die Gunst des alten gemüthlichen Herrn erworben durch ihr praktisches Zugreifen, wo Hilfe nöthtg war.
„Heute ist es behaglich im warmen Zimmer," meinte er schmunzelnd, „so wohl ist mir im ganzen Feldzug nicht geworden, als bei Ihnen. Nun, es hilft nichts, wenn es bald wieder ander» kommt, man nimmt es eben hin. Aber denken Sie, mein schwerster Patient scheint in der Villa Glück da» Augenlicht wiedergefunden zu haben, hoffentlich bleibt e« dabei; eben besuchte ich ihn, da verkündete er mir jubelnd: „Ich kann sehen I" Nun, vorderhand habe ich ihm das Handwerk gelegt und ihm alle Versuche, zu sehen, verboten. Allein nach wenigen Tagen schon soll er in Begleitung eines Arztes einer Augenheilanstalt anvertraut werden, Gott gebe ihm volle Genesung."
„Darf man nun den Namen de» geheimnißvollen Gastes erfahren?" frug Frau Berend, hocherfreut über die gute Nachricht.
„Rittmeister von Löwen."
Elisabeth hatte ihren Stuhl möglichst in den Schatten gerückt, damit Niemand ihre Bewegung sähe, sie war ja doch die Glücklichste im Kreise; still mit gefalteten Händen blickte sie hinauf zu den Sternen, hinauf zu dem treuen Lenker aller Schicksale.
Am Weihnachtsabend kam Löwen in ihr Elternhaus, ihre Hand zu erbitten. Genesen kehrte er zurück aus der Augen- Ütntk, aber noch nicht gekräftigt genug, um auf'» Neus den Strapazen des Krieges sich auszusetzen.
Paul war nach treuer Pflege von seiner jungen Frau wieder auf seinen Posten zurückgekehrt. Eine Verwundung de« Armes war gut geheilt.. Man verlebte das Fest still, zu Viele noch gab es, um welche man Sorge trug. Aber da« Gefühl des reichsten Glückes ließ sich nicht bannen ans dem Herzen des jungen Paare«; nach langer Trennung, nach Kummer und Herzeleid war e« vereint für alle Zeit und der Eltern Segen ruhte auf ihnen.
* * ♦
Der Frühling ist gekommen- Friede! hallt es durch die Lande. Ruhmbedeckt, mit Lorbeer geschmückt, kehren die tapferen Truppen heim. In der Hauptstadt ziehen sie ein, ein Regen von Frühlingsblüthen senkt sich auf sie herab.
Vergebens grüßt Graf von Bretow hinauf zu dem Balkon, auf welchem Elisabeth von Kronau steht, sie will fein Winken, seine bittenden Blicke nicht verstehen- Ein Glücklicherer nimmt den Lorbeerkranz in Empfang.
„Gratulire, Löwen," ruft einer der Prinzen, in deffen Gefolge er reitet, dem Rittmeister zu. „Sie haben da« schönste Glück errungen."
Bretow mußte an dem Tage überhaupt erfahren, daß seine Zeit des Glanzes vorüber. —
Ein kleiner Kreis versammelt sich an einem schönen Mai- tag bei Elisabeths Eltern zum Hochzeitsfest, Herr und Frau Berend ließen es sich nicht nehmen, unter den Gästen zu fein, nachdem sie zu ihrem Erstaunen erfahren, daß in Villa Glück die Glücklichen sich wiedergefunden nach langem Trennung«- schmerz.
Der Abschied wird Elisabeth nicht schwer, ihre neue, schöne Heimath ist den Eltern leicht erreichbar und die Kinder wünschen dringend, diese al« Hebe Gäste recht oft bei sich zu sehen. —
Leicht rollt der Wagen im Mondenschein dahin, der milde Frühlingswind weht Blüthen hinein. Die junge Frau lehnt sich fest an den geliebten Gatten, sie weiß, er wird ihr in Leid und Freud ein treuer Führer sein, ihr fester Halt in dieser Welt de« Wechsel«.
„Nun, meine geliebte Elisabeth, wie wollen wir unsere Zukunft gestalten?" fragte er neckend. „WM Du, daß ich unser Besttzthum fretnben Händen anvertraue und daß wir abermals zur Hauptstadt zurückkehren. Das Fürstenpaar sprach mit großer Huld von unserer Verbindung und erwähnte in lieben«würdiger Weise, man hoffe uns recht oft wieder- -«sehe«."
Mit festem Druck ergriff Elisabeth de« Gatten Hand und sagte: „Laß uns int stillen Frieden in der neuen Heimath das rechte, wahre Glück finden. Ich danke Gott, denn er ließ mich erkennen, daß der äußere Glanz da« Herz unbefriedigt läßt und daß nur der stolze Weg der Pflicht zu unserem Besten ist. Ich war einst ein eitle«, oberflächliches Geschöpf, und der Kummer der verehrten Mutter. Des Lebens ernste Schule allein zeigte mir da« rechte Glück."
Still fuhren sie weiter, der Mond aber mit seinem milden Licht beleuchtete wohl selten zwei glücklichere Menschen al» diese» Paar. —
Jlkitterwochen.
Skizzenblatt von F. Storck.
Da» idyllische Apothekergärtlein im Schutz der hohen Giebel prangte in all' feiner Blüthenpracht. Die behaglich angerundete Hausfrau erhob sich bei unferm Eintritt, uns in ihrer herzgewinnend lebhaften Art begrüßend. Unter der alten Linde standen wir dann einem jungen Paar gegenüber, dessen stärkere Hälfte uns ans ihrer „Werdezeit" bekannt war. Vor Jahren hantirte dieser schlanke Mann, deffen Kopf schon damals etwas entschieden Geniales hatte, als pillen- und mixturenbereitender Lehrling int Laboratorium dieses Hause«. Damal« wie heute hatten btefe braunen Augen den sieghaft leuchtenden Glanz und die dunklen Locken fielen regellos auf die edel geformte Stirn. Nur das kecke Bärtchen war ein Product der Neuzeit. Und an feiner Seite das junge Wesen im grauen Reisekleid war sein Weib. Vor acht Tagen brachten goldumrandete Karten die Vermählungsanzeige. Eben diese Anzeige verblüffte den einstigen Lehrherrn und seine Frau nicht wenig, denn man hörte seit seinem Abgang au« der Lehre absolut nicht« von Ernst Weigel.
Diese Schweigsamkeit hatte guten Grund. Ernst war dazumal grollend von dannen gezogen, weil sein Prinzipal die Ehre nicht zu schätzen wußte, fein Gläubiger zu werden.
Etliche lumpige hundert Mark hatte er ja nur begehrt. Der Apotheker, Herr Brand, weigerte fich und Ernst schüttelte verächtlich den Staub der Kleinstadt von feinen neuen Lackstiefeln.
Ab und zu redete man in späteren Jahren von dem einstigen Hausgenoffen. Die Kinder hatten ihn fanatisch geliebt und in der Gesellschaft genoß er stet« des Vorzugs allgemeiner Beachtung. Er machte nämlich auf alle be uerkenswerthen Vorkommnisse fließende Verse, huldigte der Jugend und Schönheit, wo sie ihm nahe trat und berauschte sich selbst in dem felsenfesten Bewußtsein feiner persönlichen Liebenswürdigkeit. In der Schule hatte er neben anderen nützlichen Dingen auch Rechnen gelernt, doch die praktische Nutzanwendung für'« Leben hatte man ihm nicht beigebracht. Anscheinend war auch kein Grund vorhanden, sich mit Aneignen so prosaischer Praxi« die Jugend zu verkümmern. Die Eltern verweigerten ja nie die geforderten Summen, bi« urplötzlich dieser stetig sprudelnde Geldquell verstechte.
Man munkelte, Ernsts Vater habe schlecht verstanden, sein Soll und Haben in harmonischen Einklang zu bringen. Und gerade nach dieser fatalen Krista im Elternhause verließ Emst die Stätte seiner ersten Triumphe.
Dann war er feit Jahren hier verschollen. Und nun saß er neben un«, feinem glückstrahlenden, jungen Weibe gegenüber. Strahlend glücklich war scheinbar auch er. Ihre Augen schienen nicht voneinander lassen zu können. Schier andächtig, al« vernehme ste himmlische Offenbarungen, lauschte fie seiner ein wenig forcirt geistreich sein sollenden Rede.
Wir vernahmen die befremdliche Kunde, daß er ein schöne« Hau» nebst Drogenhandlung in einer Provinzialstadt gekauft habe — natürlich im neu angelegten Millionenviertel. Ein distinguirte« Publikum brannte schon lange darauf, von ihm bedient zu werden. Al« Apotheker sei man ja der reine Sklave der lieben Mitmenschen. Da bekomme gerade Sonntag» Jeder, den die Langewelle plage, irgend ein Gebrechen


