hinter einem heiteren Lachen zu verbergen. „Du irrst, I Großpapachen/ es ist jetzt hier so still wie im Grab- die Mädchen sind alle fort, auch die meisten Lehrerinnen/ seit ben letzten drei Tagen fühle ich mich schrecklich vereinsamt." I
„Nun, mach' Dich zurecht, mein liebes Kind; wir werden I sofort abreisen. Doch da fällt mir eben ein, Miß Hole I sagte mir, als ich aukam, Du seiest im Garten und suchtest I einen verlorenen Ring/ hast Du ihn gefunden?"
Ethel senkte den Kopf/ ihr Großvater war die einzige Person auf Erden, vor der sie wirklich Furcht hegte. „Es war der Opalring, den Du mir zu Weihnachten schicktest," I stammelte sie/ „ich habe ihn leider nicht gefunden/ es — es schmerzte mich tief."
„Denke nicht weiter daran, mein Liebling/ ich werde einen anderen für Dich bestellen. Du weißt ja," fügte er mit einem Lächeln hinzu, das sein strenges, altes Gesicht um zehn Jahre jünger erscheinen ließ, „Du brauchst Deine Wünsche nur zu äußern, um sie erfüllt zu sehen."
Die Vorsteherin, deren besonderer Liebling Ethel Grey- lock stets gewesen, war inzwischen anfgestanden / sie eilte jetzt die Treppe herab, um von ihrer scheidenden Schülerin Abschied zu nehmen. Auch Miß Hale kam in diesem Augenblick vom Garten zurück. Noch eiuige Thränen, einige Umarmungen, und Godfrey Grehlock geleitete seine Enkelin zu der Kutsche, die vor dem Hause wartete.
An einen Laternenpfosten in der Nähe gelehnt, stand der Creole, fest entschlossen, das Mädchen, das er liebte, auf jede Gefahr hin noch einmal zu erblicken. Als Ethels Augen ihn gewahrten, nahm er kühn den Hut ab und lenkte dadurch des alten Herrn Aufmerksamkeit auf sich.
„Wer ist dieser Mensch?" fragte Mr. Godfrey, indem er seinen Platz in der Kutsche neben seiner Enkelin einnahm.
Beunruhigt über diese Verwegenheit ihres Geliebten, antwortete diese: „Es ist Monsieur Regnault, der Musiklehrer unserer Schule, Großpapachen."
„Der Mensch sieht wie ein Schauspieler aus/ ich würde ihn unter Tausenden wieder erkennen," antwortete Godfrey Grehlock und warf noch einen Blick nach der Gestalt am Laternenpfosten zurück/ „ist er ein Ausländer?"
„Ich — ich — das heißt," stammelte Ethel, „Miß Hale sagte mir, daß er ein Westindier sei, daß er einst großen Reichthum besessen, denselben aber durch unglückliche Specula» Hotten verloren habe und sich jetzt durch Musikunterricht ernähren müsse."
„Es ist sehr unvorsichtig von der Vorsteherin, einen solchen Lehrer für eine Schule voll romantischer Mädchen zu I halten/ er ist hübsch genug, um jedem weiblichen Wesen den Kopf zu verdrehen."
Ethel lehnte sich zurück und erheuchelte ein gleichgilttges Gähnen. „Ich kann eigentlich hübsche Männer nicht leiden, Großpapa," sagte sie möglichst unbefangen, „Schönheit ist eine Gabe, die ausschließlich dem weiblichen Geschlechts vor- | behalten sein sollte. — Sage mir doch," fuhr sie fort, indem sie mit verdächtiger Hast zu einem anderen Gegenstand überging, „erwartet uns Tante Pamela in Grehlock Woods? Hatte sie kein Verlangen, mit Dir zu kommen, um mich ab- zuholen?"
„Beide Fragen beantworte ich mit Ja/ ihr Gesundheitszustand verbot es ihr, mich zu begleiten, ihr neuer Arzt Protestirte gegen die Reise."
„Ihr neuer Arzt? Wo ist Doctor Jarvis?"
„Er starb schon vor mehreren Monaten. Ein junger Mediciner aus New-Jork, ein gewisser Doctor Richard Bau- dine, hat seinen Platz in Blackport eingenommen."
„Ein junger Arzt? O, das ist ja prächtig, da habe ich Jemanden zur Unterhaltung!" rief Ethel. „Ist Tante Pamela ihm gewogen?"
„So sehr, daß sie ohne seinen Rath gar nicht extsttren kann / er darf sich glücklich schätzen, daß er gleich beim Beginn seiner Laufbahn eine solche Patientin erhielt."
„Dies ist mir auch um Tante Pamellas willen sehr
lieb, Großpapa," sprach Ethel. „Ich werde ihn sofort zu meinem Sclaven machen," fügte sie scherzend hinzu. Und nun begann sie den Alten mit Fragen über die alte Hopkins, die Dienerschaft, die Hunde, die Pfauen, kurzum, über alle lebenden und leblosen Dinge zu Grehlock Woods , zu bestürmen. „Ich glaube zwar, ich habe schon vor drei Tagen nach all diesen Dingen gefragt," fuhr sie fort/ „allein ich weiß nicht wie es kommt, ich muß immer und immer wieder fragen. Und dann Mama — fast hätte ich sie vergessen — ist sie von Europa zurückgekehrt/ ist sie wieder in der Rosen-Villa?"
Die Stirn des alten Herrn umwölkte sich, wie es stets der Fall war, wenn seine Schwiegertochter erwähnt wurde. „Nein," antwortete er/ „das Haus ist geschlossen/ sie ist noch im Ausland/ ich weiß nicht, wo sie ist/ ich stehe in keinem Briefwechsel mit ihr."
„Sie schrieb mir zwei oder drei Mal das Jahr," sagte Ethel/ „ihr letzter Brief war von einer Stadt in Tyrol, wo sie die Bäder für ihr verletztes Bein gebrauchte/ sie schien keine Hoffnung auf Wiederherstellung zu hegen/ sie schrieb, sie habe ganz Europa durchreist und keine Linderung gefunden."
i Grehlock zuckte die Achseln. Seit er die Sorge über seine Enkelin übernommen, war es sein Bestreben gewesen, Mutter und Tochter von einander getrennt zu halten, und da keine von Beiden sich nach dem Umgang mit der anderen zu sehnen schien, so war ihm die Lösung dieser Aufgabe nicht eben schwer geworden.
Iris hatte ein schönes Einkommen. Das Leben einer Einsiedlerin war nicht nach ihrem Geschmack gewesen/ sie war auf Reisen gegangen und sehnte sich nicht in ihr Gefängniß, tote sie die Rosen-Villa nannte, zurück.
So war denn die kleine Ethel zur Jungfrau herange- wachsen, ohne viel von ihrer Mutter gesehen zu haben. Von der Geschichte der Letzteren wußte sie so viel wie Godfrey Grehlock und nicht mehr. Ethel liebte ihre Tante Pamela und tyrannisirte sie/ sie fürchtete ihren Großvater und verehrte ihn zugleich. In ihren Augen war er der vortrefflichste, der edelste Mann. Daß er Iris Grehlock mied und sie nicht leiden mochte, daß er sie auf alle erdenkliche Weise von ihrer Tochter fern zu halten suchte, bereitete der Tochter nicht den geringsten Kummer, da ihre Liebe zu der Mutter nur sehr lauer Art war.
(Fortsetzung folgt.)
Vom „Deutschen Gretna-Green."
Eine Plauderei auS Helgoland. Von Gustav Kopal.
(Nachdruck verboten).
Irgendwo vor längerer Zeit las ich in einem Feuilleton, das über die „Perle der Nordsee" Wahres und Falsches in buntem Durcheinander brachte, die Bezeichnung Helgolands als „Gretna-Green für deutsche Liebespaare". Mein journalistischer College meinte, wie sich aus dem Zusammenhang ergab, allen Ernstes, daß man hier gerade so prompt und ohne alle Formalitäten aus der wogenden See des Ledigseins in den Hafen der Ehe gelotset werden könne, wie in dem berühmten schottischen Grenzorte, der den Romanschriftstellern Alt-Englands so oft schon dankbaren Stoff geboten hat. Auch zu einem Operntext hat dieser gedient. Ich glaube, das unfern Großeltern noch sehr gut bekannte musikalische Werk wird heutzutage ebensowenig aufgeführt, wie in Gretna- Green selbst überhaupt noch Trauungen absonderlicher Art von dem Amtsnachfolger des biederen Mannes vollzogen werden, der, seines Zeichens ein Grobschmied, dereinst in seinen Musestunden als Magistratsperson auch die Ketten Hymens geschickt zusammenzuschweißen wußte. Aber „Der Schmied von Gretna- Green", so heißt die Oper, dankte jedenfalls seine günstige Geschäftsbonjuktur derjenigen Zeit, als es noch keine Eisen- I bahn gab. Gretna-Green war an der englisch-schottischen । Grenze die erste Poststation, wenn man an das Nordufer


