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Ich war unschlüssig. Es hatte sich schon ein kleiner Kreis von Menschen um uns gebildet. Das da in dem Bauer war ein Canarienvogel, das war zweifellos.WaS soll ein solches Thierchen kosten?" fragte ich.

In' jroßet Geschäft mit die hohen Ladenmieten kostet bet an die dreißig Mark. Bei mir dhun'S zehne. Ein Prachtvieh das, an meiner Vaterbrust jroßjezogen . . ."

Sagen Sie mir aber vor Allem, ob das ein Canarien- hahn oder eineSie" ist," forschte ich den Mann aus.

Madameken," antwortete der ganz entrüstet, 'ne Sie" ? Nee, sowat lebt bei mich nicht, dieSieS'" kenne ick. Det zweete Mal bin ick jeschieden und zwee Mal jerückt,--also dieSie's" kenne ick. Wat Se hier

vor Jbnen sehen is'n Männchen, 'n Canarienhahn, wie er im Buche steht, den können Se jetrost nehmen, ick stehe Ihnen Jarantie in die janze Friedrichstraße."

Es war inzwischen der Menschenandrang ein großer geworden.Sie versichern mir also, daß das ein Canarien­hahn ist?" erkundigte ich mich nochmals.

Uff Ehre un Jerechtigkeet," versicherte er.Ihre Helle Freude wer'n Se haben .... Ohh, jnädigstes Frei­lein Jräfin, ick bitte sehr, viel Verjnügm mit det echt Harzer Erzeugniß" Ich hatte ein blankes Zehnmarkstück abgeladen und schlängelte mich aus dem Menschenhaufen hinaus, das Holzbauer mit dem herzigen Vögelchen unter I dem Mantel bergend.

*

Ein ganz netter Vogel," sagte mein Mann, als er die Umquartierung desselben in sein elegantes Bauer besorgt hatte. Der Canarienhahn saß oben auf der Sprosse und sah uns mit seinen großen schwarzen Augen seelenvergnügt an.

Das Thier muß schon ans Bauer gewöhnt gewesen sein," definirte mein Mann weiter.Das ist nicht von heute oder gestern .... Siehst Du, jetzt sitzt er schon am Freßnapf.. ."

Und richtig, das Thier war herunter gesprungen und deleetirte sich an dem Sommerrübsen, an dem Eifutter und dem Vogelbisquit. Den Rübsen warf er rechts, das Eifutter links, den Bisquit in der Mitte hinaus.

Das ist ein alter eingerichteter Herr," erklärte mir mein Mann von Neuem,wahrscheinlich ein verhärteter Junggeselle,na, mach Dich morgen früh auf was ge­faßt, der wird uns einen ordentlichen Ton vorschmettern. Stell' die Weckeruhr auf fünf, dann kommen wir zu dem Früheoneert gerade zurecht."

Um fünf früh fuhr ich erschreckt aus den Federn empor, der Wecker klirrte mit lautem Getöse. Aha, jetzt mußte der Vogelgesang beginnen. Ich richtete mich er« ! wartungsvoll empor, nichts war zu hören. Ich wartete fünf Minuten, zehn Minuten, ich wartete, bis mir die Sache etwas langweilig wurde. Da muß ich wieder einge­schlafen sein. Als ich um acht Uhr aufstand, versicherte mich das Dienstmädchen, daß der Vogel bis dahin noch keinen Ton von sich gegeben habe. Er that das auch während des Morgenkaffees nicht- als ich frühstückte, saß er auf der oberen Stange und hielt ein Schlummerstündchen, als wir zu Mittag aßen, plünderte er seinen Freßnapf und dann gab's ein geräuschvolles Baden in dem großen Waflernapf.

I So ging's etwa vierzehn Tage fort. Schlafen, fressen, baden und nicht singen, das waren die hervorragendsten I Eigenschaften dieses immerhin merkwürdigen Thieres. Hatte das einen Appetit, was das fraß ... ich mußte immer I für 50 bis 60 Pfennig Futter pro Woche kaufen. Und dabei war das Vögelchen zutraulich, es nahm mir Zucker I aus der Hand, es kam auf den Frühstückstisch geflogen. I Mein Mann protestiere. Er wollte nicht haben, daß so etwas Uneivilisirtes frei in der Wohnung umherfliege. So etwas I sei rücksichtslos, das benutzte die sauberste Tischdecke als--

Nun ja, das that das Vögelchen. Aber das kann I man doch diesem reizenden Gescköpfchen verzeihen. Das hat |Knigges Umgang mit Menschen" nie gelesen. Zudem ift'S

Speetakelmacher, der früh und spät gröhlt wie besessen, mag I ich nicht haben."

Aber ich bitte Dich," unterbrach ich ihn,hast Du 'ne Ahnung von einem Canarienvogel. Das ist doch ein so I zartes Thierchen, bei dem darf man doch nicht von Speetakel- machen und Gröhlen reden. Das singt, flöthet, jubelt, es drückt seine zarten Gefühle in himmlischen Tönen aus . . ."

Na ja, rege doch Deine musikalische Ader nicht so auf," brummte mein Mann,kaufe also einen Canarienvogel, der am Tage hübsch singt und am Abend schläft, wie sich's I für jede vernünftige Creatur geziemt. Und laß Dir keine Sie" andrehen."

Ich sah ihn erwartungsvoll an.

'neSie" ?" fragte ich dann zögernd.Was soll denn das sein?"

Mein Mann lachte laut auf.'neSte" tst dte eine der Gattinnen des Canarien-Er", also eines der hübschen Weibchen, die sich dieser Türke in seinem Harem hält. Aber bei diesen Canarienvögeln ist's gerade umgekehrt wie bei uns Menschen."

Wieso denn?" fragte ich voll Interesse.

Ja, siehst Du," erklärte mir mein Mann und wieder zuckte das spöttische Lächeln um seinen Mund,bei den Canarienvögeln erfreut sich das Männchen des glänzendsten Gefieders und das Männchen nimmt den Schnabel immer sehr voll. Das Weibchen dagegen kennt weder Putz- noch Prunk­sucht und es hat gar keinen großen Schnabel, es ist un­scheinbarer im Gefieder und kommt über ein klägliches Ge- piepe nicht hinaus. Also keineSie", wenn ich bitten darf!"

Ich las noch einmal das Canarienvogelbuch und fand die Angaben meines Mannes bestätigt. Die Kanarienweibchen waren wirklich so bescheiden und so anspruchslos und singen konnten sie auch nicht! Ich Prägte mir all' die Merkmale, welche dieErs" und dieSies" unterschieden, genau ein, ich konnte sie aus dem Gedächtniß herzählen.

In der ersten Vogelhandlung fand sich nichts Paffendes. Da gab es Gluckroller, Knarrroller, Hohlroller, Klingelroller, aber ich erklärte auf das Bestimmteste, daß ich keinen Vogel haben wolle, der hohl oder gluck rolle. Ich brauchte ein Thierchen, das uns Morgens ein Ständchen bringe, uns Tischmusik mache und vor dem Schlafengehen einen Abend­

gesang ertönen lasse.

Da würde ich empfehlen," sagte der Vogelhändler, eine Lerche, eine Musikkapelle und eine Nachtigall zu wählen."

Entrüstet verließ ich das Geschäft, dieser Kerl schien sich über mich lustig zu machen!

Als ich in die Friedrichstraße einbog, hörte ich mich Plötzlich angerufen.Madame, immer ran," schnarrte mir eine Stimme ins Ohr. Ich wandte mich erstaunt zur | Seite und sah einen jenerfliegenden" Händler, wie sie zu Dutzenden den Bürgersteig besetzt halten. Auf seiner Schulter saß ein Graupapagei, der allerhand eonfuse Reden führte. Lienaa, aaa, aaaa, Lienaaaa, Kuß, Lienaaaaa, . . . ." trompetete er, als er sah, daß ich vor ihm stehen blieb. Ich war ganzbaff" über diese Frechheit, konnte aber von dem Händler nicht gleich loskommen, da er mit großer Zungenfertigkeit all seine Herrlichkeiten anpries. Einen Kreuzschnabel, der auf Commando Glücksnummern oder Nieten aus einem Kästchen zog, einen jungen Hund, der in seiner Ueberrocktasche wohnte und von dem berühmten Foxterrier-Paar Nell und Well abstammte, eine Angora-Katze, langhaarig, mit langen Ohren, eine Kreuzung von Albin- Kaninchen und Kater und schließlich:

Oho, Madameken, so wat von Canarienhähnchen." Er brachte zwei Reihen kleiner Holzkäfige hervor, durch deren dicke Stäbe ich ein gelbes Thier verschüchtert umher­flattern sah.Det is nu birecter Import aus Andreasberg, dort werben bie besten von die Thiere erzeugt und in'n Je- sang dressirt. Det Morjens fein wie 'ne Harfe, Mittags een wohlthuender jeräuschloser Jlockenton, Abends so wat wie der Trauermarsch von Schoppäng . . ."