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pfropft! Lieber eigenhändig ein Feld umackern, als nochmals mit den schrecklichen Lateinern anbändeln. Du denkst Dir das nach den Büchern so wonnig, Reginchen, und wenn Du nachher' in dem mörderischen Klima in Rom drinsitzest, daS Fieber kriegst, von gräßlichen Jnsecten geplagt wirst und nichts zu essen bekommst als Maccaroni und Salat mit ranzigem Oel, dann wirst Du Deinem Manne schon recht geben, daß es zu Hause am besten ist!"
Regine schwieg resignirt. Was half hier weiteres Dis- putiren. Nachdem Richter erledigt war, fing sie Lewes Lebensbeschreibung von Goethe zu lesen an. Aber das wollte Felix garnicht munden.
„Nimm mir's nicht übel, Reginchen, aber dazu muß man bekannter sein mit Goethes Werken, als ich es bin, um das Alles zu verstehen."
„So wollen wir erst ein Bischen Goethe lesen, ich will den Wilhelm Meister heraussuchen!"
„Bei Leibe nicht! Das halt' ich nicht aus. Sieh, mein Frauchen, ich mache mich den ganzen Tag über müde und habe an so viel Anderes zu denken, da mag ich denn am Abende gern etwas Leichtes, Lustiges hören, bei dem man sich ausruhen kann. Und das mußt Du mir doch zugeben, Reginchen, amüsant ist Dein Freund Goethe wirklich nicht!"
So kam es, daß Regine sich entschließen mußte, die ausgesuchte« Bücher allein zu lesen. Des Abends kam dann Hans Arnold mit deai frischen, urwüchsigen Humor an die Reihe und scheuchte die Sorgenfalten von des Hausherrn Stirne, der nicht genug lachen konnte über die, dem täglichen Leben so glücklich abgelauschten Scherze.
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Ende November machten Hellings zum ersten Male eine kleine Gesellschaft mit bei Gutsnachbarn. In der Hausfrau begrüßte Regine eine alte Bekannte und Verwandte — Lottchen Palzin, die den dicken Rittergutsbesitzer von Rechow vor zwei Jahren geehelicht hatte. Sie war eine tüchtige, rundliche, kleine Dame geworden, die ihre Wirthschast vortrefflich im Stande hielt. Die frühere Redseligkeit schien noch größere Dimensionen angenommen zu haben. Sie empfing Regine mit zahllosen Küssen und Liebkosungen.
„Das ist zu herrlich, Regine, Dich nun so in der Nähe zu haben! Aber nun komm, pack Dich aus, und erwärme Dich an einem Täßchen Kaffee. Du findest hier heute Alle versammelt, die zu unserem näheren Verkehr gehören zu Ehren von meines Richard Geburtstag; lauter nette Menschen, sie werden Dir sehr gefallen!"
Damit ward Regine hineincomplimentirt in den Saal, in welchem eine Schaar geputzter Menschen der jungen Frau voller Spannung entgegen sah. Nun begann die Vorstellung. Da war Onkel Rechow, alter Junggeselle, Gutsherr auf Ditten, eine urftdele Haut mit ewig durstiger Kehle. Da war der lange, kahlhäuptige Assessor Abeffer, der in das stagnirende Leben des Nachbarstädtchens immer Bewegung zu bringen wußte. Er arrangirte Bälle und Liebhabertheater, machte den ehrsamen Bürgersfrauen in unerhörter Weise den Hof und hätte einmal beinahe ein Duell zu Stande gebracht. Aber dieses sensationelle Ereigniß ward zum geheimen Bedauern der Einwohnerschaft durch die unerschütterliche Friedfertigkeit des Geforderten Hintertrieben, der öffentlich um Verzeihung bat.
Der jugendliche Landrath war mit der jugendlichen Gattin vorhanden, Beide noch etwas verlegen im Gefühl der Verantwortlichkeit ihrer Stellung, Beide eifrig nach Be> liebtheit trachtend. a
ferner erblickte man den behäbigen Großgrundbesitzer von Mellenthin mit Frau und zwei hübschen Töchtern, welche es aber für frivol hielten, sich modern zn kleiden, und ein ohrenverletzendes Ostpreußisch sprachen. Einige junge Offiziere der nächsten Garnison vervollständigten die Gesellschaft.
Frau Lottchen Rechow hielt es für die erste und
wichtigste Hausfrauenpflicht, keinen ihrer Gäste ohne verdorbenen Magen zu entlassen. Um vier Uhr gab eS Kaffee mit massenhaftem Kuchen- um sechs Uhr ward Obst, Torte und Wein gereicht, um acht Uhr kam Thee mit belegten Brödchen, um neun Uhr endlich das warme Abendessen von drei Gängen.
Regine bemühte sich, liebenswürdig zu sein. Sie antwortete geduldig auf die stereotype Frage: „Wie haben Sie sich in Ihrem neuen Heim eingelebt, gnädige Frau?" daß sie sich ausnehmend wohl fühle im viel geschmähten Ostpreußen und suchte sich in ihrem heißentbrannten, wirthschaftlichen Eifer den Rath der erfahrenen Hausfrauen zu Nutze zu machen, der beste Weg, um ihre Gunst zu gewinnen.
Aber nnn fühlte Assessor Abesser das Bestreben, die Gesellschaft, in der sich Männlein und Weiblein zu sondern begannen, in anderer Weise zu theilen, indem er Alter und Jugend zusammenbrachte. Alles, was die Vierzig noch nicht überschritten hatte, wurde an einen großen Tisch citirt, auf welchem Papier und Bleifedern bereit lagen. „Schreibspiele" hieß die Losung. Wenn es etwas gab, das Regine haßte, so war es diese Art des Zeitvertreibens.
„Sollen wir berühmte Männer aufschreiben, deren Namen mit 8 beginnen, oder befehlen Sie Städte mit dem Anfangsbuchstaben W?" fragte sie mit resignirtem Seufzer.
„Nichts dergleichen, gnädige Frau, mit solchem Kleinkinderkram befassen wir uns hier nicht," lautete des Assessors stolze Antwort, „wir schreiben Romane."
„Romane?" klang es überrascht von allen Seiten. Abesser muß sich näher erklären.
„Ein Jeder schreibt auf sein Stück obenan ein Romantitel, knifft dann um und reicht das Blatt seinem Nachbarn zur Rechten, der das Vorgeschriebene nicht lesen kann und nun den ersten Satz liefern muß. Dann wird es wieder umgeknickt, der Nächste schreibt, und so geht'S fort. Keiner darf ahnen, was auf dem Zettel steht. Hat Jeder seinen Senf dazu gethan, dann wird vorgelesen. Punktum, anfangen!"
Allgemeine Stille trat ein. Man sah nur einige, rastlos aufblickende Augenpaare, die wohl auch verzweifelt nach dem Papier des Nachbars schielten, hörte einige Stoßseufzer und das Kritzeln der Bleifedern. Nach einer Viertelstunde Arbeit war das Werk gethan. Abesser entfaltete den ersten Bogen.
„Cousinenmord aus Ueberzeugung oder der blutige Knochen," Hub er an.
Schallendes Gelächter.
„An einem wunderschönen Sommernachmittage saß Karl in seinem Zimmer und speiste ein Butterbrod."
„Vielversprechender Anfang," murmelte der Landrath.
,-Halt ein, Schurke," rief die todtblasse Melanie, und fiel ihm mit lautem Anfschrei hindernd in den Arm.
Lauter Beifall. „Hatte wohl selbst Hunger," witzelte ein Lieutenant.
„Auf den Wellen sah man in weiter Ferne ein räthsel- haftes Etwas treiben. War es ein nmgestürzter Kahn oder gar die entwendete Cassette?"
„Jetzt wird's spannend," meinte Rechow
„Nein, es war ein langer, schwarzer Sarg, in dem der Assessor die erhaltenen Liebesbriefe des letzten Winters beigesetzt hatte."
Allgemeiner Lärm. Der Vortragende gebot energisch Ruhe.
„Die Herrschaften werden sich überzeugen, daß hier gemogelt worden ist- der Satz bezieht sich auf BorhergegangeneS. Der Schuldige hat sich zu melden und ein Pfand Strafe zu entrichten," verkündete er in vollendetem Gleichmuthe, als ahne er garnicht, welcher Assessor gemeint sein könne.
Wirres Durcheinander von Stimmen - natürlich wollte Niemand der Thäter sein. Endlich meldete sich der Verfasser des Titels, nun ward nach rechts hin abgezählt, und der blonde Lieutenant von Dewitz sollte als Schreiber deS vierten Satzes ungeachtet seines Sträubens eben ein Pfand zahlen, als Frau Lottchen zum Abendbrod rief.


