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Er hatte sich während ihrer Rede erholt von dem Schrecken, den ihr plötzliches Auftauchen in dem halbdunklen Zimmer bei seiner Heimkehr ihm verursacht hatte; die verdammten Nerven spielten ihm jetzt manchmal einen Streich! Aber nun hatte er sich wiedergefunden, und mit der ruhigen Kälte, die er ihr gegenüber zu zeigen Pflegte, schaute er, ein wenig lächelnd, zu Fräulein Tietjens hinüber. Dann stand er auf, deckte die Kuppel auf die Lampe, daß mattere Helle sich über das Zimmer breitete, zog langsam den Ueberzieher aus, hing ihn an einen Kleiderhalter neben der Thür und sagte, zum Schreibtisch znrückkehrend: „Wenn es Dir möglich ist, so laß uns die Sache etwas weniger theatralisch behandeln."
Ohne auf ihn zu hören, fuhr sie fort in ihrer leidenschaftlichen Rede,- der Zorn allein, der ihr in der Brust emporquoll, hatte sie für einen Augenblick verstummen lassen. „Aber Du hast Dich getäuscht, wenn Du gemeint hast, er wäre so gefällig gewesen, zu verschwinden auf immer. So wahr ich selbst in diesem Augenblick vor Dir stehe, mein Sohn lebt!"
Er hatte vom Tisch eine feine Pincette ausgenommen und zupfte damit an den langen, röthlichblonden Haaren, die auf den Außenseiten seiner Hände wuchsen. „Das ist ja interessant," sagte er höflich und kühl.
„Jawohl, er lebt! Und nicht soweit von Dir, wie Du es wünschen möchtest, nein, ganz in der Nähe, in dieser selben Stadt, in diesem selben Hause!"
Wenn sie gemeint hatte, Ueberraschung und Schrecken auf seinem Gesichte zu lesen bei diesen Worten, so hatte sie sich getäuscht. Sie sah auch jetzt wieder das glatte Lächeln auf seinen Zügen, und dieser Anblick vermehrte noch ihre Wuth. Du hast ihn von Dir gestoßen, aber er ist doch wieder zu Dir zurückgekommen. Der Zufall, — oder soll ich es Schicksal nennen Dir zum Aerger, Du meineidiger, glaubensloser, frivoler Bube? — ja, das Schicksal hat ihn hierher gebracht unter das Dach dieses Hauses!"
„Etwas leiser, wenn ich bitten darf. Du wirst die Leute hierher schreien, und ich dachte, es wäre Dir nicht erwünscht, wenn man von unserem Verkehr erführe."
Sie hatte nun wirklich die Stimme zu lautem Drohen erhoben, die Worte, die zuerst einzelnen, schweren Regentropfen geglichen hatten, strömten jetzt fessellos hervor in ungehemmter, mächtiger Fluth. Auch seine höhnische Warnung brachte sie nicht zum Schweigen oder zur Mäßigung.
//Mdgen Sie's erfahren, ich frage nicht mehr darnach. Ich selbst, ja, ich selbst möchte es ihnen entgegenrufen: ich brn m Schmach und Jammer, aber hier ist der Mann, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin! Um seinetwillen habe ich Ehre, Familie und Heimath verloren, um seinetwillen habe ich int Schatten der Sünde gelebt seit vielen Jahren. Und was hat er mir gegeben für meine Opfer? Hohn und Verachtung, Spott und Mißhandlung. Er hat nicht gegeben, er hat nur -genommen. Den Sohn, den ich liebte, der mir hatte ersetzen können, was ich verloren hatte, — von der t i er m*r gerissen und ihn seiner Mutter entfremdet!"
Mit einer Stimme scharf und hart wie das Metall, as er noch immer in der Hand hielt, unterbrach sie der n S’.x "®u ^wärmst und phantastrst. Es wäre nützlicher sur Dich und mich und vielleicht auch für einen Dritten, wenn Lu mit vernünftigen Worten mir sagtest, was Du erfahren hast, wann, wie und wo Du es erfahren hast." a E cS Dir sagen," gab sie mit ungeminderter reldenschaft zur Antwort- „weil ich nicht glaube, daß es ihm Schaden bringen kann, und weil es Dir zeigen soll, daß es em Schicksal und eine Vergeltung giebt. Oder ist es vielleicht eine Kette von Ursache und Wirkung, wenn dieselbe Frau, urch deren Hilfe Du den^Sohn von Dir und mir losreißen
r?, $ier$et kommen muß in dieses Haus durch Deine schuld, um den Verlorenen wiederzuerkennen nach vielen Vahren? Ich sage: durch Deine Schuld! Hättest Du einem ranken, schutzlosen Kinde die Hilfe nicht verweigert, die Du
ihm und seinem Vater zu vielen Malen versprochen hattest, niemals hätte das Kind hier eine Zuflucht gefunden, niemals hätte jene Frau, die ihm verwandt ist, die Schwelle dieses Hauses betreten."
„Was ist das für eine Frau, von der Du redest?" Er hatte die Pincette jetzt auf den Tisch gelegt, den Kopf zurückgeworfen und schaute sie mit kalten Blicken gebieterisch an.
„Dieselbe, der Du den Knaben übergeben hast, und der er entlaufen ist. Ich kenne sie, Du weißt es, denn in der ersten Zeit hattest Du es mir erlaubt, mein Kind noch zuweilen zu sehen, und als Du es mir verboten hattest, bin ich noch einmal heimlich dort gewesen. Es ist zu lange her, und mein Sohn war zu klein, als daß ich ihn jetzt hätte wiedererkennen können, wenn er mir begegnete, hier, in diesem Hause! Aber die Frau ist hierher gekommen, ich habe sie gesehen, und sie ist eine zuverlässige Zeugin, wie Du anerkennen wirst."
(Fortsetzung folgt.)
Geheimmittelschwindel.
Von Dr. med. Vollmann.
------- (Nachdruck verboten.)
Der Hang zum Mystischen und Wunderbaren ist unausrottbar in der Natur des Menschen begründet. Wo die Erklärung natürlicher Vorgänge versagt, wo ihm natürliche und bekannte Mittel unzulänglich oder auch zu einfach erscheinen, greift er gern zum Uebersinnlichen, Geheimnißvollen. Man sollte meinen, daß der außerordentliche Aufschwung, den die Medicin besonders im letzten Jahrhundert genommen hat, dem Unwesen der Geheimmittelkrämerei den Boden entziehen müßte, aber in Wirklichkeit blüht dasselbe lustig weiter, ja es werden für seine Zwecke sogar die Fortschritte der Medicin ausgebeutet. Neben dem Gewände des Geheimnißvollen, in das es sich kleidet, kommt ihm noch ein mächtiges Mittel hilfreich zu statten, das es in seiner ganzen Ergiebigkeit zu gebrauchen weiß, nämlich die Reclame. Was gedruckt ist, macht schon deswegen der großen Menge eher den Ausdruck des Glaubwürdigen, und außerdem sind ja die Inhaber der unfehlbaren Mittel gewöhnlich in der Lage, zahllose Dank- und Anerkennungsschreiben beizufügen, die oft von Leuten aus den besten Kreisen unterzeichnet sind. Ohne der Echtheit dieser Dokumente zu mißtrauen, darf man doch in ihren objectiven, beweisenden Werth erhebliche Zweifel setzen, gehen sie doch gewöhnlich von Personen aus, die über die Natur der Krankheiten weder Urtheil noch Erfahrung besitzen, die dem Mittel Besserungen zuschreiben, die nur dem natürlichen Verlauf der Krankheit entsprechen. Die Leser, an welche sich die Anpreisungen richten, denken nicht weiter über diese Entstehungsweise der Atteste nach, sondern verlassen sich auf ihren überzeugenden Inhalt und fallen auf das Mittel hinein. Angenommen, daß dasselbe nicht gerade directen Schaden stiftet, vorausgesetzt sogar, daß es sich um ein für gewisse Uebel ganz wirksames Mittel handle, ist selbst dieses in den meisten Fällen für den Besteller nutzlos- es wird nämlich in der Regel aus der Masse des Angepriesenen diejenige Annonce bevorzugt, bei welcher die von dem Mittel angeblich beseitigten Krankheitszeichen am meisten Ueberein- stimmung mit denen des Bestellers darbieten. Nun betrachte man daraufhin eine beliebige Annonce, die Zusammenstellung der verschiedenartigsten Symptome und Beschwerden, welche sämmtlich durch ein und dasselbe Mittel günstig beeinflußt werden sollen und man begreift, daß sich darunter die widersprechendsten Krankheiten unterbringen lassen. Warum gehen die Betreffenden nicht lieber zum Arzt? wird jeder Vernünftige fragen. Weil das angepriesene Geheimmittel nicht gar so theuer ist und dafür eine große Doctor- und Apothekerrechnung erspart. Die Meisten sehen sich aber früher oder später doch noch genöthigt, einen Arzt zu Rathe zu ziehen, und dann ist nicht nur die erhoffte Ersparniß vereitelt, sondern auch oft die kostbarste Zeit zum Eingreifen verstrichen. Betrachten


