Ausgabe 
1.4.1897
 
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letzt immer selbst glücklich. Es war so angenehm, sich von ihm anbeten zu lassen- nach der bitteren Erfahrung, die sie gemacht, goß es Balsam in ihre Wunden. Sie hing sich gerne an seinen Arm, fand, daß er doch viel mehr von der Welt und ihrem Treiben wußte, als sie geahnt hatte, be­wunderte seinen köstlichen Humor, suchte ihr Bild in der Pupille seiner prächtigen Augensterne zu erspähen, und war zuletzt eben so übermüthig fröhlich, als er. Ja, sie hatte wirklich vergessen, daß es noch einen anderen Mann auf der Erde gab, als ihren Felix. Er ergänzte sie eigentlich wundervoll. Die sprudelnde Frische, die Zufriedenheit, das vernünftige Bedenken und Ueberlegen, Alles was ihr fehlte, hatte er für Beide. So ließ sie ihn denn behaglich für sie sorgen, verfolgte vergnügt mit den Augen seine Bemühungen für ihre Bequemlichkeit und fand, daß die Welt schöner sei, denn je.

Alles war hier aber auch vereint, sie zu entzücken, Natur und Kunst in lieblichster Weise verschmolzen. Im Großen Garten war Felix in seinem Elemente. Von jedem Baume wußte er den lateinischen Namen, kannte die ver­schiedenen Rosenarten, die das Rondel vor dem Schlößchen schmückten, erzählte ihr, wie eine jede gepflegt sein wolle. In der Bilder-Galerie verstummten zuerst Beide im Schauen. Regine verschlang die herrlichen Werke des Murillo, Rafael, Tizian, Rembrandt förmlich mit den Augen! dann aber be­gann sie, ihrem Manne jeden in seiner Eigenart zu deuten! er mußte nun doch Alles mit ihr theilen, und ihre Lieblinge sollten ihm ebenso vertraut werden wie ihr. Felix hörte ihr mit Vergnügen zu. Es stand ihr reizend, wenn sie so lebhaft sprach, erhöhte ihre Farbe und vermehrte der Glanz ihrer Augen. Er war ganz in der Stimmung, Alles zu bewundern, was sie ihm anpries. Ein kühlerer Beobachter als Regine hätte wohl bemerkt, daß ihm der Beifall vor Kießlings Bilde der drei schönen Schwestern mehr von Herzen kam, als vor der göttlichen Sixtina.

Den letzten Abend verlebte man im Theater. Goethes Faust" wurde gegeben. Er war für Regine stets die herr­lichste Offenbarung menschlichen Geistes gewesen. Sie kannte ihn fast auswendig! aber auf der Bühne hatte sie ihn noch nie gesehen. Wie viel packender, gewaltiger trat er ihr nun hier entgegen! Bald hatte sie Alles um sich her vergessen. Weit vorgebeugt mit fliegendem Athem folgte sie der Dar­stellung. Wie ergreifend natürlich wußte aber auch der den Faust" spielende Künstler die Seelenkämpfe des immer ver­geblich nach Erkenntniß und Befriedigung Dürstenden zu gestalten! Gespannt beobachtete sie jede Nüance seines ausdrucksvollen Geberdenspieles, sog sie die herrlichen Worte ein, die nun, getragen von seinem mächtig tönenden Organe, voll Kraft und Leben ihr entgegen klangen, als etwas ganz Neues, das sie doch vertraut berührte. Nun kam ihre Lieblingsstelle. Faust sah der sinkenden Sonne nach, und sehnsüchtig wünschte er, ihrem Laufe folgen zu können.

Ach, zu des Geistes Flügeln wird fo leicht

Kein körperlicher Flügel sich gesellen!"

O wie sie das verstand! Schon als kleines Kind hatte sie die Vögel beneidet, und ihre Sehnsucht nach körperlichen Schwingen wuchs mit den Jahren. Sie hätte rastlos wandern mögen, Alles zu sehen, Alles verstehen zu lernen. Oft packte es sie mit gewaltiger Trauer, wenn sie dachte, daß es Länder voll ungeahnter Schönheit gab, und daß sie sterben würde, ohne diese Wunder geschaut zu haben. Ein ewiges Dürsten trieb sie vorwärts, aufwärts. Nie war sie mit Errungenem zufrieden, immer strebte sie der Sonne der Wahrheit nach, die sie doch nimmer völlig entschleiern konnte. Ein wunderbarer Schauer durchrieselte sie nun, als sie die Worte vernahm, die diesen dunklen Drang in ihr zu gestalten schienen. Unwillkürlich suchte ihre Hand die des Gatten. Sie mußte ihm durch die Berührung verrathen, was in ihr vorging, mußte sich vergewissern, daß er mit ihr empfand.

Aber Felix war von solchen Trieben nichts bewußt- eigentlich hatte er garnicht genau hingehört. Seinenkind­

lich - dumpfen" Sinnen lag Alles Himmelstürmende fern. Vielleicht hatte ihn ein gütiges Geschick ohne Teelenkämpfe auf jenen Standpunkt geführt, den Faust erst am Ende einer Laufbahn gewinnt:

Nur Der verdient sich Freiheit, wie das Leben, Der täglich sie erobern muß."

Jeder Morgen brachte ihm sein bestimmtes Tagewerk. Freudig schritt er an die Arbeit, und im emsigen Schaffen behielt er keine Zeit, über die Anzahl der Seelen in seiner Brust zu grübeln. Seinen Grund und Boden fruchtbar zu gestalten- seine Untergebenen zufrieden, wohl versorgt zu sehen- darauf richtete sich sein Bestreben. Was galten ihm tetnbe Länder? Reisen erschien ihm wie Zeit todtschlagen. Wie viel Nützliches konnte er inzwischen daheim leisten!

Jetzt eben dachte er, daß Faust doch ein sonderbarer Schwärmer sei, und daß der gelehrte Doctor am vernünftigsten thäte, Holz zu hacken oder Unkraut zu jäten und sich durch ein bischen körperliche, nützliche Anstrengung die Grillen aus dem Kopfe zu treiben. Da fühlte er Reginens tastende Finger und blickte zu ihr hin. Wie blaß sie war! zärtlich besorgt neigte er sich zu ihr:

Du siehst mir ja ganz jämmerlich aus, Liebling!" sagte er leise.Ich glaube, Du hast Hunger. Wir hätten doch irgend etwas essen sollen, ehe wir her gingen. Aber am Büffet habe ich nette Brödchen gesehen- davon hole ich Dir in der nächsten Pause."

Mit einem Schlage war Regine ernüchtert, zurückgerufen von derMenschheit Höhen", auf denen sie eben noch mit dem Sänger gewohnt, zur kahlen, flachen, prosaischen Erde.

Sie war erwacht aus ihrem süßen Flitterwochentraum, und seufzend fühlte sie die Gewißheit in sich aufsteigen, daß sie nicht immer das erhoffte Doppelleben führen würde, daß es für ihren Geist Gebiete gab, in denen er nach wie vor einsam blieb.

* * *

Auf einer die ausgedehnte Ebene weithin beherrschenden Anhöhe ein vornehmes Herrenhaus mit festgefügten Mauern, hohen, luftigen Sälen und Zimmern, weiten, gewölbten Kellerräumen, das bald zwei hundert Jahre auf seinem er­habenen Standpunkte thronte. Ein schattiger Garten, von Buchsbaum eingefaßte Teppichbeete, die mit ihren altmodischen, würzig duftenden Blumen die breite Terrasse zierten, an deren weißer Mauer rother Wein rankte und köstliches Spalierobst zu ungewöhnlicher Vortrefflichkeit gedieh das war Reginens neue Heimath. Jetzt eben stand sie in der laubumsponnenen Veranda, im leichten blaßlila Kleide und schaute entzückenden Auges auf die sonnige Landschaft zu ihren Füßen. Ihr Gatte hatte den Gärtner wohl zu leiten gewußt, daß er den gar zu üppig wuchernden Baumwuchs in Schranken hielt und den Ausblick durch denselben nicht verdecken ließ.

Unbehindert konnte man hinter dem bunt werdenden Laube die weiten Felder übersehen, auf denen noch geschnittener Korn in hohen Stiegen stand. In der Ferne bemerkte man die rothen Gebäude des einen Vorwerks, und rechts blitzte der Spiegel eines Sees auf, dicht am dunkelen Waldessaum, der den Horizont begrenzte. Nun tauchte neben demselben ein graues Rauchwölkchen auf, das näher und immer näher zog, ein schriller Pfiff durchzitterte die Luft, und wie em langer, schwarzer Wurm zischte ein Etsenbahnzug durch dar stille Land.

Mit einem tiefem Athemzuge riß sich Regine von de« schönen Bilde los, das sie andächtig mit unwillkürlich^ ge­falteten Händen bestaunt hatte, und wandte sich dem an ihrer Sette kochenden Samowar zu, um ihren Pflichten als Haus­frau zu genügen. Wohl keine lieblichere Herrin hätte man diesem schönen Besitze schenken können, als sie das dachte in diesem Augenblicke nicht nur Felix, der sie leuchtenden Auges betrachtete, das dachte auch die alte Frau an serner Seite mit dem feinen stillen Gesichte: seine Mutter. Sie hatte dem Sohne bisher treu und emsig die Wirthschaft ge-