,- nach einer Pause tiefen Schweigens führte sie lauernd hinzu: „Liegt Ihnen so viel daran, daß Bella wieder in Ihre Nähe kommt?"
„Fragen Sie mich, Mylady, ob mir viel am Leuchten der Sonne liegt?" erwiderte er erregt.
„Und würden Sie bereit sein, Sahib, meiner Bella für den Fall, daß ich ihren entschiedenen Willen zu beugen verstände, daß sie mit mir nach Indien und — zu Ihnen käme, eine große Summe zu verschreiben?"
Der Rajah stutzte. Der Gedanke, nach orientalischem Brauche ein Weib zu kaufen, lag ihm fern.
„Ist sie denn feil?" fragte er zweifelnd.
„Feil? O nein!" versetzte die Lady energisch. „Sie ist so stolz wie eine Engländerin, Sir, trotz ihrer Armuth. Aber da ich eine große Verantwortung übernehme, wenn ich sie überrede, mich zu begleiten, so will ich ihre Zukunft unter allen Umständen sichern, und selbst für den Fall, daß ich sie zu Ihnen bringe, will ich das Geld für sie nehmen, um es in England anzulegen."
Der Rajah schien die Dame zu durchschauen. Selbstsucht schien die Triebfeder ihres Handelns zu sein. Doch dünkte er sich zu erhaben, um mit ihr zu feilschen. Rasch trat er an ihren eleganten Schreibtisch, ergriff eine Feder und schrieb auf ein Blatt mit den Initialen der Marquise Agnes Colt-Dufferin:
„Two millions Eupees payable at Jeypur to Lady Colt Gora.“
Lady Agnes streifte nur mit einem vornehmen Blicke das Blatt und ein Blitz der Genugthuung zuckte über ihr Antlitz.
„In Puri machen wir Halt," sagte sie, nun in gewöhnlichem Conversationstone. „Wenn Sie dahin einen Ihrer Dienstleute senden wollen, will ich Ihnen Notiz geben."
„Darf ich mich jetzt von der Lieblichen verabschieden?" fragte der Rajah.
„Nein, Sahib!" entgegnete Lady Agnes fast rauh.
„Ich müßte gewärtigen, Sie zerstörten meinen ganzen Plan. Reisen Sie glücklich und verlassen Sie sich auf das Wort einer Edelfrau! Auf Wiedersehen!"
Sie reichte ihm ihre Hand, die er an seine Lippen zog. Dann verbeugte er sich tief und ging. Sie blickte ihm lauernd nach, dann trat sie an den Schreibtisch, faltete die Verschreibung zusammen und zuckte die Achseln.
„Either all or naught! — Va banque!“ sagte sie leise mit einem Ausdrucke kalter Grausamkeit. „Wenn ich das Gold dieses närrischen Schwärmers habe, werde ich nach England zurückkehren. Thorheit, sich Bedenken zu machen!" (Fortsetzung folgt.)
Sei« Heiligthum.
Nach dem Französischen von Otto Renner.
(Schluß.)
Er ist bestochen, dachte sie im Stillen, mein Besuch ist vorgesehen worden. Man wird mir die Wahrheit nicht sagen.
Doch der Pförtner versetzte, nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen: „Wir haben ihn heute noch nicht gesehen und jetzt wird er wohl kaum noch kommen. Trotzdem ist es nicht unmöglich. Wenn Madame warten wollen, so müssen


