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Der letzte Reisende, welcher sie bewohnte, hatte nicht wenig geschimpft, und behauptet, die ganze Nacht habe er mit der Elle in der Hand — (an die Bezeichnung „Metermaß" gewöhnte sich in Angerwies erst die jüngste schulpflichtige Jugend!) im Bett gesessen und sich der Mäuse erwehrt, welche wahre Quadrillen auf seinem Plümeau getanzt hätten! . Da lobe er sich die märkischen Klein-Bauerquartiere, wo wenigstens neben jedem Bette schon der zweckentsprechende „Museknüttel" angebunden sei!
Und in diese blaue Eckstube sollten nun die Passagiere erster Klasse mit den seidenen Regenschirmen! Die schauerlich feine Dame mit dem königlichen Pelzmantel, welche bei jedem Schritt in Sammt und Seide rauschte und nach einem Haaröl duftete — wie Salomo in aller seiner Herrlichkeit!!
Dem Denker trat der Angstschweiß auf die Stirne. Sollte er den Omnibus vielleicht vor dem Hause erst umwerfen, um der Frau Marthe Zeit zu lassen, die Wäsche, Würste und Aepfel kopsskegel eine Treppe tiefer zu schleudern?
Der Wagen hielt's man leider nicht mehr aus, und seine Reparatur würde den Profit verschlingen, welchen die Stadt Hamburg an ihren ersten und einzigsten Passagieren erster Klasse machen würde.
Zu wem sie nur wollen? — Und warum sie nicht lieber noch eine Stunde weiter nach Schloß Niedeck zum Grafen fahren? Der hat doch die Salons und Säle zur Auswahl! Aber freilich ... er der Graf . . . Hm . . . zu dem kommt schon längst kein vernünftiger Christenmensch mehr! Und es wäre doch so gut für die ganze Umgegend, wenn es wieder ein Leben auf dem Schlosse gäbe wie früher!
Hüh —--brr!!
Gottlieb und der Kutscher schraken a tempo aus ihren schweren Träumen auf, denn die beiden alten Braunen, welche den Weg vom Bahnhof bis zum „Hotel" schon im Traume machten, standen selbstverständlich vor der Steintreppe der „Stadt Hamburg" still, ohne erst einen diesbezüglichen Befehl abzuwarten.
Was nun!
In seiner Herzensangst faßte der Schröder die Peitsche und knallte wie besessen darauf los. Erschreckt fuhren die Köpfe der unvermählten Herren, welche bei Frau Marthe ihren Mittagstisch erhielten, an die Fenster.
Gäste! Eine Dame und ein Herr!!
Der Apotheker und Steuerrevisor saßen wie versteinert vor Ucberraschung und der Herr Auditeur ließ vor Staunen sogar die Cigarre aus dem Munde fallen, nur der Gerichts- affessor zeigte sich als Mann von Welt, welcher die Contenance nicht so leicht verlor.
Er schnellte in die Höhe und erreichte mit zwei Sätzen die Nebenthüre.
„Fräulein Clärchen! rufen Sie Vater und Mutter, es kommen Fremde!--Weiße Schürze vor!!" — schrie
er voll Feuereifer der Tochter des Hauses, welche gerade die Kartoffeln abgoß, zu.
„Fremde?" stotterte Clärchen mit weit aufgerissenen Augen. „I, Herr Assessor! . . . das kann ja gar nicht möglich sein!"
„Schnell doch, zum Kuckuck! Eine sehr elegante Dame!" tobte der Assessor, und dann als er den schlurrenden Schritt des Wirthes bereits auf dem Flur hörte, schnellte er zurück und hastete abermals nach dem Fenster. Aber er empfand plötzlich wie einen feinen Stich im Herzen. Er schämte sich. — Also so weit war es seit den vier Jahren seiner Anger- wieser Existenz schon mit ihm gekommen, daß ein paar anständig gekleidete Reisende ihn wie ein ungeheuerliches Evenement erregten!
Schrecklich, er ist bereits völlig verkaffert hier, er, der flotteste aller Studenten, der fescheste aller Großstadt- reserendare!! — tempi passati! Jetzt preßte er die Nase an der Fensterscheibe platt, um mit schmerzlich süßem Grauen einmal wieder eine chice Dame anzustarren!
Sie steigt soeben aus, — von ihrem Begleiter gestützt,
denn Vater Simmel, der Herr Wirth, steht in fassungsloser Verlegenheit und reibt sich die Hände.
Alle Wetter, dieses Füßchen, — ein weichlederner hoher Knopfstiefel umschließt es in tadelloser Form, spitzenbesetzte Plissves bauschen unter dem langen Pelzmantel auf, dessen mächtiger Kragen das Köpfchen wie eine Löwenmähne umwallt. Jetzt sieht er das Gesicht. — Fein, — etwas bleich, mir einem Zug undefinirbarer Vornehmheit. Kühl — gleichgültig — gelangweilt — sehr hochmüthig. Ueber aschblondes Haar fallen die Goldspitzen eines kleinen, dunkelsammtnen Capothütchens neuester Mode, der großgetupfte Schleier spannt sich über das zartfarbene Antlitz, dessen halbgeöffnete Augen mit müdem Blick umherblicken, — auf die Regenlachen rechts und links der Treppe, auf die spießbürgerlich gekleideten Weiber und Kinder, welche aus den umliegenden Hausthüren treten und gaffend näher drängen — auf die graugetünchte Front des alten Fachwerkhauses, über dessen niederer Thür das blaue Schild mit den verblaßten Buchstaben der „Stadt Hamburg" hängt, und schließlich auf den Inhaber dieses Prachthotels, welcher in seiner grauen Wolljacke und der blauen Dienerschürze seinen eigenen Hausknecht zu repräsen- tiren scheint. Herr Simmel empfindet auch das Ungehörige seiner Erscheinung solchen Gästen gegenüber, und das lähmt vollends die Sinne dieses schon nicht sehr weltgewandten Wirthes.
Er steht, dreht sein Käppchen zwischen den Händen und macht einen tiefen Bückling um den anderen, dieweil sich sein rundes, gutmüthiges Gesicht schier blutroth vor Verlegenheit färbt. Der fremde Herr, nicht minder elegant und vornehm wie seine Gattin aussehend, wendet ihm das scharfgeschnittene, etwas verlebte Gesicht mit huldvollem Augenzwinkern zu.
„Haben Sie Zimmer bereit, Verehrtester? Wir gedenken etliche Tage hier zu bleiben. Ich hätte uns telegraphisch angemeldet, wenn unsere Abreise sicher zu bestimmen gewesen wäre. Wollen Sie uns zwei Stuben — Salon und Schlafzimmer — anweisen?"
Herrn Simmel blieb die Antwort vor Schreck im Halse stecken.
„Ew. Gnaden . ." stotterte er und dann rollten seine wasserblauen Aeuglein hilfesuchend umher, bis sie voll seligen Aufleuchtens an der Gestalt seiner Gattin hasten blieben. Er stürzte der Nahenden athemlos entgegen; „Marthe — fieh Du mal zu —!" und damit verschwand seine corpulente Gestalt in reitender Flucht hinter der Thüre, durch welche die Frau Wirthin ruhig und selbstbewußt soeben heraus trat.
Eine weiße Haube auf dem Kopfe, eine schneeweiße Schürze über dem grauen Kleid, knixte Frau Simmel so feierlich, daß ihre hohe, grobknochige Gestalt kerzengrad hinabtauchte, wie Frau Erda, wenn sie sich von Wodan für die Unterwelt verabschiedet.
„Willkommen, die gnädige Herrschaft!" sagte sie würdevoll, und der Kutscher Schröder starrte sie an wie eine Vision, —- hatte die Frau denn vollkommen ihre Wäsche, Würste, Schinken und Aepsel in der guten Stube vergessen?
Der fremde Herr richtete seine Frage mit verbindlichstem Lächeln noch einmal an die bessere Hälfte des verschwundenen Wirthes, und während Schröder und Gottlieb mit stockendem Herzschlag athemlos ihrer Antworten harrten, knixte Frau Simmel abermals, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken und sprach:
„Wir sind auf so hohen Besuch nicht ganz vorbereitet, da etliche Zimmer neu tapezirt werden und die anderen heute Morgen erst von Herrschaften verlassen wurden. Darf ich darum bitten, daß Ew. Gnaden für kurze Zeit mit einem einfachen, kleinen Zimmer fürlieb nehmen, — in zwei Stunden stehen Salon und Schlafzimmer zur Verfügung." „
„Ausgezeichnet," nickte der Herr. „Es ist Dir doch ebenfalls recht, liebe Melanie?"
Seine Begleiterin riß den Blick von dem Storchnest auf dem Nachbarhause los. „Es ist mir Alles gleichgültig,


