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„Ich muß Sie bitten, mich zu verlassen!" entgegnete Bella entrüstet.
Der Millionär trat ihr einen Schritt näher und versuchte es, ihr mit seiner dicken Hand über das Haar zu streicheln.
„Stützen Sie sich ganz auf mich, Kind!" sprach er eindringlich.
„Empörend!" stieß Bella dumpf hervor, indem sie zurückwich.
„So? Ei!" ließ sich da Plötzlich die kreischende Stimme der Mrs. Aoung vernehmen. Sie stand in kostbarem Schlafrock im Eingang des Zimmers. Auf Dich stützen? Also ein Complott! Vermuthlich hat sich diese Mamsell über mich beklagt, und lockt die Männer Nachts in ihr Zimmer! Abscheulich! Ein Schlange im Hause, ja, eine Schlange!"
Mr. Aoung war erschrocken bei Seite geprallt und zog sich scheu hinter seine energisch vorschreitende Frau zurück.
„Also dies ist der Grund, weshalb Sie Nachts in voller Toilette bleiben!" fuhr Letztere heftig fort. „Man hält Rendez-vous! Wie lange treiben Sie das schon?"
„Unerhörte Beschuldigung!" entgegnete Bella mit starker Stimme. „Mr. Doung wird mir bezeugen . . ."
Sie blickte sich nach diesem um, doch er hatte sich bereits davongeschlichen.
„Ihr Leugnen nützt nichts!" rief Mrs. Aoung. „Ich habe Ihre Gefallsucht längt erkannt! Sie passen zu sonst etwas, doch nicht zur Erzieherin!"
„Nein, hier sicher nicht!" versetzte Bella heftig.
„Nirgendwo bei anständigen Leuten !" rief ihre Gegnerin.
„Sie selbst sind es nur, die sich dazu rechnet!" entgegnete Bella außer sich. „Ich bin nicht anständig behandelt worden und werde gehen!"
„Selbstverständlich!" erklärte Mrs. Uoung. „Eine Schlange behält man nicht im Hause! Für mein Geld bekomme ich Personen, die nicht intriguiren und kokettiren.
„Jetzt verlassen Sie mich, oder . . .!" Bella erhob ihre Hände in maßlosem Zorn. Mrs. Uoung wartete den Erfolg dieser Drohung nicht ab.
„Morgen früh gehen Sie!" rief sie, schon vor der Thür stehend. Dann ging sie fort und Bella verschloß ihr Zimmer. Noch in der Nacht packte sie in sieberischer Hast all ihre Sachen zusammen, und als der Morgen graute, war sie damit fertig. An dem für ihren Vater bestimmten Brief änderte sie nichts; sie fügte nur eine andere Adresse hinzu, die ihrer Wäscherin, welche in einem ländlichen Kirk spiele Londons wohnte. Noch ehe die Frühstücksstunde gekommen, sandte ihr Mrs. Aoung in einem geschlossenen Päckchen ihr Salair auf ein Vierteljahr hinaus. Bella ließ ein Kab herbeirufen und ihren Koffer hinabtragen. Gern hätte sie noch die kleine Cläre umarmt, doch war keins der Kinder zu sehen. Ohne Abschied mußte sie das Haus verlassen. Den Brief an ihren Vater dcponirte sie in dem nächsten Straßenbriefkasten. „O, wenn er ahnte," dachte sie, „wie tief sein stolzes Mädchen in dem freien Albion schon entwürdigt worden ist!"
In dem kleinen Cottage ihrer Wäscherin fand sie willige Aufnahme. Während sie von hier aus Schritte unternahm, um eine andere Stellung zu suchen, vermochte sie sich nicht eines Schauders vor ärgeren Prüfungen zu erwehren, die ihrer in neuen Diensten harren mochten. Sie bot sich durch ein Inserat in einem aristokratischen Journal als Gesellschafterin an. Voll ängstlicher Sorge wartete sie vierzehn Tage lang auf einen Erfolg. Was stand ihr bevor, wenn ihre Versuche mißglückten und ihre Geldmittel aufgezehrt waren? Sie rechnete genau aus, wie lange diese Mittel bei ihrer neuen, bis zur Dürftigkeit bescheidenen Lebensweise reichten, und mußte unwillkürlich wehmüthig lächeln, wenn sie der früheren Tage des Glückes gedachte, in denen sie an nichts weniger als an Knickern gewöhnt gewesen war. Aber auch jetzt verleugnete die Eigenart ihres Wesens sich
nicht. Sie freute sich der stillen Verborgenheit. Nie sollten Die, welche sie in Hainburg in stolzem Wohlleben gesehen hatten, einen Blick in ihr Elend thun dürfen. Deshalb wehrte sie den Gedanken der Rückkehr zu ihrem Vater weit von sich ab.
„Wenn es mir nicht gelingt, eine Stellung zu finden, liebe Miß Smith," sagte sie zu ihrer Wirthin, „dann werde ich Ihnen waschen helfen," und das war ernst gemeint.
In diesem heroischen Entschlüsse wurde sie noch bestärkt durch den Inhalt eines Antwortschreibens ihres Vaters.
„Ich freue mich," hieß es darin, „daß Du nicht unglücklich bist, geliebte Tochter; denn ich hatte Angst um Dich, da ich doch Deine Neigung zu stolzer Unabhängigkeit kenne. Unter diesen Umstständen muß ich meine Sehnsucht danach, Dich wieder bei mir zu sehen, zurückdrängen." Im Weiteren sagte er noch: „Gestern war Sally, Dein ehemaliges Mädchen bei mir und erkundigte sich nach Deinem Befinden. Das gute Ding scheint Dir noch sehr anhänglich zu sein. Sie bat mich um Deine Adresse und sagte, sie wolle einmal an Dich schreiben. Ich habe sie ihr gegeben."
Dieser Bries ihres Vaters schien ihr Segen zu bringen, denn fast gleichzeitig erhielt sie die Aufforderung, sich einer Dame vorzustellen, die eine Gesellschafterin wünsche. Bella machte mit größter Sorgfalt Toilette, stellte sich vor und wurde unter guten Bedingungen engagirt. Ihre neue Gebieterin war Lady Agnes Colt - Duffenn, jung, schön und kinderlos. Selbst arm, hatte sie aus Liebe zum Wohlleben einen reichen bürgerlichen Offizier geheirathet, behielt aber als Tochter eines Marquis das Recht des Adels bei und ließ davon einen Abglanz auf ihre bürgerliche Ehe fallen. Ihr Gemahl, Oberst in einem Infanterieregiment, war stolz auf sein schönes Weib und gestattete ihr völlig die kostspieligsten Extravaganzen. Sie gehörte nicht zu den steifleinenen britischen Edeldamen, sondern führte ein ungezwungenes, gleichwohl vornehmes Haus. Prunk war ihr etwas Selbstverständliches. Eine gewisse Ungezwungenheit, ja selbst Ungebundenheit ihrer gesellschaftlichen Veranstaltungen war Ursache, daß ihr das Haus der Sammelpunkt derjenigen vornehmen Gesellschaft war, welche gern dem Zwange steifer Formen auswich. Prinzen, Herzoge und wirkliche Lords gehörten zu ihren Gästen. Das Geld ihres Gemahls streute sie aus, wie ein fröhliches Kind spielend Sand ausstreut.
Lady Agnes suchte sich eine schöne Gesellschafterin und fand in Bella Kranzler das Ideal einer solchen. Diese fühlte sich nach den schweren Leiden sclavischer Dienste wie in Hesperiens Gärten versetzt. All' ihre seelische Spannkraft kehrte wieder. Sie erblühte frisch wie eine Rose im Lenz- thau und ihre Zauberaugen leuchteten gleich den Thauperlen. Ein süßer geistiger Duft schien von ihrem Wesen auszu- strömen. Unähnlich vielen anderen Frauen, war Lady Agnes tolerant gegen ihre Vorzüge. Wie zwei schöne Blumen nebeneinander prangen können, ohne daß eine der anderen Reiz beeinträchtigt, so konnten auch diese beiden schönen Frauenwescn nebeneinander leben, wobei freilich ernste Leidenschaften nicht in's Spiel kamen. Uebrigens wollte ja Lady Agnes eine erhöhte Anziehungskraft für ihre Gesellschaften. Vielleicht hielt sie sich auch für zu vornehm, um in ihrer ersten Dienerin eine Rivalin zu sehen, sicher aber war sie dafür zu leichtsinnig.
Mit wunderbarer Raschheit fand Bella sich in die neuen Verhältnisse. Sie erhielt prachtvolle Toiletten, sie lernte wieder die Fülle des Lebens kosten, sie konnte wieder fahren und reiten, da auch Lady Agnes eine leidenschaftliche Reiterin war und sich oft von ihr begleiten ließ.
Eines Abends wurde durch eine Persönlichkeit aus den höchsten Regionen ein wirklicher indischer Fürst bei Lady Agnes eingeführt: der Rajah Gora von Jeypur, welcher mit England seinen Frieden gemacht hatte und gekommen war, um sich der Königin vorzustellen, die Gebräuche der großen Welt des Westens kennen zu lernen und deren Aufklärung mit in sein Land zu nehmen. (Fortsetzung folgt.)


