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Der Assessor aber hatte beschlossen, sich vor der Groß­städterin Regine in seinem vollem Glanze zu zeigen. Kaum war der letzte Bissen verzehrt, als er Onkel Rechow und mehrere andere Mitglieder der Gesellschaft bei Seite zog und die übrig Bleibenden auf ein paar Stuhlreihen vor den geschloffenen Flügelthüren des Gartenzimmers gruppirte. Man wollte der jungen Frau einige Scenen klassischer Dichter vorführen nnd ihr beweisen, daß man auch außerhalb der Metropole nicht auf derartige Genüsse zu verzichten brauche. Onkel Rechow, der sich groß fühlte als Mime, trat als Erster auf. 8r hatte ein weißes Laken um sich drapirt als Mantel und sprach Leicesters letzten Monolog während der Enthauptung Maria Stuarts mit rollendem, überschwänglichem Pathos, die schlechten Schauspieler an den Bühnen kleiner Städte mit Geschick earikirend.

Horch! Der Schemel wird gerückt

Sie kniet aufs Kiffen legt das Haupt" preßte er jetzt noch dumpf zwischen den Zähnen hervor und warf sich dann voller Gewandtheit platt auf den Boden. Alles klatschte und jubelte. Regine aber dachte an jenen Abend, da sie als zwölfjähriges Kind bebend vor Aufregung diesen Worten zuerst gelauscht und völlig vergessen hatte, daß das, war sie vor sich sah, nicht Wahrheit, sondern nur Spiel sei.

Erhitzt von der Anstrengung mischte Onkel Rechow sich unter die Zuschauer. Eine neue Aufführung begann.

Auf einem steifbeinigen Sopha lag der dicke Rechow in eine rothe Bettdecke gewickelt mit einem alten Kürassier- Helme auf dem Kopfe, der noch aus seiner Dienstzeit stammte, und bedeuteteEgmont". Ueber ihn gebeugt stand Lottchen, mit dem runden Kindergesichte und der etwas niedrigen Stirne unter den glatten, braunen Scheiteln, ein unendlich Prosaisches Clärchen, und hielt in Ermangelung der Lorbeeren einen großen, alten Erntekranz über den Schlummernden.

Man fand den Witz vortrefflich, Regine aber war empört. Voll scheuer Ehrfurcht hatte sie sich so oft Egmonts letzte, herrliche Worte wiederholt,- kaum das größte Genie unter den Schauspielern durfte sich nach ihrer Meinung daran wagen, sie im Geiste des Dichters wiederzugeben und nun dies sie wandte sich ab. Was uns im tiefsten Innern bewegt und ergriffen hat, das können wir nicht ohne Schmerz zum Zerrbilde hinabreißen lassen. Empfand denn keiner mit ihr?

Aber auch Felix lachte mit den Anderen.Sieht er nicht köstlich aus, der dicke Richard? Verstehen sie hier nicht prächtig zu schauspielern, was meinst Du, Reginchen?"

Lottchen Rechow hatte ihren Posten verlassen und trat heran.Nun, Regine, ist eS an Dir, etwas für die Unter­haltung zu thun, laß uns ein bischen Musik hören!"

Die Umstehenden baten mit, und Regine mußte sich fügen. Was aber sollte sie geben, das dem Geschmack der Gesellschaft entsprach? Den neuesten Operettenwalzer vielleicht, der hätte in die Stimmung gepaßt, aber das vermochte sie nicht.

Kaum hatte sie die ersten Töne angeschlagen, als sie ihre ganze Umgebung vergaß. Sie spielte nur noch für sich selbst, das eigene, gestörte Gleichgewicht der Seele wieder zu erlangen, und immer schöner, edler perlten die Töne, bis sie endlich ausklangen in einer göttlichen Harmonie.

Man lauschte erstaunt, wagte kaum noch zu flüstern - man fühlte, daß man etwas Bedeutendes zu hören bekam, doch klang es fremd hinein in den fröhlichen Zuhörerkreis.

Klassische Musik," sagte Onkel Rechow respectvoll.

Mir etwas zu klassisch," hörte Regine ihren Mann Entgegnen,was ist's denn eigentlich?"

Das erste Präludium von Bach," meinte der Landrath, der sich auf sein Musikverständniß etwas zu gute that.

Woher wissen Sie denn das?" fragte Felix ganz be­troffen^ er hatte wirklich keine Ahnung, ob er schon jemals etwas von Bachs Musik gehört hatte, oder nicht.

Die gemüthliche, gute Laune blühte doch erst wieder auf, als Regine ihr Spiel beendet hatte- man sagte ihr Manches Artige darüber, aber Keinem kam es so recht von Herzen.

Ein kräftiger Punsch regte die Lebensgeister von Neuem an.

Der dicke Richard lachte immer dröhnender, Onkel Rechows Scherze klangen immer gewagter. Erst um ein Uhr trennte man sich; die Fahrt durch die kühle Nachtluft that Regine wohl.

Nun, Frauchen, hast Du Dich gut amüsirt?" fragte Felix, sich behaglich streckend.War's nicht lustig, was sie uns Alles vorführten? Der Assessor ist doch ein Schwere- nöther!"

Findest Du es sehr geschmackvoll, wenn man unsere größten Dichter in's Lächerliche zieht?" fragte sie gedehnt.

Wie Du auch alles -immer so tragisch nimmst, Reginchen, laß doch den Leuten ihr harmloses Vergnügen," meinte Felix begütigend, machte es sich in den Kissen bequem und schlief befriedigt ein.

Regine hatte noch viel zu sinnen. Also das würde ihr künftiger Verkehr sein! Diese Art der Gesellschaft entsprach ihrem Ideal vom fördernden, anregenden Gedankenaustausche, der den Gesichtskreis weitete, noch viel weniger als diejenige, die sie daheim verlassen. Ein bischen Politik, die Getreide­preise, die Wirtschaft das war fast der ganze, gemein­same Gesprächsstoff. Man erlebte eben nicht viel, nahm sich, nicht die Zeit zur Lectüre was sollte man sich also immer erzählen? Da amüsirte man sich eben auf solche Weise.

Regine sah auf ihren Gatten. Ach, fast beneidete sie ihn um sein anspruchsloses Gemüth! Sie hatte eS nun einmal nicht gelernt, harmlos fröhlich zu sein mit den Fröh­lichen, zu lachen um des Lachens willen, ohne recht zu wissen warum.

Am nächsten Morgen hatte Regine Kopfweh und fühlte sich verstimmt. Felix war schon längst wieder bei der Arbeit, als sie am Frühstückstische erschien. Lässig trat sie ihre allmorgentliche Hauswanderung an und kam auch mit Mamsell Christinchen in deren Nebenzimmer, in welchem diese ihr ein Recept zum APfelgelüe heraussuchen wollte. Sie kramte dabei ein Buch auf den Tisch, in dem Regine zu ihrem Staunen Gedichte erblickte.

Sieh da, Christinchen, Sie lesen Gedichte?"

Ja, denken denn gnä' Frau, daß ich mir nur auf'S Kochen versteh? Unsereins will doch auch sein Plaisir haben. An mein Gedichtbuch erbau ich mir oft, besonders wenn ich mir mit die Leut' hab' rum ärgern müssen. Und wenn ich zum Weihnacht besorgen fahr' in die Stadt, geh' ich auch wieder ins Theater."

Ins Theater, Christinchen? Was werden Sie sich denn da ansehen?"

O, ich suche mich allemal was extra Schönes aus- Das letze Mal war's Hamlot."

Hamlot?" Regine rang ein Lächeln nieder. Christinchen ließ den Dänenprinzen entschieden von Noahs zweitem Sohn und dem Gatten des zu Sodom in Salzstein verwandelten WeibeS abstammen.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Spazierfahrt nach dem Monde»

Plauderei von F. Clemens.

------- (Nachdruck verboten.)

Eine Reise kostet Geld und um so mehr Geld, je ent­fernter das Ziel ist. Aber die Reise, die ich hier Vorschläge, verursacht keinen Pfennig Kosten, obschon das Ziel 45 000 Meilen weiter von uns ab liegt, als selbst der entlegenste Punkt der Erde. Ich beabsichtige nämlich, Sie zu einer Spazier­fahrt nach dem Monde einzuladen wir möchten ja Alle längst gern wissen, wie es da oben ausschaut warum sollten wir demfeuchten Stern" Shakespeares nicht einmal einen kleinen Anstandsbesuch abstatten?

Ja, leicht gesagt, aber wie gethan? Wie sollen wir hingelangen? Fliegen können wir nicht, und eine Eisenbahn­verbindung gibt es auch nicht. Aber lesen wir denn nicht alle Tage in den Zeitungen, daß Dieser oder Jener den lenk­baren Luftballon erfunden hat? Borgen wir uns den nach