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Weg der Pflicht, der steinig und rauh wär, aber auf dem er wandeln konnte ohne Qual des Gewissens, ohne Selbstvorwurf und Reue.
Franz Neuert war, als er den Doctor verlassen hatte, langsam die Haupttreppe des Gebäudes hinunter gestiegen, Aerger im Herzen, ein heißes, jagendes Blut in den Adern. Als er bis zu der Thür gelangt war, die auf der Hälfte der Treppe im Erdgeschoß plötzlich den Weg unterbrach, ließ der Ton von Menschenstimmen ihn Halt machen. Es waren gedämpfte, jedoch von Heiterkeit und Frohsinn erfüllte Stimmen, weiblich die eine, männlich die andere, und sie sprachen immerhin laut genug, um durch die Thür hindurch vernommen zu werden.
„Sehen Sie mich nur an, ich bin schon ganz abgemagert," sagte der Mann.
Das Mädchen lachte. „Sie armer Mensch!" rief sie. „Und wie blaß Sie aussehen! Ich habe eine Rose auf meinem Hut, die hat ganz dieselbe Farbe!"
„Die Rose kenne ich- die ist ja feuerroth."
„Darum sieht sie Ihnen gerade so ähnlich." „Also haben Sie gar kein Mitleid mit mir?" „Nicht das mindeste."
„Wissen Sie, dafür muß ich mich rächen!"
„Versuchen Sie's nur."
„Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen."
„Das Geräusch eines mit Vorsicht, aber herzhaft verabreichten Kusses drang durch die Thür zu dem Lauscher, dann ein unterdrückter Ruf des Mädchens und ihre lachend gesprochenen Worte: „Ich werde einen Maulkorb für Sie machen lassen müssen." Und nun ein leiseres, nicht mehr verständliches Geflüster, das dem Horchenden das Blut noch rascher durch die Adern trieb, als die laut gesprochenen Worte vorher. Das Gefühl einer jäh erwachenden, wilden, rasenden Eifersucht erfaßte ihn. Er hatte die Stimmen der beiden Menschen erkannt, er wußte, daß nur diese schwache Thür ihn von dem Mädchen trennte, dessen Bild ihn verfolgte, er fühlte, daß er durch einen Andern dort besiegt war, wo er freiwillig zu entsagen geglaubt hatte. Für ihn gab es kein Glück, aber auch für Jenen sollte es keins geben! Ein Gedanke, durch die Eifersucht gewaltsam erzeugt, rasch ausgestaltet durch die fiebernde Phantasie, stand plötzlich vor seiner Seele.
Als er nun aber die Thür langsam öffnete, verrieth sein bleiches Gesicht nichts von dem, was er eben gedacht hatte. Er begrüßte die Beiden höflich, dann wandte er sich an Köhler allein.
„Haben Sie sich's überlegt mit dem Club?"
„Ich möchte schon, aber es wird wohl viel Geld kosten?" „Nicht der Rede werth. In den anderen Städten, in Hannover, Berlin, sind die ärmsten Schlucker darin. Gegen die sind Sie ein Rothschild."
„Na, dann kann sich der Rothschild den Luxus ja vielleicht erlauben."
„Natürlich kann er's. Am Sonnabend über acht Tage ist die erste Uebung, ich sage Ihnen noch Bescheid."
„Es soll ein Wort sein."
„Schön also. Auf Wiedersehen. Guten Tag, Fräulein Wernicke."
Sie nickte nur kurz und schaute dem weiter Hinabschreitenden nach. Als er die Hausthür hinter sich geschlossen hatte, blickte sie den jungen Goldschmied mit ein wenig mißvergnügtem Gesichte an.
„Was ist das für ein Club?" fragte sie.
„Er will ihn hier gründen. Ein Athletenclub soll es werden."
„Was wird denn da getrieben?"
„Kraftübungen, Arbeiten mit Gewichten, Ringkämpfe und lauter so schöne Sachen. Es soll ganz famos sein. Da hinein kommen nur die kräftigsten jungen Leute in der Stadt, und zwei Mal in der Woche üben sie, und wenn sie Alles können, dann geben sie eine Vorstellung !"
„Oeffentlich?"
„Jawohl. Und da sind sie alle ganz in Tricot, — weil sie sonst nicht ordentlich arbeiten können."
„Schickt sich denn das?"
1 „Na, wenn sich's in Hannover schickt, wird sich's hier wohl auch schicken."
„Aber nur Tricot? Hören Sie 'mal!"
„Na, so 'ne Art Gewand haben sie natürlich auch noch drüber, so ein enges Wams, ohne Aermel. Das ist dann grün oder roth oder schwarz, und es sind Blumen darauf gestickt oder so was."
„Gestickt?"
„Jawohl."
„Hören Sie, dann könnte ich ja —"
„Was meinen Sie?"
„Nein, das geht doch wohl nicht."
„Was denn?"
„Ich dachte, ich könnte Ihnen das Ding ja vielleicht besticken."
„Das wäre großartig! Das müssen Sie thun!"
„Ich werde mir's überlegen."
„Nein, nein, das müssen Sie thun. Und wenn ich dann nicht alle die Anderen besiege, soll mich der Teufel holen."
„Der soll Sie schon auf der Liste haben," sagte sie und lachte. Zugleich entwand sie sich mit geschickter Bewegung den nach ihr greifenden Armen, die sie festhalten wollten zu neuer Bestrafung. Hurtig sprang sie ein paar Stufen hinunter: dort aber sich noch einmal umwendend, sagte sie: „Wenn ich es thue, kommen lauter Rosen darauf und alle so blaß wie Ihr Gesicht. Guten Morgen, Herr Köhler."
„Guten Morgen, Fräulein."
Sie verschwand in der Thür zum Goldschmiedsladen, die rechts von der Treppe am Flur lag. Der angehende Athlet reckte seine Glieder. „Meine Frau wirst du doch," sagte er halblaut. Nun ging auch er der Werkstätte zu; die beiden fröhlichen Stimmen waren verklungen, die jungen Gestalten zwischen den alten Mauern waren verschwunden, und ernst und düster, wie es seine Art gewesen war seit Jahrhunderten, lag das Haus der Schatten wieder da.
Georg Shbel klopfte an die Thür von Frau Inas Zimmer. Er war noch immer sehr bleich, aber die Ruhe eines Entschlusses, den er für unwandelbar hielt, war über ihn gekommen. Um nun freilich doch gleich wieder erschüttert zu werden durch einen Laut, den er kannte, durch eine Stimme, die er liebte, durch das halblaute „Herein", das ihm aus dem Gemache entgegenklang.
Frau Henninger stand mitten im Zimmer, als er eintrat. Auch ihr Gesicht war blaß und leidend, aber ihre Augen, die ihm größer schienen als sonst, waren von einem reinen Glanz erfÜflt, und um die bebenden Lippen lag ein schöner Ausdruck von Glück und Hoffnung.
„Endlich," sagte sie, indem sie ihm beide Hände entgegenhielt. Es war ein einziges Wort, aber ihr ganzes Herz klang ihm daraus entgegen- all' ihre Liebe, alle die unbeantworteten Fragen der beiden letzten Tage, alle die Qual vergeblichen Wartens und Sehnens legte sie hinein in diese beiden Silben.
Und als er sie nun vor sich erblickte, deren Bild er gewaltsam aus seinem Herzen hatte reißen wollen, wie sie dastand voller Demuth, Hingebung, Bangen und Hoffnung, da fühlte er für einen Augenbsick all' seine Vorsätze und Pläne verwehen und verschwinden. Es blieb nichts zurück, als die grenzenlose, in diesen Tagen des Elends nur noch mächtiger emporgewachsene Liebe, und seine Lippen sprachen nichts, als dasselbe Wort, mit dem sie ihn begrüßt hatte.
„Endlich, endlich!" sagte auch er, faßte die dargebotenen Hände, zog die Gestalt der Geliebten an sich, preßte sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Hingegeben lag sie an seiner Brust mit geschlossenen Augen- der Ausdruck des Glücks aber in ihren Zügen war noch heller und leuchtender geworden. So blieb sie eine Weile, dann, sich


