Ausgabe 
31.10.1895
 
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UnterhaUnngsblott Mr Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

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Trug-Glück.

Roman von $[je£la [Rempel.

(Schluß.)

An einem Spätnachmittage saß sie am Fenster in einem Zimmer im Erdgeschoß; sie hatte die Nacht vorher durch» wacht bei einem Verwundeten, ebenso tagesüber treulich ge« Holsen, nun that ihr ein stilles Nachsinnen wohl. Sie blickte hinaus zu den lustig tanzenden Schneeflocken und ihre Ge­danken flogen weit zurück zur Vergangenheit; wie wunderbar Gott sie geführt, wie so ganz anders ihr Leben sich gestaltet, als sie gedacht und gewünscht. Kaum von den Eltern ein# geführt in die Geselligkeit der kleinen Garnison, fühlte sie sich unbefriedigt, verlangte nach ganz Anderem. Der Mutter Vor­würfe, daß sie nie zufrieden, erschienen ihr ungerecht. Mit dem Fuße hätte sie aufstampfen mögen, daß sie stets dasselbe einfache weiße Kleid tragen mußte, die selbstgezogene Blume im Haar. In derselben Geselligkeit machte die Tochter des reichen Getretdehändlers sich breit im seidenen Schleppen­gewand, dtrect aus Paris bezogen, sie musterte mit spöltischen Blicken die Toilette von der Tochter des Obersten. Endlich war es erreicht, was sie glühend erhofft; ihr Vater ward Regimentskommandeur in der Hauptstadt. O, warum sahen ihre Bekannten nicht, wie ihr Hofkleid glänzte in den Spiegel­wänden de» Fürstenschloffes, wie sie gefeiert, bevorzugt ward. Dort sah sie Herbert von Löwen wieder, sie liebte ihn, allein noch größeres Glück wollte sie erringen, sie hieß ihr Herz schweigen.

Höher hinauf ging ihr Flug, unter Palmen zu wandeln. Sie that es nicht ungestraft, es folgte der Sturz zur Tiefe, Krankheit, Armuth, man verwies sie aus dem FÜrstenfchloß l Die Wellen rauschten zu ihren Füßen, da hinab! Riefen sie nicht? Klang nicht seine Stimme traurig, mitleidig an ihr Ohr? Ihr Kopf ist schwer, sie will entfliehen, allein dir Füße versagen den Dienst. Zu ihm I Er ist in Roth, in Ge­fahr, er ruft siel Sie «endet alle Kräfte an, endlich schlägt sie die Augen auf, Alle» war ein böser Traum, sie hat den festen Schlaf der Ueberwindung geschlafen.

Roch sinkt der Schnee in dichten Flocken herab, nur die

Dämmerung hat mehr noch da» Tageslicht verscheucht. Da wird die tiefe Stille durch einen Laut im Nebenzimmer unter­brochen. Sollte der schwerleidende Offizier der Hülfe bedürfen? Sie überlegt nicht lange, stößt die Thür auf. Er steht ihr gegenüber in bequemer Interims uniform, den Verband von den Augen gelöst. Wortlos blickt er sie an; endlich löst es sich von seinen Lippen:Elisabeth, Du bist er, ich sehe Dich wieder."

Um de» Himmels willen, Herr von Löwen, kaffen Sie sich den Verband umlegen, es könnte Ihnen schaden I"

Nur wenn Du mir ein besseres Wort gönnst!"

Herbert, ich liebe Dich schon lange, Todesangst habe ich um Dich getragen, folge mir!"

Mit sorgsamer Hand verhüllte sie die schmerzenden Augen. Nun sitzen sie Hand in Hand.

Ich hörte, daß Du in die Fremde gegangen; dann sogar bis in Feindesleind drangen so viele wahre und unwahre Nachrichten, Du seiest eines reichen Mannes Frau geworden; ich wollte sterben, allein mein Wunsch erfüllte sich nicht. In Verzweiflung kehrte ich zurück in's Vaterland. Warum durfte ich nicht sterben, nachdem ich meinte, Dich auf immer verloren zu haben? Nun danke ich Gott, daß ich lebe! Ich löste soeben zum ersten Male den Verband, ich sah Dich! O, mein Lieb, sei mein, laß mein ganzes Leben Dir beweisen, wie innig ich Dich liebe. Alles will ich ertragen, um das Augenlicht wieder zu erlangen."

Und wenn Gott es anders bestimmt hat, dann laß mich Dich führen und leiten, laß mich Dein hartes Loos Dir er­leichtern nach meinen Kräften. Erst als ein anderer Mann meine Hand begehrte, da ward mir recht klar, daß mein Herz Dir, nur Dir allein gehört. Wunderbar führte Gott uns wieder zusammen, nachdem ich Dich al« todt beweint," flüsterte Elisabeth.

Nun aber lebe wohl, Du theurer Mann, laß uns jetzt noch unser Gcheimnlß bewahren, bis wir im Elternhaus uns wiedersehen."

Sie schlüpfte eilig hinaus, als sie in der Nähe Schritte vernahm.

Auf Frau Berends Bitte ging sie hinauf nach dem ersten Stock, um wieder mal den Thee zu bereiten; kurz nach ihr fand sich ihr guter Freund, der Stabsarzt, ein, st« hatte sich