Seekrank.
Novelle von Hans Nagel von Brame.
(Schluß.)
Jetzt unterbrach er fast jäh seine Rede. Er sah Thränen in ihren Augen — das wollte er nicht.
„In wenigen Minuten sind wir an Ort und Stelle," suhr er mit völlig verändertem Tonfalle — heiter fast — fort: „Vor uns der gothische Bau, der zwischen den Baumkronen hervorragt, das ist Horenburg. — O, Fräulein Bertha, ich weiß es, ich fühle es in tiefster Brust, — dort werden Sie mir noch heute sagen, daß ich ein glücklicher Mann bin, — nein, nicht jetzt, — später — heute Abend — o, jerst dann, wenn Sie es mit voller Ueberzeugung sagen können!"
Er trieb sein Pferd zu neuer Eile an, denn schon wurde auch der Landauer sichtbar. Näher und näher rückte das Landhaus von Horenburg mit dem grünen Park und dem vergoldeten Thorwege, mit den Erkern und Thürmchen und — etwas ferner — mit den mächtigen Scheunen und Ställen, deren rothe Ziegeldächer fast bis zur Erde hinabreichten.
Bertha rang mit einem Entschlüsse. Der Herr neben ihr fühlte bog; aber er schwieg und machte ein höchst frohes, zuversichtliches Gesicht. Jetzt bog das Cariol um eine Ecke, direct in die Allee, die auf daö Schlößchen zuführte.
Da — im letzten Augenblicke — besiegte die junge Dame ihre Scheu.
„Herr Doctor," sagte sie leise, und die sonst so melodisch Weiche Stimme bekam einen fast rauhen Klang, „Herr Doctor, Ihr Vertrauen ehrt mich — würde mich glücklich machen — J»enn, — aber — ich bin — verheirathet, — glücklich ver- heirathet!"
bamSLaz de« 1. Mai.
as ist ein wunderbarer Klang, Wenn Sonntags früh die Glocke schallt, Und ist ein festlich schöner Gang, Wenn still die Schaar zur Kirche wallt.
Ein hohes Feiern füllt das Herz, Und ew'gen Frieden möcht' es gern, Und geht, ihn suchend, himmelwärts: Denn Sonntags ist der Tag des Herrn.
Es war heraus!
Erschöpft sank sie an die Lehne des Sitzes zurück und schloß unwillkürlich die Augen, — als wollte sie das Elend nicht sehen, das sie angerichtet, — aus Kurzweil, aus schnöder Koketterie angerichtet.
„Das ist ja famos! — Um so besser!" — Sagte das der Doctor?
War das der Ton der Zerknirschung? Ihre Wimpern hoben sich ganz langsam, durch eine ganz schmale Spalte sahen die in Thränen schwimmenden Augen hinauf zu dem Nachbar, und — wahrhaftig, er lachte!
„Um so besser!" wiederholte er.
„Ich verstehe Sie nicht," antwortete sie befremdet.
„Mein Gott, das ist doch einfach! Als Frau werden Sie meine Fragen doch noch viel sachlicher und leichter beantworten können!"
Wie Zornesröthe flammte es plötzlich auf über der Dame Augenbrauen: „Mein Herr — die Anträge, die mich als Mädchen ehren mußten, sie werden zur Beleidigung — der Frau gegenüber!"
„Die Anträge?" fragte er scheinbar erstaunt.
Eben fuhr das Cariol an der breiten Rampe vor. „Ah — da ist sie schon," rief der Doctor mit freudigem Ausdrucke, eine Dame gewahrend, die eben aus dem Portale trat — eine elegante, hohe Erscheinung mit dunklem Haar und jenem ganz weich in's bräunliche spielenden, fast sammetartigen Teint, den man gelegentlich bei Creolinnen bewundert. Aus ihren tiefen, großen Augen leuchteten Glück und Liebe zugleich, während sie zum Cariol hinauf sah — zum Doctor.
„Meine Frau!" sagte dieser und weidete sich eine Secunde an dem Erstaunen Berthas. „Und das ist meine Patientin, von der ich Dir in diesen Tagen erzählte, — nun weiß ich Ihren Namen nicht einmal!" fügte er lachend hinzu.
„Mein Mann heißt von Thelen und ist Geheuner Regierungsrath im Ministerium des Innern," sagte Bertha nicht ohne Verlegenheit.
„Aber das ist ja mein Freund und Studiengenosse — da haben Sie ja ein unbändiges Glück erfaßt, als Sie den fesselten! Ein begnadeter Dichter nebenbei — gratulire!"
Der zweite Wagen kam eben vorgefahren, das Erstaunen erneuerte sich und hob sich noch mehr, als der Doctor dann seine beiden strammen Jungen, einen Primaner und einen Feriencadeten, heranholte.
Bald saß man in heiterster Laune bei wohlbesetzter Tafel, und beim ersten Glase Sect toastete Frau von Santen —


