Ausgabe 
31.12.1895
 
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Sie ein Briefchen an Ihren Herrn Vater mit, da ist die

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bekannten Ausgelassenheit? Sollte er Absichten auf eine meiner Töchter haben und nicht recht mit der Sprache herausrücken? Aber das ist ja nicht glaublich. Früher hat er die Mädchen kaum beachtet und kennt sie eigentlich erst feit gestern. Oder hatte Edith mit mir und ihrer Mutter Eomödie gespielt und dieselbe, Gott weiß wo sonst noch, Plessen bereit» kennen ge­lernt haben. Nun, hinter diese» Gcheimniß werden wir bald

spruch genommen werden."

Der Major schloß einen Bücherschrank auf und fuhr lächelnd fort:Hier find die berühmten Werke von Earlowitz, da können Sie einen Abschnitt Kriegsgeschichte studireu, Herr Lieutenant. Dort in dem anderen Schranke finden Sie aber auch unsere beliebtesten Klasfiker. Auf Wiedersehen zum

seinen Lippen.

Der Major stutzte und sah forschend in Pleffen» blaffe» Antlitz.

Bei dem ist etwa» nicht ganz richtig," dachte der Major. »Diese plötzliche Sentimentalität bei seiner mir sonst so wohl

$ ^Messen verbeugte sich dankend, al» der Major ging und trat dann an den Schrank, welcher die Bücher der Klasfiker enthielt. Er nahm dann einen Band von Göthe» Werken hervor und erwischte denFaust".

Da» ist wirklich eine gute Fügung," dachte Curt von Pleffen, indem er das Buch aufschlug,ich bin heute gerade in einer rechten Fauststimmung. Er möchte kein Hund so länger leben. Mit meiner Carriöre al» Offizier am Ende, mit den Eltern entzweit, Schulden und Sorgen und Thor« heilen, da könnte es rasch weiter mit mir bergab gehen, wenn mir nur noch wie dem Faust der böse Versucher erschiene.'

Curt von Pleffen wurde immer trauriger gestimmt, al» er über seine mißliche Lage nachdachte und ab und zu eine Stelle in dem packenden Lebensgemälde de» irrenden und kämpfenden Faust las.

Er bemerkte in dieser Stimmnng auch nicht, wie leise die Thür des Bibliothekzimmers geöffnet wurde und leichten Fußes, fast unhörbar, die anmuthige Edith von Struberg

Das junge Mädchen sah aber den Lieutenant von Pleffen sofort und sie wollte ihm freundlichGuten Morgen" wün­schen, erschrack aber förmlich vor Pleffen» bleichem Antlitz und seinen wie geistesabwesend nach dem Fenster starrenden äU0Mein Gott, der arme Lieutenant scheint recht krank oder unglücklich zu fein," dachte Edith.Vielleicht hat er sich bei dem Unfall gestern doch einen Schaden an seiner Gesund« bett zugezogen oder e» brennt ein heimliches Weh an seiner Seele. Soll ich ihn allein laffen oder soll ich hier bleiben und den Christbaum fertig putzen, wie mir die Mama aus­getragen?" ,, ,,

Edith zögerte einige Augenblicke und blickte den bleichen jungen Mann mit seinem so schönen, aber doch so sorgenvollen Antlitz immer wieder an- Gr that ihr wirklich leid, denn e<

kommen."

Herr Lieutenant, wollen Sie fich vielleicht bis zum zweiten Frühstück nicht einmal mein Haus etwa» näher an« sehen?' Mit diesen jovial gesprochenen Worten wandte fich der Major jetzt plötzlich an Pleffen.

,Jch bin gern bereit, wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu führen, Herr Major," antwortete Pleffen höflich mit einer Verbeugung.

Bald schritten die beiden Herren durch die weiten Räume des großen Hause». Nach der Besichtigung des großen Saale» und mehrerer Zimmer öffnete der Major eine Thür, welche in ein schönes großes Eckzimmer führte-

Dies ist unser Bibliothekzimmer," sagte er,und hier wird auch immer der Weihnachtsbaum geschmückt."

, O, dort steht er ja schon ziemlich fertig angeputzt," be« merkte Pleffen und zeigte auf einen schönen Tannenbaum, der in einer Ecke des Bibliothekzimmer» stand.

ZHier können Sie sich die Zeit mit Lesen vertreiben, ! Herr Lieutenant, während ich einige häusliche Anordnungen treffe," bemerkte der Major lächelnd.Es ist auch wahr«

und kleidete fich schnell an. Galt es doch, in den wenigen, ihm »um Aufenthalte in diesem Hause noch bleibenden Stun­den möglichst sein Vorhaben zur Entscheidung zu bringen und fein Schicksal zu wenden. ... .

In der frischen Morgenluft ging der Mge Offizier zu­nächst hinunter in den Hof und dann in den Stall, um nach seinem Pferde zu sehen. Wie zu erwarten war, ging da» Thier noch lahm und er konnte auf demselben nicht nach Hause reiten. Zu seiner Befriedigung konnte er fich aber jetzt davon überzeugen, daß da» Pferd bei dem Sturze keinen ernsten Schaden genommen hatte, sondern daß nur eine Fußverstauchung vorlag, die in einigen Tagen heilen würde-

Bald kam auch der Major herbei und erklärte, daß er Pleffen »ach Hause fahren, deffen Pferd aber bi» zur voll­ständigen Genesung in Pflege behalten werde.

Curt nahm natürlich diese« Anerbieten dankend an und folgte dann dem Major in'« Herrenhaus, um in deffen Gesell- schäft den Morgenkaffee zu trinken-

Sie sehen recht verstört au«, lieber Pleffen,' bemerkte dabei der Major lächelnd.Haben wohl schlecht geschlafen nach der Affaire von gestern?"

Sie haben Recht, Herr Major, ich habe schlecht ge« schlafen, der Unfall mit dem Pferde und die Unruhe wegen der Sorgen meiner Eltern um mich hatten doch meine Nerven so aufgeregt, daß ich fast kein Auge schließen konnte!"

»Nun, da« schadet bei jungen Herren wie Sie nicht viel," erklärte der Major.Sie werden an der frischen Morgenluft bald wieder munter und zufrieden werden "

»Ja, wenn e« nur wahr würde, bald ganz zufrieden zu werden," dachte Curt und seufzte leise.

»Augenscheinlich sind Sie wegen Ihres Ausbleibens auch besorgt, lieber Pleffen," sagte dann der Major.

Nun, mein Reitknecht ist gewiß inzwischen drüben auf Schloß Pleffen angelangt und hat Ihren Brief abgegeben-

Ob dadurch meine Eltern aber ganz beruhigt würden, bleibt zweifelhaft," kam e» plötzlich auffällig sentimental von

Sache erledigt." , , ,

Ich kann diese große Güte kaum annehmen, Herr Major," bat Curt vor.Es ist eine unnöthige Strapaze für : den Knecht und das Pferd."

O, meinem Reitknecht und dem Pferde schadet die Früh« ! tour gar nichts, denn sie liegen sonst auch auf der Bären« haut," rief der Major.Auch ist es klares Wetter geworden und der Weg gar nicht gefährlich." m

So nahm denn Curt von Pleffen das freundliche An­erbieten, bis morgen noch zum zweiten Frühstück in dem gast­lichen Haufe zu bleiben, an. Er that dies nur zu gern, weil er hoffte, auf diese Weise seine Herzenswünsche, mit Glück um Edith» Hand zu freien, zur Entscheidung zu bringen-

Ein Welchen saß er noch mit dem Maior zusammen, um diesem verschiedene Fragen in Bezug auf die Offiziere seine» Regiment» zu beantworten. Dann, nachdem er das Briefchen, welche» der Reitknecht nach Pleffen bringen sollte, geschrieben, geleitete ihn der Major zur Nachtruhe in eins der Fremdenzimmer.

Curt von Pleffen hatte eine böse Nacht zu überwinden. Infolge der Erlebnisse be« heutigen Tages und der Vorwürfe über die seinen Eltern bereiteten Sorgen, sowie wegen be« brennenden Herzenswunsches, durch seine Verlobung mit Edith von Struberg die Eltern zu versöhnen und sich ein neue» wirkliches Glück zu gründen, waren seine Nerven so aufgeregt, S» Sww«uttÄ I äwäwwä mitKaUen turnen. Al» er bann am denn meine Frau und Töchter pflegen im Suter an den mnrnen erwaLte war et noch müde und matt und hatte I Vormittagen einige Stunden im Biblwthekzimmer zu ver empfindliche Kopfschmerzen. Aber er erhob sich trotzdem rasch bringen, wenn sie nicht von anderen Angelegenheiten in An-