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besinnend, gab er sie frei und schob sie mit sanften Händen von sich hinweg.
„Es darf ja nicht sein!" Ein schwerer Seufzer be gleitete seine Worte, und auch ihr Gesicht verfinsterte sich, als er so zu ihr sprach. Dann aber bezwang sie sich und sagte mit der sicheren Klarheit, die all' ihr Thun und Reden auszuzeichnen Pflegte: „Nun wollen wir miteinander sprechen wie zwei vernünftige Menschenkinder. Wir haben Vernunft und Ruhe jetzt nöthig, das ist mir in diesen letzten Tagen klar geworden. Komm, setz' Dich hierher,- nein, hier in Deine Ecke. Da hast Du gesessen, als Du zum ersten Mal bei mir wärest, und da sehe ich Dich immer noch am liebsten."
Er gehorchte ihr und setzte sich in den Winkel des Zimmers, wo die Palmen standen, dicht neben eine schwarze Staffelei, auf der ein Werk von Frau Inas Händen aufgestellt war. Ein fein ausgeführtes Bild, in Holz gebrannt, aber mit so wohlberechneter und sicher geübter Kunst, daß es wie eine zarte, braune Radirung wirkte. Heute sah Georg nicht darauf hin, so oft er früher das Können der Geliebten bewundert hatte,- das Feuer in sein Blicken war schnell wieder erloschen, Schwermuth und Hoffnungslosigkeit allein sprachen daraus.
Ihrem scharfen Auge entging die rasche Wandlung nicht, aber sie vermied es, davon zu reden. Sie setzte sich ihm gegenüber, nur durch einen niedrigen, runden Tisch von ihm getrennt, und indem sie ihm wieder ihre Hand entgegenhielt, sagte sie: „Gieb mir noch einmal Deine Hand, ganz ruhig, zum Zeichen der Freundschaft! Denn wie zwei gute Freunde wollen wir miteinander sprechen und versuchen, über unser Geschick ins Klare zu kommen."
Da er nicht antwortete, auch seine Hand, die er ihr gegeben hatte, rasch wieder aus der ihren löste, nahm sie ein Falzbein von Schildpatt vom Tisch, drehte es spielend langsam zwischen den Fingern und begann von Neuem- „Es waren zwei böse Tage, für mich gewiß ebenso wie für Dich. Aber ich habe Dir Zeit gelassen- ich wußte, Du würdest zu mir kommen, und nun bist Du ja da. Nun steht kein Dritter mehr zwischen uns, und Du sollst von mir selbst hören, was Du wissen willst und wissen mußt."
Wortlos, voll Spannung schaute er zu ihr hinüber - doch bevor sie weiter sprach, erhob sie sich, von einem Plötzlich auftauchenden Gedanken getrieben, und sagte: „Ich will nur sehen, daß sie uns nicht wieder behorcht. Von ihr ist ja doch das ganze Unheil gekommen." Sie ging zu den beiden Portiören, die an den Thüren der Nebenzimmer niederhingen, und blickte hinaus. Das kleine Gemach mit der Büste des Todten war auch bei Tage verdunkelt, und sie mußte den Vorhang weit zurückschlagen, um hineinschauen zu können. Es war Niemand darin, aber Georg sah aus der Dämmerung die weiße Büste geistergleich auftauchen, und ein erneuter Schauer überlief ihn bei diesem Anblick.
„Wir sind allein," sagte Frau Ina, als sie sich wieder gesetzt hatte, „und nun will ich Dir Alles sagen. Das ist der einzige Vorwurf der mich in meinen Augen trifft, daß ich Dir neulich Abends, als ich von meiner Vergangenheit erzählte, nicht auch von dem Versprechen sagte, das ich meinem Manne gegeben habe. Sieh," ihre Stimme wurde weich, und ihre Augen fühlten sich mit Thränen, aber sie kämpfte sie tapfer hinunter, „ich wollte zuerst Deiner Liebe gewiß sein. Darum nur habe ich nichts gesagt. Ich wollte Dich nicht betrügen, gewiß nicht!"
„Ina, wie war es mit dem Eid?" Schwer und mühsam, ganz leise kamen die Worte von seinen Lippen.
„Es war kein Eid!"
„Kein Eid?"
„Nein, eüt Versprechen, kein Eid."
„Ina, ist das wahr?"
„Ich habe Dir noch niemals die Unwahrheit gesagt." Sie hatte stolz den Kopf erhoben und sah ihm gerade in die Augen. Ein Gefühl der Hoffnung und Freude wollte sich in seinem Herzen regen, aber er gedachte der warnenden
Rede des Onkels, und eilt leiser, häßlicher Zweifel hemmte die gute, vertrauende Regung. Er meinte wieder die Worte zu hören: „Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie den Eid ableugnen wird," und wie eine trennende Schranke, durch ihre Gegenwart selbst nicht völlig beseitigt, stellte das Mißtrauen sich zwischen ihn und sie.
(Fortsetzung folgt.)
Mira.
Von M. C. Carpenter Meyer.
(Schluß.)
Einen Augenblick zögert er — hat er ein Recht, eigenmächtig in das Schicksal des unschuldigen Kindes einzugreisen? Doch kein Zaudern darf sein, er tritt an die Geliebte heran und wirft ihr ein Tuch über das Gesicht. Scharfer Carbolgeruch durchdringt das Zimmer, betäubt das schwüle Sandelholz- Parfüm desselben. Fred Henrieourt nimmt die bewegungslos Schlafende auf seine Arme und verläßt mit seiner süßen Last die Behausung, birgt sie in seinem versteckt haltenden Wagen, und dahin gehts in fliegendem Galopp der kleinen versteckten Villa zu, in der er sein Glück bergen will. Jetzt sitzt er in banger Pein an ihrem Lager, rettungslos liegt sie vor ihm ein schönes, lebloses Bild. Wie wenn er sie getödet?
Nur einet kann ihm Helsen — Doetor Dun. Verzweifelt eilt er zu dem Freunde.
Nach vielen vergeblichen Versuchen schlägt das Mädchen die Augen auf, wirr blickt sie um sich, ein leiser Schrei entfährt ihren Lippen, als sie den Geliebten sieht.
„Sie ist gerettet, Henrieourt", sagt der Doetor, „Sie haben da verteufelt übereilt gehandelt. Um den Eklat zu vermeiden, hätte vielleicht doch ihre Familie einer Heirath zugestimmt. Jetzt heißt es tiefstes Schweigen bewahren!" —
„Mira, Geliebte, Du liebst mich nicht, hast mich nie geliebt!"
Das Mädchen, das träumend am Fenster steht, wendet sich:
„Sahib, ich liebe Dich mehr als mein Leben, ich bin bereit für Dich zu sterben, nur gib mich frei!"
„Ha! sehnst Du Dich schon zurück in die Welt, ist Dir meine Liebe nichts? Weib, hast Du mich verrathen, betrogen? Sprich!"
„Sahib, höre mich! Mein Vater war ein mächtiger Fürst, doch die fremden Sahibs nahmen ihm seine Macht, da erbot sich Rajah v. D., ihm zu helfen, wenn er ihm seine jüngste Tochter zum Weibe gäbe. Schwester Ari war schön, wie die Sonne, und rein, wie der junge Tag. Sie entsagte ihrer Liebe und willigte ein, das Weib des alten Rajahs zu werden. Doch noch war ein Hinderniß zu überwinden- unsere Religion verbietet, daß die jüngere Schwester vor der älteren heirathet, ich aber war noch unvermählt und liebte Niemand. Der Rajah drängte, da griff man zu dem üblichen Mittel, mich einer göttlichen Bunne anzutrauen. Die heilige Lotosblume ward mein Gemahl- diese Ehe ist unlöslich, keinen irdischen Mann darf ich lieben, ihm angehöcen- mich und ihn würde die Rache der Götter treffen und verderben. — Das ist mein Geheimniß!"
Berauschender, schöner noch erschien ihm die Inderin, das Mondlicht fluthet voll herein über das Mädchen hinweg. Die Nachtigall singt ihr Liebeslied und im Herzen regen sich tausend Wünsche, verborgenes Sehnen wird wach, heiß lodert die Flamme des Herzens — und sie sinkt in seine Arme. Welt, Menschen und Haß und Rache sind vergessen. Die Nachtigall schweigt und geheimnißvoll leuchten und schimmern die wunderbaren, weißen Blüthenkelche dort unten am Ufer des Flusses und ein leises Klingen und Rauschen ertönt über den Wassern. — — — — — — — — —
Monate waren vergangen, die kleine Villa umschloß ein Paradies von Glückseligkeit.
„Mira, warum bist Du traurig, was umflort Dein


