und schicke sein Recept in die Apotheke. Rar der Kaufmann ist etn freier Mann Der Sonntag gehöre seinem Frauchen, da mache man die herrlichsten Ausflüge zusammen. So renom« mirte er und wir staunten. Ja, wie hatten sich denn die Finanzen so glänzend umgestaltet? Wohl redete die junge Frau von der Fabrik, welche Mama mit den Brüdern fort« Ure, seit Papa vor Jahresfrist gestorben; sollte aber dir Mitgift der Tochter so bedeutend sein?
Sonderbar. Ich habe schon immer bei der Bezeichnung „Flitterwochen" ttieke schwerernsten Gedanken; hier, bei diesem Paar, konnte ich sie erst recht nicht bannen. Wird sich das Eheglück echt erweisen? Wird sich die Liebe bet gegenseitiger Werthschätzung mehren oder werden die trügerischen Rosen« schleier unerbittlich in den Schmutz gezogen werden und nur die nackte, trostlose Oede gegenseitiger Nichtachtung und Ent« täuschung bleiben? Warum verfolgte mich diese Frage an« gefichts der abgöttischen Verehrung, die dies junge Weib dem Manne zollte. Er hatte sich entfernt, noch im Gehen ihr eine Kußhand zuwerfend. Ec wollte vom Postamt einem be« freundeten Landpastpr telephoniren, daß er ihm noch heute sein „immenses Glück" zeigen würde, wie er zärtlich sagte.
Sie schaute ihm mit feuchtem Blick nach und seufzte: »Die erste Trennung seit unserem Hochzeitstage."
Es klang eigentlich komisch und doch konnte ich nicht mit den Anderen lachen. Mir war es rührend. Ihre Stimme bebte wie in unterdrückter Angst.
Endlich kam er heiter zurück. Die kleine Frau sah vor« wurssvoll auf.
„Eine ganze Stunde, Ernst," sagte sie.
Unter seinem leuchtenden Blick, bei seiner humorvollen Schilderung der Hindernisse, die er beseitigt, bi« der Apparat endlich de« Freunde« freudezttternde Antwort gab: „Ich er« warte Dich und Dein Glück," schwand der kleine Schmollansatz.
„So, Schatz, nun ist schon der Wagen bestellt. Wie wird mein guter Walter seine ohnehin großen Augen aufreißen, wenn er Dich steht! Der gute ehrliche Kerl scheint mir rein au« dem Häuschen vor Freude," schloß er feinen Bericht-
Auf der kleinen Veranda vor dem Laboratorium war gastlich der Tisch gedeckt. Han«, der Sextaner, schleppte den riestgen Majolikabierkrug herbei. Der Hausherr füllte die kunstvoll geschliffenen Gläser mit dem schäumenden Gerstensaft. Er sah gegen seine sonstige gemüthrheitere Art ernst, fast gedrückt au«. Grollte er dem einstigen Lehrling noch ob seines damaligen brüsken Abschiedes? Der junge Gatte lachte und renommirte um so ungezwungener. Er entrollte mit leuchtenden Farben den ferneren Reiseplan, obgleich seine Frau meinte, dieses Hasten sei ihr schon völlig über, sie möchte am liebsten morgen daheim sein. Sie freute sich kindisch auf ihr eigene» Hau», auf da« stilvolle Eßzimmer und ihren molligen, heliotropfarbenen Salon. Und auf der grün umsponnenen Veranda werde sie gleich erster Tage sämmtltche Freundinnen mit Ehocolade und Ei« bewirthen. „Sie sollen mich recht beneiden um meinen Ernst."
„Närrchen!" unterbrach er sie. „War sollten Mama und die Bekannten sagen, hielten wir unsere Reisezeit nicht au« und überrumpelten sie wie ein Dieb in der Nacht. Ich will Dir doch noch den Schwarzwald und den Bodensee zeigen. Noch köstliche Tage sind unser, ehe e« in'« Geschäftrjoch geht mit seiner ewigen Plackerei."
Sie sah sofort ein, ihr Ernst traf immer da« Rechte. „Freilich, Liebster, eine Ausspannung thut Dir so nöthig. — Denken Sie nur, der Aermste war ganz nervös vor unserer Hochzeit."
„Richtig," unterbrach er sie wieder lachend. „Ich habe Faseleien verübt wie ein überstudirter, zerstreuter Professor, nervös aufgeregt. Frage bei meiner Mutter telegraphisch an: In welcher Kirche bin ich getraut? E» handelte sich um Beschaffung meine» Taufschein«."
„Und Mama telegraphirte zurück: Du hast den Kopf verloren, alter Junge 1" ergänzte die kleine Frau, zärtlich seine Hand fassend.
t »Sie reiten wohl zu viel den Pegasus," schaltete der Hausherr trockenen Tones ein. „Mit Geschäftssorgen und Hochzeitsvorberettungen vertragen sich solche phantastischen Ausflüge nicht."
Wir lachten. Wußten wir doch Alle, Brand hatte dem jungen Man, e einst schwer verübelt, daß er da» Leben in der Apotheke, frei nach Schillers Glocke, in Versen geschildert und des Prinzipal« kleine Schwächen geschickt gegeißelt-
„Nun, in unser Fremdenbuch gestatte ich Ihnen einen poetischen Erguß," suchte die gutmüthige Hausfrau den Tadel des Eheherrn abzuschwächen. „Geh', Han«, hol' es her und Feder und Tinte."
Das Reimschmieden ging in der That leicht von Statten. Ohne Besinnen flog die Feder in der wohlgepflegten Hand über das Buch. Der Brillant am kleinen Finger warf zuckende Lichtfünkchen auf das weiße Blatt. Dann versagte sich auch der Schnelldichter nicht, uns sein Poem mit dramatischem Schwung vorzulesen:
„Wenn in späten Tagen Ihr forscht in diesem Buch, Darein viel Freunde sagen Euch Dank und SegenSspruch: So denket gern auch Dessen, Der in der Jugendzeit An Eurem Tisch gesessen, Allzeit zum Scherz bereit;
Der, Euch sein Glück zu künden, Auch heut' hier suchte Rast, Durst' auch ein Plätzchen finden In diesem Buch als Gast."
Bei den letzten Worten stürmten Han« und Elli wichtig in'« Gärtchen.
„Die Chaise ist schon da, Ihr sollt gleich einsteigen," schrieen sie und hingen sich an den Onkel, der einst ihre ersten Abenteuer der Kinderstube miterlebte.
Nun folgte etn überstürzter Aufbruch. Versicherungen gegenseitiger Gewogenheit, herzliche Emladung feiten« der jungen Frau an die Gastfreunde, dann rollte da« kostbarste Lohngefährt be« Städtchen« mit dem Paare davon.
Noch halb betäubt tauschten wir unsere Ansichten über die Abfahrenden, al» der Hausherr, der sie hinau»geleitet, zurückkam. Seine Stirn war um wölkt. Um seine düstere Stimmung befragt, sagte er seufzend: „Da« arme junge Geschöpf! Sie ist blind in ihrer Siebe, aber sie wird schrecklich hellsehend werden."
Damit ging er in sein Laboratorium, um sich weiteren Fragen be« ihm bekannten weiblichen Wissensdranges zu entziehen. Anderen Tage« theilte mir die Apothekerin mit, daß ihren Mann die Sorge um die Zukunft dec jungen Frau um feine Nachtruhe gebracht. Ernst habe ihn flehend, fast demüthig um etn Darlehn gebeten. Gr sei vollständig blank. Fünfzig Mark müsse er unbedingt haben, um Weiterreisen zu können.
„Mein Mann hat'« ihm denn auch gegeben. Die ahnung«. lose, glückstrahlende Frau jammerte ihn zu sehr," sagte die Apothekerin. „Aber e« ist doch ein bodenloser Leichtsinn, sich wochenlang auf Reisen zu begeben ohne die nöthigen Gelder. Mein Mann ist überzeugt, Weigel hat bei seiner Schwiegermutter da» Blaue vom Himmel gelogen, ihr vorgeschwindelt, er sei reich und nun wird in kürzester Frist die ganze Herrlichkeit wie ein Kartenhaus zusammenbrechen."
Das waren nun so ungefähr auch meine Gedanken. Nur ein grenzenlos leichtsinniger Mensch konnte so ungeniert, ja geradezu übermüthig auftreten, nachdem er eben den Gast- freund in solcher Weise angepumpt hatte. Anderen Tage« trug auch schon die geschäftige Fama der Kleinstadt uns die Kunde zu, Weigel habe Freund Walter gleichfalls bluten lassen.---
Drei Tage später führte mich mein Weg nach Baden- Baden. Eine Freundin stieg mit hinauf durch die harzduftenden Wälder auf die Höhe de» alten Schlosses. Dort kletterten wir umher in der mächtigen Ruine. Jeder unternahm feine eigenen kleinen Forschungsreisen. Die Sonne spielte freundlich auf dem mancherlei Gesträuch, welche« üppig im Mauerwerk


