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Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
Der saß an seinem Schreibtisch, bleich und übernächtig, mit einer Arbeit beschäftigt.
„Muß doch einmal sehen, wie Dir's geht, mein lieber Junge," sagte der Doctor sehr freundlich. „Na, wie steht's denn?"
„Ich danke, gut," antwortete Georg mit einem Versuche, zu lächeln, der sein Gesicht nur noch trauriger und vergrämter erscheinen ließ.
„Siehst nicht zum Besten aus. Aber das ist nicht immer maßgebend, besonders bei nervösen Menschen. Halte nur den Kopf hoch! Es giebt nun einmal Dinge im Leben, unangenehme Geschichten, die durchgemacht - werden müssen. Bist ja doch auch ein Mann!"
„Das bin ich und werde es beweisen," gab der Andere zur Antwort, indem er aufstand, seine Gestalt zu ihrer ganzen Höhe emporreckte und dem Doetvr mit stolzem Blick in die Augen sah.
„So gehört sich's, nur immer hübsch muthig! Und wenn's einmal nicht recht gehen will, so gebrauche die Mediein, die in solchen Fällen die allerbeste ist: die Arbeit. In ihr findet man ja doch immer ein Mittel gegen üble Gedanken."
„Du siehst, ich wende es bereits an," sagte Georg mit einem Blick auf den Schreibtisch. „Und es wird in nächster Zeit voraussichtlich an Arbeit nicht fehlen,- ob sie erfreulich sein wird, ist freilich eine andere Frage. Die Polizei in Berlin will einer neuen, anarchistischen Vereinigung auf die Spur gekommen sein und behauptet wunderbarerweise, daß die Geschichte bis hierher in unser solides, ruhiges Hildesheim spielt. Vielleicht, wahrscheinlich sogar ist es nur blinder Lärm, aber viel Schererei und Schreiberei wird's jedenfalls geben."
Er sprach müde und gleichgültig, aber der Doetor horchte
Dienstag freu 2. Februar.
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te ist die Welt so riesengroß!
Und doch wählt selbst der größte Schmerz Zur Heimath sich ein Flecklein blos, Ein winziges — das Menschenherz.
K. W. G.
hoch auf bei seinen Worten. Ein eigenthümliches Wetterleuchten ging über sein Gesicht- als er dann sprach, waren die Züge wieder glatt und ruhig wie sonst. „Hör' einmal, wenn die Geschichte wahr sein sollte, — ich halte das nämlich nicht für ausgeschlossen, weißt Du, — dann kann ich Dir vielleicht einen Wink geben, der Dir nützlich ist. Ich mache Dich auf einen jungen Menschen aufmerksam, der hier im Hause wohnt, einen Schlossergesellen Namens Neuert. Er war vorhin bei mir, hatte eine eigenthümliche Wunde an der Hand, über die er mich anlog. Der Mensch ist mir verdächtig- er fing sogar in meiner Gegenwart an, socialistische Ideen auszukramen. Na, ich habe ihn schnell zur Ruhe gebracht, kannst Du Dir denken- aber soviel steht für mich fest, Soeialdemokrat ist er sicher feiner Gesinnung nach, vielleicht auch etwas Schlimmeres. Behalte ihn im Auge, laß ihn heimlich beobachten- ich glaube, es lohnt sich unter diesen Umständen. Vielleicht kannst Du Dich auszeichnen, und ein Orden für Rettung des Vaterlandes fliegt Dir noch ins Knopfloch."
Georg nickte nur- er hatte mit halbem Ohr auf die Worte des Onkels gehört, aber ein unangenehmes Gefühl stieg in ihm auf bei dem Gedanken, einen Hausgenossen mit solch' häßlichem Verdacht verfolgen zu sollen. Sein Onkel schien keine weitere Antwort zu erwarten- er gab ihm die Hand und sagte: „Ich habe keine Zeit mehr, die Praxis wartet- also leb' wohl, und Kopf hoch, mein Junge!"
Damit war er hinaus - wortlos schaute Sybel ihm nach. Es fuhr ihm durch den Sinn, was er vorhin selbst gesagt hatte: „Ich bin ein Mann und werde es beweisen." Erging in sein Schlafzimmer hinüber und begann, den bequemen Hausanzug mit einer besuchsmäßigeren Tracht zu vertauschen. Wie er es jetzt öfter zu thun pflegte, trat er dem Spiegel gegenüber, der am Kopfende seines Bettes hing, und wieder schaute ihm das bleiche Gesicht entgegen, in dem er damals das Antlitz des Tobten zu erblicken gemeint hatte. Seiner erregten Phantasie schien es mit mitunter, als gewinne er eine immer erhöhte Aehnlichkeit mit dem Verstorbenen, als verkörpere die gefürchtete Schattengestalt sich in ihm selbst und blicke ihm aus den eigenen Zügen warnend entgegen.
Heute aber gab er sich dem kranken, wohllüstigen Grübeln nicht hin. Er wollte stark sein, er mußte es sein. Er hatte beschlossen, das Zaudern und Zögern hinter sich zu werfen, ein Ende zu machen, mit der Geliebten zu sprechen und Abschied von ihr zu nehmen für immer. Mit diesem Entschluß war etwas wie Ruhe über ihn gekommen- er sah den Weg vor sich, den er vom Schicksal sich vorgezeichnet glaubte, den


