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ich finde mich darein, mon ami!" — antwortete sie mit einer Stimme, welche wie ein halber Seufzer klang, dann legte sie die elegant behandschuhte Rechte auf den Arm des Gatten und stieg langsam, voll lässiger Grazie die steinernen Stufen empor. Voll andächtiger Scheu folgten ihr alle Blicke. Frau Simmel aber schwenkte stolz linksum und folgte triumphirend ihren Gästen erster Klasse.
„Hüh" athmete Schröder tief auf, und der Omnibus ratterte in den Hof/ Gottlieb aber folgte dem Winke seiner Gebieterin und sah voll Ueberraschung, daß der Mensch nie auslernen kann und Geistesgegenwart ein schönes Ding ist.
Er glaubte, nun werde eine wilde Jagd anheben, die Wäsche- und Würstelstube schleunigst zu räumen, — aber nein, Frau Simmel nahm gelassen den Schlüssel vom großen Ring und schloß rechter Hand vom Hausflur das Heiligthum ihres Hauses, die Putz- und Prunkstube der Familie auf.
Hier, wo sonst nur die Familienfeste gefeiert und zweimal im Jahre ein Honoratiorenkaffee gegeben ward, wo alle steifbeinigen Polstermöbel in geblümten Cattunhöschen steckten und die Luft geheimnißvoll nach Kampher und Naphtalin roch — hier riß die Wirthin zur „Stadt Hamburgs kurz entschlossen die Fenster auf, commandirte „Ausfegen — Feuer machen — Möbel bürsten!" und schritt gelassen in Las Nebenzimmer, einer großen, zweifenstrigen Eckitube, in Lessen Mitte ein Billard stand und an dessen Wänden die Kupferstiche längst verewigter Landesväter und -Mütter hingen, zwischen durch die Glaskästen voll bunter Schmetterlinge, welche der verstorbene Onkel Schullehrer gesammelt, und eine Landschaft aus Kork geschnitzt, hinter Glas und gold- papiernen Rahmen, eine Kunstleistung des Großvaters, welcher Buchbinder gelernt hatte.
Diese Stube ward nur im Winter geöffnet, wenn der Kriegerverein und die Bürgerresource ihre Bälle in der „Stadt Hamburg" abhielten und das würdige Alter sich aus dem Saal zurückziehen wollte, welcher sich als Seitenflügel besagtem Billardzimmer anschloß.
Emsige Hände verwandelten es blitzschnell in eine recht behagliche, wenn auch etwas altfränkische Schlafstube, und Frau Simmel nickte schmunzelnd vor sich hin, als ihr Matte sie in wahrem Wonnerausch umarmte und beinah schluchzend vor Rührung hervorstieß:
„Ja, Alte, wenn Du nicht wärst! — Jung Vieh hat -junge Kraft — aber die alten Klepper ziehen die Karre aus dem Dreck —! wenn das unser Clärchen hätte ausrichten sollen — du lieber Gott!" — Frau Marthe drückte das Kinn steif an und zog die Schultern hoch. „Schnick- -schnack — das Mädel braucht's nicht; — die soll höher hinaus. Ist nicht zur Wirthin geboren. — Und nun wasch Dich, Vater, und frag droben an, was die Herrschaften speisen wollen."
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An der Thür der blauen Eckstube klopfte es. Die -Stimme des fremden Herrn rief ein kurzes „Herein!" — und nach zögerndem Druck auf die Klinke erschien der Wirth -der „Stadt Hamburg" auf der Schwelle.
Die Wolljacke und die Schürze waren gefallen, — ein feierlicher schwarzer Gevatterrock, ein weißer Kragen und blau getupfte Cravatte zeigten an, daß Vater Simmel wußte, was man Passagieren erster Klasse an Respect schuldet. Gr machte einen devoten Kratzfuß und räusperte sich.
Der vornehme Veilchenduft, welcher dem geöffneten Handkoffer entströmte, und welchen die Dame mittels eines seingeschliffenen Flacons just in alle Ecken sprühte, benahm ihm den Athem, er wagte kaum zu existiren in seinem nichts durchbohrenden Gefühl!
Der Herr stand am Fenster, — er wandte den Kopf und blickte den Wirth fragend an, — und die Dame setzte das Parfümglas nieder auf den Tisch und sank seiderauschend in der Ecke des alterschwachen Cattunsophas. — Auch sie wichtete die müden Augen in stummer Frage auf den armen
Simmel, der gar nicht begriff, daß das Sopha aus Schreck über die Ehre, welche ihm angethan ward, nicht zusammenkrachte. Er sprach noch immer nicht.
Da erbarmte sich der fremde Herr.
„Wünschen Sie etwas, Herr Wirth?" fragte er so überaus freundlich, daß dem Besitzer der „Stadt Hamburg" das Blut in die Wangen schoß.
„Ich ... ich wollte mir allerunterthänigst die Frage gestatten ... Ew. Gnaden . . . wann die allergnädigste Herrschaft zu speisen .... und vielleicht was es geben soll . . . meint meine Frau ..."
„Ah richtig — es dürfte Zeit zum Gabelfrühstück fern! nickte die Dame mit leichtem Seufzer.
„Frühstück? ... es ist ein Uhr Mittags — gnädige Frau!" stotterte Simmel entsetzt.
Der Herr lachte leise auf. „Ganz recht, und das rst in Angerwics die Tischstunde. Liebe Melanie, wir werden uns den Sitten des Landes fügen, denn es ist das einzig Mahre und Vernünftige, wenn die Menschen um ein Uhr zu Mittag essen, nicht wahr, mein sehr verehrter Herr Wirth? Ich gebe Ihnen vollkommen recht darin."
Herr Simmel erglühte vor Entzücken, denn der Fremde sprach voll gewinnender Liebenswürdigkeit, und fuhr nähertretend fort: „Nun, dann sagen Sie uns einmal, was Ihre Fron für den Mitt. gstisch gekocht hat? Ich sah, daß em paar Herren drunten im Seisezimmer am gedeckten Tisch saßen, es giebt also doch table d’höte bei Ihnen, wie dies in Ihrem vorzüglich renommirten Hotel zu erwarten war? Der Herr Wirth schnappte vor Entzücken nach Luft: „Zu viel Gnade — Herr . . . Herr . . ."
„Herr Graf" — fiel der Fremde mit gnädigem Kopfnicken ein. , _ zu c t
Simmel sank beinah in die Kme . . • „Herr Gras. __ Aber unsere table d’höte dürfte den hohen Herrschaften doch wohl viel zu einfach sein---"
„Na, kommt darauf an. Also, was giebt es?
„Hafersuppe mit Backpflaumen . .
Ein leiser Laut von dem Sopha herüber, — der Gras aber wandte mit schnellem Blick den Kopf und die Gräfin hustete schwach und leidend in ihr Taschentuch.
„Vorzüglich, — ich schätze diese Suppe sehr!" fuhr der Graf verbindlichst fort, — „was weiter?"
„Hammelcoteletts mit Schnittbohnen!"
„Frische Bohnen bereits?" — richtete sich die Gräfin interessirt auf. .. . „
Herr Eimmcl erbleichte vor Schreck: „Um diese Zeit — im März?" stieß er hervor.
Abermals lachte der Graf leise auf. „Aber theuerste Melanie, — Du hast nie eine Bohne wachsen sehen, darum muß der Herr Wirth Deine Frage verzeihen! Es sind selbstverständlich Büchsenbohnen!" „Faßbohnen, Herr Graf! verbesserte Simmel demüthig, „aber weich wie Butter. Meine Alte hat sie selber eingelegt und versteht sich darauf ! Die Gräfin sank wie vernichtet in die Sophaecke zurück, aber ihr Gemahl lächelte sehr jovial: „Davon bin ich über- ^ugt, — Ihre Frau soll ja eine Meisterin der Kochkunst jein! — Und damit sind wir am Ende?"
Nun wuchs der Gefragte wieder selbstbewußt empor. „Noch Hühnerbraten mit Kartoffelsalat!" setzte er stolz hinzu: „Der Herr Assessor hat es so eingeführt, daß wir drei Gänge haben, — Sonntags sogar noch eine süße Speise."
„Ei, das ist ja fabelhaft! Nun, Sie haben mir berreis den Mund wässerig gemacht, bester Herr, und bitte ich, sogleich für uns serviren zu lassen." ,
„Die Herrschaften wünschen hier oben zu speisen r Die Gräfin wollte lebhaft zustimmen, — aber wieder traf sie der seltsame Blick des Grafen.
„O nein, warum das? wir lieben die Gesellschaft, lächelte er abermals sehr huldvoll: „und werden an der table d’höte speisen." — Herr Graf!! wie ein Schrei des Entzückens klang es. (Forts, folgt.)


