Die schönsten Augen.
Novelle von Carl Teschner.
(Fortsetzung.)
Bella machte mit Sorgfalt Toilette und begab sich nach der ihr von der Schülerin bezeichneten Wohnung. Mr. Aoung, der Vater dieser Schülerin, besaß ein Palastartiges Haus in einem der theuersten Stadttheile Londons. Er war ein Emporkömmling, welcher durch Fabriciren und Handeln mit Seife — indem er einige Hundcrttausende für Reclamen aufwendete — binnen zehn Jahren eine Million Pfund Sterling gewann.
Mrs. Uoung, eine kleine spärliche Gestalt, die trotz der theuersten Stoffe, welche sie trug, nichts weniger als einen vornehmen Eindruck machte, empfing Bella in einem mit kostbarem Prunk überladenen Boudoir. „Meine Tochter hat mir von Ihnen gesprochen," sagte sie, „und da Sie sich bei mir bewerben, toiä ich Sie annehmen. Sie werden sich freilich eine Zeit lang sehr unsicher fühlen, da wir ein vornehmes Haus machen, und ich verlange schon etwas von meinem Personal. Sie werden zum Beispiel mit meinen Kindern immer in drei Sprachen reden: englisch, französisch und deutsch. Denn wenn wir nach dem Continent reisen, sollen sie sich überall zurecht finden und sich nicht betrügen lassen. Das thut man gern mit reichen Engländern in den deutschen Hotels und Kaufläden. Meine Kinder sollen sich bloß an das allerseinste gewöhnen. Dazu ist Master Will, mein Jüngster, schon auf dem besten Wege, dem ist's angeboren, und Miß Arabella, die kennen Sie ja, ist schon eine vornehme Dame. Die will ich jetzt von Mr. Phelps wegnehmen, der ist uns doch nicht fein genug. Und wozu die sehr vielen Bücherwirthschaften! Da werden Sie mit
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Julius Wolff.
oll die Wirthschaft gut gedeihen, Alles sich am Schnürchen reihen, Daß man an des Hauses Herde
Seines Lebens froh auch werde, Muß man zu den kleinsten Dingen Selber Lust und Liebe bringen, Nimmer scheuen Müh' und Last, Daß zufrieden Wirth und Gast.
Miß Cläre, meiner zweiten, schon mehr Noth haben, die sitzt zu viel über Büchern, das will ich nicht. Meine Kinder brauchen keine Büchermotten zu sein. Nur vornehme Lebens- kenntniß! Sie werden immer bei den Kindern sein und auch mit ihnen speisen. Wir haben oft Gäste, da können die Kinder nicht dabei sein. Nur Sonntags speisen wir Alle zusammen. Sie können gleich bei mir antreten. Jean kann Ihre Sachen holen."
Bella fühlte sich bei diesem Vortrage erkünstelter Vornehmheit bis in die innerste Seele durchkältet, aber sie biß entschlossen die Zähne zusammen. Es blieb ihr keine andere Wahl, als sich in die neue Stellung einzuleben. „Lieber sterben," sagte sie sich, „als die Leute meiner früheren Hei- math wissen lassen, daß ich nicht glücklich bin!"
Sie erhielt ein kleines Zimmer neben den für die Kinder eingerichteten Gemächern angewiesen, dann wurden ihr die Kinder vorgestellt. Arabellas Dünkel und Mangel an Lernlust kannte sie bereits. „Miß" Cläre war ein kleines, blasses Mädchen von dreizehn Jahren mit großen, tiefen Augen, aus denen eine still sinnende Seele sprach. Bella erkannte schnell, daß, was sie dem Kinde abgewöhnen sollte, dessen schönste Vorzüge ausmachte. Cläre war ausnehmend wißbegierig und schloß sich mit liebender Zärrlichkeit an das schöne, fremde Fräulein. Master Will, der elf Jahre zählte, bestätigte auch nicht im Kleinsten das Zeugniß seiner Mutter von angeblich angeborener Vornehmheit. Seine hervorstechenden Characterzüge waren altklug vorlautes Wesen, Rohheit, ungefügiger Trotz und unüberwindliche Trägheit. Fast nie that er, was von ihm verlangt wurde, gab öfter absichtlich verkehrte Antworten, kritzelte schlechte Figuren auf's Papier, wenn er schreiben sollte, und wenn Bella mit ihm deutsch oder französisch zu sprechen versuchte, sagte er übermüthig: „Ach, sprechen wir doch englisch! Wir sind ja Engländer!"
Natürlich mißglückte die dreisprachige Conversation vollständig.
„Sie müssen es doch nicht verstehen!" tadelte Mrs. Uoung beim ersten gemeinschaftlichen Mittagsmahle in herbem Tone die Gouvernante.
„Aber Master will eben nicht Französisch sprechen, noch weniger Deutsch!" entgegnete Bella, die mit Mühe ihre Entrüstung niederkämpfte.
„Da hat er recht!" mischte sich Mr. Aoung ein. „Ich kann die deutschen Stümper auch nicht leiden. Sie machen mir meine Etiketten nach, wollten ebenfalls reich werden.


