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führt und war nun bereit, zu einer verheiratheten Tochter zu ziehen, die ihrer jetzt mehr bedurfte, als da« junge Paar. Vorher wollte sie noch die Schwiegertochter im neuen Heim willkommen heißen und sie herumführen in Küche und Keller, in Garten, Hof und Stall.
Die begeisterte Bewunderung für ihr kleines, wohlgeordnetes Reich lohnte ihre Mühe und erfrischte ihr Herz. Regine jubelte üller Alles, was sie sah. Zum ersten Male lernte sie einen großen, ländlichen Haushalt kennen, und was für einen guten! Das war ja eine Musterwirthschaft, wie sie in Büchern geschildert wird, die sich da vor ihr aufthat. Die Linnenschränke bargen die schönsten, alten Damastgedecke von Großmutter und Urahne her. Die zahlreichen Fremdenstuben mit ihren blüthenweißen Vorhängen und Bettdecken, den blendend gescheuerten Dielen und den alten Holzschnitten an den Wänden harrten nur der Gäste, die dort zur Jagdzeit ihr munteres Wesen trieben. Einstweilen aber dienten sie noch manch anderem Zwecke. Da lag auf einem massiven Tische aus Tannenholz frisch gefertigte Seife- im Nachbarraume erblickte man eine dickbauchige Terrine, in der ein kräftiger Wachholderschnaps bereitet wurde. Dann die Vorrathskammern mit dem im Dorfe gesponnenen Flachs, mit großen Tonnen voll zartester Daunenfedern, voll gedörrten Obstes und verschiedener Hülsenfrüchte- die Räucherkammer, der ein vielversprechender, kräftiger Geruch entströmte — Regine, die daheim an ein bescheidenes Vorrathsschränkchen gewöhnt war, schlug die Hände zusammen über diese Herrlichkeiten, und zum ersten Male regte sich in ihr haussraulicher Stolz und Ehrgeiz. Sie sah sich schon als Verwalterin dieser Schätze eifrig treppauf, trepp ab eilen, Alles beaufsichtigend und leitend.
Nun betraten sie ein sonniges Stübchen, in dem ein Dompfaff im Bauer saß, und wunderbare, alte Porzellansächelchen, die den Jahrmärkten der Umgegend entstammten, die nach Lavendel duftende Commode zierten. Hier saß der gute Geist des Hauses, Mamsell Christinchen, und stopfte fleißig Tüllgardinen.
Sie war einst in ihrer Jugend sehr schön gewesen und noch jetzt eine imponirende Erscheinung zu nennen. Trotz ihrer dreiundsechzig Jahre hielt sie sich gerade und aufrecht, hatte noch keinen ihrer weißen, regelmäßigen Zähne zu vermißen und ihre vollen Scheitel leuchteten in unvermischtem Schwarz- daß sie heimlich in einem Kasten schwarze Stangenpomade barg und damit etwas nachhalf, den Schimmel des Alters zu vertreiben, war ja eine verzeihliche, kleine Eitelkeit. Galt es ihr doch nur, als würdige Repräsentantin des Gesindes aufzutreten in jenem Hause, in dem sie nun seit über vierzig Jahren Freud' und Leid gethetlt. Ihre Herrschaft war die einzige Liebe ihres Herzens gewesen, eine Anhänglichkeit, die Regine wunderbar berührte, wie eine mittelalterliche Sage von der Mannentreue bis in den Tod, die fremd und romantisch hineinklingt in die moderne Zeit, in der die Dienstboten sich schon abwechselungshalber gerne alle paar Jahre verändern.
An Bewerbern hatte es Mamsell Christinchen nie gefehlt. Aber keiner hätte ihr Ersatz bieten können für ihre Stellung in dem vielgeliebten Hause.
Sie sprach einen ganz eigenen Dialect, der sich an keinen der landläufigen anschloß, sondern durch immer neue Abweichungen von allem bisher Dagewesenen überraschte. Besonders suchte sie ihre sonstige Abneigung gegen das andere Geschlecht wieder gut zu machen, indem sie fast allen Hauptworten den männlichen Artikel verlieh, oft sehr unbegründeter Weise.
„Daß mich der liebe Göttchen das noch hat erleben lassen, die liebe, junge Frau von meinem gnäd'gen Herrn zu sehen, das ist aber eine Freud'," und wieder und wieder küßte sie Reginens Hände. „Und daß der Tort', der Hochzeitstort', den wir gebacken, auch so nach gar nichts aussehen mußte Der Hagebutt' putzt schon am besten, und der war nicht zu kriegen dieses Jahr!"
Boll Würde leitete sie sie dann hinab in die Kellerräume, wo die große Centrifugenmaschine stand, ihr höchster Stolz. Jeden Hahn und jede Schraube erklärte sie der jungen Frau voll Wichtigkeit, und die Aufmerksamkeit, mit der Regine ihr lauschte, gewann ihr Herz im Sturm.
„Man merkt's doch gleich, daß die junge gnä' Frau 'ne geborene Helling ist," meinte sie beifällig. Regine aber warf sich mit einem Eifer auf ihre neuen Pflichten, der ihr Mamsell Christinchens Zufriedenheit in immer höherem Grade erwarb.
Um 6 Uhr stand sie des Morgens schon im Keller und konnte sich nicht satt daran sehen, wie in die tobte Maschine Leben und Bewegung kam, wie der Separator säuberlich von der Milch die Sahne ausschied, aus der dann die köstliche, gelbe Butter entstand. Dann ging sie hinaus in den Garten, wo noch der Morgemhau an Blättern und Grashalmen hing und der Altweibersommer seine langen Fäden an ihr Kleid heftete- sie mußte zuschauen, ob der Gärtner nicht vergessen habe, die Frühbirnen abzunehmen und das gar zu schwer beladene Pflaumenbäumchen zu stützen. Sie, die sich bisher vor allem Gewürm so unbeschreiblich geekelt hatte, entfernte höchst eigenhändig ein paar fette Raupen von den Rosenstöcken.
Es war eine ganz neue, patriarchalische Welt voll rüstigen, gesunden Schaffens, in die Regine getreten, und sie gab sich dem Zauber dieses Lebens hin, mit der ihr eigenen Begeisterung, ohne sich jedoch klar bewußt zu werden, daß sie hier fand, was ihre kräftige Natur immer gebraucht hatte, nützliche, reelle Arbeit nach dem bisherigen, geschäftigen Müßiggänge.
Wie köstlich schmeckte das gemeinsame Mittagessen, wenn man so vom frühen Morgen an auf den Beinen und thätig gewesen war, Felix auf seinen Feldern, sie in der Jnnen- wirthschaft! Stolz lächelnd hörte er ihren sprudelnd vorgetragenen Berichten zu. Sie hatte sich bereits ein französisches Werk über Gartenbaukunst verschrieben, um im Frühlinge danach selbst den Pfirsichschnitt zu lernen, mit dem der Gärtner nicht zu stände kam. Felix hielt freilich wenig vom Bücherlernen, seine Weisheit beruhte auf practischer Erfahrung. Aber seine Frau war ja auch so viel klüger als er!
Ein wohlverdientes Ruhestündchen nach Tische, dann ging Regine nach neuer Arbeit in Mamsell Christinchens Stube, an die eine Dachkammer grenzte. Die wunderbarsten Schätze lagen in derselben aufgespeichert. Massenhafte wollene Socken, bunt gestickte Tücher, wie die Dorffrauen sie auf dem Kopfe trugen, farbige Vorhemdchen für die Männer, Schürzen und Kinderkleidchen in allen Gestalten.
„Alles zum Weihnacht, gnä' Frau, Alles zum Weihnacht, und Alles von der alten gnä' Frau und von mich gefchafft. Sie glauben's nicht, wie stolz die Leut' sind, wenn sie so ein Stück tragen, an das gnä' Frau selbst Hand angelegt hat. Da geht ihnen nichts drüber!"
So hatte Christinchen am ersten Tage erklärt, und hier holte sich Regine Vorrath, um nach dem Begonnenen weiter zu arbeiten.
Am Abende gönnte sie sich dann einen ErholungSspazier- gang mit Felix. Da zeigte er ihr denn, was er gearbeitet und erreicht hatte in all' den Jahren, in denen er hier gewirkt. Sein väterliches Gut zeichnete sich mehr durch schöne Lage, als durch guten Boden aus. Ein größerer Theil des Ackerlandes war recht sandig gewesen. Da hatte denn Felix mit Kunstdung fleißig nachgeholfen, der sich im Laufe der Jahre mit dem Sande und den noch vorhandenen Pflanzenfasern zu einem Humus verband, welcher nun der gepriesenen schlesischen Erde glich - in diesem Sommer hatte derselbe zum ersten Male Weizen getragen. Voll freudigen Stolzes wies Felix Regine die Stätte seines Erfolges. Dann mußte seine hübsche Frau all' den alten Gutsinsassen präsentirt werde», und Felix konnte sich nicht satt sehen an all' den bewundernden Blicken, die sie erntete, ohne es zu beachten. Jedes


