510 -

Herr von Nördlingen hatte schmunzelnd erwidert, daß sein Töchterchen seit drei Tagen zu Hause angelangt sei, und daß er nicht ermangeln werde, sie in Villa Casabella zu präsentiren!

Der Graf war näher zu ihm herangerückt.

Am 14. dieses Monats findet der letzte Hosball statt" hatte er geflüstert.Ich habe Wulff-Dietrich dazu herbe­ordert, damit er auf die Brautschau gehe. Sorgen Sie dafür, lieber Nördlingen, daß Pia auf dem Ball anwesend ist, damit wir die Bekanntschaft der jungen Leute anbahnen! Mein Junge ist nun alt genug, um heirathen zu können, und ein Erbe ist meinem Vetter Willibald auch noch nicht geboren. Also müssen wir an die Zukunft denken! Wulff-Dietrich ist ein absonderlicher Kauz, er nimmt es mit Liebesdingen sehr ernst und feierlich, hoffentlich ist Pia in ihrem Wesen recht ausgesprochen deutsch geblieben, trotz der langen Jahre, welche sie in Paris verlebte! Wulff-Dietrich haßt alle französische Art, und ich fürchte, er hegt in dieser Beziehung Befürchtungen! Wollen Sie und Ihre Frau Ge­mahlin nun nach Kräften auf die junge Dame einwirken, bester Freund, daß sie sich dem Geschmack meines Sohnes ein wenig anpaßt! Echt weiblich! Nicht von Zolabüchern und amüsanten Erlebnissen im Chat noir erzählen! Dasür hat mein solider Sohn kein Verständniß! Also ich ver­lasse mich auf Sie, lieber Nördlingen, das Glück unserer Kinder steht auf dem Spiele!"

Daran dachte der Freiherr jetzt, und ein pfiffiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

Pia, seine goldlockige Pia, eine Pariserin!

O, wie wird Graf Wulff - Dietrich jenen schwarzen Verdacht, welchen er hegte, vor diesem Urbild aller deutschen Sittsamkeit, Alles edlen Stolzes kniefällig abbitten!"

Was wird er für Augen machen, wenn er die für ihn Auserwählte sieht!

Der Oberlieutenant wiegt sich schon in den rosigsten Hoffnungen und sieht die stolzen Triumphe vor Augen, welche seine Tochter und durch sie auch er feiern wird!

Er hat Pia allerdings noch nicht mit jungen Herren verkehren sehen, aber er ist überzeugt, daß ihr stolzes, selbst­bewußtes Wesen nie die Grenze des Erlaubten überschreiten wird! Dennoch thut er wohl gut, ihr zu sagen, was Graf Wulff-Dietrich von jungen Mädchen verlangt, und was für sie auf dem Spiele steht.

Die Thür im Nebenzimmer öffnet sich, ein leichter Schritt nähert sich, dann klirrt ein Schlüsselbund an dem Credenzschrank.

Pia?"

Ja, Papachen, ich bin es!"

Was lhuft Du?"

Ich gebe noch zwei Fleischgabeln heraus, sie fehlen auf dem Tablett. Warum rufst Du? Soll ich Dir etwas besorgen?"

Ja! besorge mir einmal mein Töchterchen hierher!"

Sie lacht leise auf und tritt ein. Der Lichtschein der Lampe fällt auf ihre hohe, schlanke Gestalt in dem geschmack­vollen, dunklen Hauskleide.

Wie eine junge Edeltanne ist sie gewachsen, kraftvoll und dennoch biegsam und gräziös. Ihre Bewegungen sind ungezwungen, sehr sicher und anmuthig, etwas Stolzes, Eigenwilliges drückt sich in der Haltung ihres Nackens und Kopfes aus. Ein auffallend reizendes Antlitz wendet sich dem alten Herrn zu. Blondes Haar, welches aussieht, als ob grelle Goldsünkchen darauf brennen, lockt sich voll und üppig über der Stirn, und schlingt sich zu so dichtem hell glänzenden Knoten, daß sich wohl jedem Beschauer der Wunsch aufdrängt, diese goldene Pracht einmal gelöst zu schauen.

Große, veilchenblaue Augen leuchten über zart rosigen Wangen, die Nase ist grad und zierlich, der Mund gleicht frischen Kirschen.

Ein Ausdruck sinnender Weichheit liegt über dem zarten Gesichtchen, und dennoch kann derselbe schnell schwinden nnd

einer stolzen, spröden Kälte, einer leidenschaftlichen Erregtheit Platz machen.

Ihr Onkel hat den Eltern geschrieben:Pia ist sehr leicht zu behandeln, wenn man ihrer Eigenart gerecht wird. Sie kann dahinschmelzen in Liebe und Weichheit, wenn man ihr mit der zarten, liebevollen Rücksicht begegnet, wie sie ihr unberührtes, ich möchte beinah sagenheiliges" Kindergemüth verlangt. Eine hohe, sittliche Reinheit prägt all ihrem Handeln und Denken den Stempel auf, sie ist fähig, sich für einen zerlumpten Bettler, welcher ihr mit Respect be­gegnet und eine ehrenhafte Gesinnung bezeigt, aufzuopfern, und sie ist gleichfalls fähig, einem Prinzen, welcher sie nur im Mindesten durch einen kecken Blick oder ein kühnes Wort verletzt, Krone und Purpur vor die Füße zu werfen, wollte er ihr dieselben anbieten!

Ich gestehe ehrlich ein, daß wir diese, allerdings etwas schroffen Gegensätze ihres Wesens eher cultivirt wie abgeschliffen haben, denn Pia gleicht einer Rose, welche der Dornen bedarf, ihre keusche Schönheit zu schützen. Wenn ihre große Jugend zur Zeit auch noch zuläßt, daß Pia in ihrer Mimosenhaftigkeit hie und da zu weit geht, so wird sich daszuviel" schon ganz von selbst verlieren, wenn sie ruhige und erklärende Ansichten von Welt und Menschen erhält."

Der Legationsrath war ein Menschenkenner und geist­reicher Mann, er hatte die kleine Nichte, welche in seinem Hause herangewachsen war, sehr richtig geschildert, aber Herr von Nördlingen war gar nicht tm Mindesten diplomatisch beanlagt, und viel zu ungewandt in der Behandlung von Mädchenherzen, als daß obiger Brief die gewünschte Wirkung hätte auf ihn ausüben können. Er hatte in seiner Jugend kaum ideale Anschauungen gekannt, jetzt, im Alter, nach dem schweren, sorgenvollen Kampf des Lebens, hatte er sie völlig verloren.

Er dachte nur practisch, nur real und nüchtern, und wer anders zu denken wagte, den nannte er überspannt und unvernünftig. Der Gedanke, daß ein Mädchen eine so glänzende Partie wie den Majoratsherrn von Niedeck nicht mit allen Fiebern des Herzens ersehnen, ja, womöglich ausschlagen könne dieser Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn, im Gegentheil, er war überzeugt, daß die Pläne des Grafen Rüdiger Pias Herz mit demselben Stolz und behaglichen Entzücken erfüllt würden, wie das seine.

Und in dieser Ueberzeugung zog er das reizende Töchterchen neben sich auf einen Sessel und reichte ihr schmunzelnd ein großes, gelblich gefärbtes Cartonblatt hin.

Na, was hätte ich denn hier, Mamsellchen?Donner und Doria noch Eins, ich hoffe, Du freust Dich!"

Pia warf einen Blick auf das goldene herzogliche Wappen und die gedruckten Zeilen darunter. Ein sonniges Lächeln erhellte ihre Züge:

Ein Hofball? am 14.?? und ich bin auch schon mit eingeladen? O, das ist reizend, ich freue mich gar zu sehr, unsere hohe Herrschaften kennen zu lernen, denn eigent­lich war es doch zu toll, daß ich in der Heimath so völlig fremd geblieben!"

Der Freiherr kniff mit geheimnißvollem Lächeln die Augen zusammen:Ja, es ist zu toll, Du bist viel zu lange weggeblieben, und hast nun gar Manches schleunigst nachzuholen, mach Dich nur ganz besonders hübsch, und nimm Deine rosigste Laune mit, mein Goldfasänchen denn es ist eine noch viel wichtigere Persönlichkeit wie Serenissimus da, welche Dich auch kennen lernen will!"

Pia blickte unbefangen auf/ die langen, dunklen Wimpern malten breite Schatten um die Augen.

Noch wichtiger, wie die herzogliche Familie? das ist ja gar nicht denkbar!"

Der Oberstlieutenant kniff sie voll unverhohlener Selig­keit in die Wange:Kleiner Aff Du! was gehen ein junges Mädel denn die verheiratheten Leute an! Bei Euch