Ausgabe 
31.8.1895
 
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hohen Buche am kleinen Weiher gesehen, die der Lieblings- ä platz seiner Frau war. Dem alten Förster aber wurde sehr weh um's Herz, und mit Thränen wandte er fich weg. Jahrelang bewahrte er dies, sein Geheimniß, denn er liebte seinen Vorgesetzten und ehrte das Andenken jener Frau, die stets lieb und freundlich zu ihm wie auch zu Jedermann war.

Wieder ist ein Jahr dahingegangen, und wer den Ober- sörster in dieser Zeit nicht gesehen, wird ihn nur schwer wiedererkannt haben. Vollständig ergraut sah man ihn durch seine Forsten meistens gehen oder reiten. Seine hohe Gestalt mit dem langen grauen Barte gab ihm das Ansehen eines Patriarchen, und obschon ihm die Regierung die Stellung eines revidirenden Forstmeisters angeboten hatte, so lehnte er doch dankend ab, denn er wollte in Lindenheim leben und sterben.

Als Hertha vier Jahre alt war, nahm ihr Vater seine Cousine, die Frau Dr. Weiler in Lindenheim zur Erziehung seiner Tochter auf. Tante Doctor, wie sie Hertha nannte, war eine ältere Dame, die vor Jahren ihren Gatten, der Gymnasiallehrer in Königsberg war, verlor. Seit dieser Zeit lebte sie von ihrer geringen Pension bei ihrer Schwester, der verwittweten Frau Kapitän Roberts in Memel. Diese Damen lebten in stiller Zurückgezogenheit, und als auch Frau Roberts starb, hinterließ sie ihr gesammtes Vermögen von ungefähr 35,000 Mark ihrer einzigen Schwester. Frau Dr. Weiler war eine äußerst sparsame und stolze Dame, die sich sehr bald in Lindenheim einlebte. Hertha erhielt eine sorg­fältige Erziehung und kam mit dem zwölften Jahre nach Königsberg in Pension. Der Oberförster, der mit ganzer Liebe an seiner Tochter hing, wie auch diese an ihrem Vater, wollte es an ihrer Erziehung an nichts fehlen lassen. In erster Linie sollte sie aber eine tüchtige Hausfrau werden. Nach ihrer Confirmation war sie einige Zeit in Bromberg, wo sie noch besonders in der Musik ausgebildet wurde. Dann lauschte sie dem Lette-Verein in Berlin verschiedene Künste ab und kehrte dann zurück nach ihrem freundlichen Lindenheim, nach dem sie sich auch schon recht sehr sehnte.

Mit inniger Freude betrachtete Steuer seine schöne Toch­ter, die wie die Haideblume heranwuchs und in der ganzen Umgebung die Rose von Lindenheim genannt wurde. Um seine Tochter mit dem gesellschaftlichen Leben und Treiben vertraut zu machen und um die Geselligkeit wieder zu pflegen, wurde mit einigen Nachbarn verabredet, wöchentlich einmal und zwar des Mittwochs Spätnachmittags eine Zusammen­kunft zu arrangiren. So verlebte man den ersten Abend beim Rittergutsbesitzer von Wtldenau auf Wildenau; dann folgte der Amtsvorsteher Thielemann, dann schloß sich der Mühlen- befltzer Ribold auf Heydefließ an und den Schluß machte Lindenheim. Diese Abends waren meist froh und heiter. Die Damen des Hauses tauschten ihre Erlebnisse aus, die junge Welt mustzirte, sang oder spielte, und die alten Herren ver­einigten sich zum Seat, vergaßen aber auch die Landwirth- schaft und die Politik nicht. Solch ein Mittwoch Abend ver­ging oft nur zu schnell und wenn die Herrschaften schon auf ihren Wagen saßen, dann hieß es gewöhnlich:Gute Nacht, gute Nacht, auf frohes Wiedersehen am nächsten Mittwoch."

Hertha war in der Wtrthschaft sehr thätig; sie half drinnen und draußen, was ihrem Vater wohl gefiel, doch der Tante Doctor gar nicht paßte. Besonders wenn Hertha sich in der Außenwirthschaft thätig zeigte und für jeden Menschen ohne Unterschied freundliche Worte hatte. Als einmal der Kuhjunge erkrankte, brachte sie ihm selbst den Thee und ord­nete an, war für seine Gesundheit heilsam war. Tante Doctor schüttelte nur den Kopf, denn wie man sich so weit vergessen konnte, war ihr unklar.

Westlich von Ltndenheim war dichter Laubwald mit vielen fischreichen Seen. Auf dem schönsten Weiher hatte Hertha ihr Boot, in dem sie ohne Furcht ruderte. Oft trieb sie den Nachen in das Schilf, freute sich der Natur und wünschte, daß dieses Glück an der Seite ihres Vaters nie ein Ende nehmen möge- Auf der Ostseite der Oberförsterei zog sich ein prächtiger Nadelwald die Anhöhe hinauf. Herrliche alte Be­

stände wechselten mit Schonungen verschiedener Jahrgänge, deren jede von einer Birkenrabatte umgeben war. Aber droben auf dem Berge am hohen Holz bietet sich dem Auge ein Panorama, wie man es weit und breit im Lande nicht findet. Unten im tiefen Thals liegen freundliche Ortschaften, an denen die Eisenbahn vorüberzieht, als sähen wir sie gleich^ einem Spielzeug unter'm Weihnachtsbaum. Bäche schlängeln sich wie Silberfäden durch die Flur und bringen ihr Wasser der mächtigen Weichsel. Im fernen Osten, wo der Himmel fich zur Erde neigt, dort, wo matte Streifen waldige Höhen mar- iren, ist die Grenze unseres Vaterlandes, und jene Waldungen gehören schon unfern mächtigen Nachbarn, den Russen. Hier an der Stelle, wo der Grenzstein die Jagen 14 und 15 an­zeigt, hier, wo der Wanderer nicht müde wird, hinabzuschauen n's herrliche Thal, unter der hohen Tanne, ist Hertha» Lieblingsplatz. Sobald es die Jahreszeit erlaubt, weilt sie hier fast täglich, aber besonders des Sonntags, wenn sie au» irr Kirche kam, dann mußte der Kutscher rechts abbiegen und allein nach Hause fahren.

Im Juli zum Reiherschießen oder zur Zeit der Jagden im Herbst war das stille Lindenheim kaum zu kennen. Da kamen die befreundeten Gutsbesitzer aus Nah und Fern, die ebensowenig fehlten wie die geladenen Offiziere aus den nächsten Garnisonen. Curt von Walten, der schneidige Husarenlteutenant und Neffe des Oberförsters, brachte auch noch Freunde mit, und dann gab es ein lustiges Leben und ein tolles Knallen im weiten Waldrevier.

Hertha, die in diesen Tagen keine Festtage erblicken konnte, war gerade das Gegentheil von Tante Doctor. Feine und reiche Leute, die sie mit Liebenswürdigkeiten überschütteten, das war ihr Fall. Aber es konnte auch nicht ausbleiben, daß viele nach den Jagden wiederkamen, um mit ernsten Ab- sichten um Herthas Gunst zu werben. Aber Hertha blieb stets dieselbe; sie trug kein Verlangen, sich an einen Mann zu ketten, und wenn sie trotzdem Curt von Waltens Braut wurde, so war dies ausschließlich Tante Doctors Werk.

Curt war ein hübscher Mann, um den sich viele Damen bemühten. In seinen Kreisen war er gern gesehen; er sehlte nur selten auf einem Balle oder in einer Gesellschaft, und manches Herz, das große Hoffnung hatte, einst die Baronin von Walten zu werden, blieb geknickt zurück. Er hatte auch durchaus nicht den sesten Willen sich zu binden, und wenn er sich dennoch mit seiner Cousine verlobte, so war e« ihre große Schönheit und ihr lauterer Character, aber vor Alle» reizte ihn ihre Ruhe und Gleichgültigkeit, denn sie kam ihm nicht so entgegen, wie er es gewohnt war. Hertha entschloß sich nur schwer zu diesem Schritte, denn ihr Herz fühlte noch nicht das Bedürfniß, sich zu binden. Aber Tante Doctor machte es ihr begreiflich, daß sich die Liebe in der Ehe finde, und daß es nicht ewig so auf Lindenheim gehen könne.Du bist dazu bestimmt, wie jedes andere Mädchen," sagte sie, das ist nun einmal der Welten Lauf, und eine bessere Partie dürfte sich Dir wohl schwerlich bieten. Bedenke doch, Hertha, Curt ist der einzige Erbe von Schloß Walten mit seinen großen Ländereien und seinem Vermögen; und wenn Du auch sagst, daß Du Dir au» dem Gelbe nichts machst, so weißt Du noch nicht, daß es der einzige Factor ist, m den sich alles dreht. Geld macht das Leben schön und an« genehm. Vertraue mir, Hertha, denn ich bin arm in die Ehe gegangen und durch die lange Krankheit meines Manner waren viele Schulden nach seinem Tode, die ich nach und nach abzahlen mußte von seiner geringen Pension. Heute freilich, nachdem ich meine Schwester beerbte, könnte es mir wohl so leicht nicht schlecht ergehen. Dein Vater kann sterben und wird nicht viel hinterlassen, oder meinst Du vielleicht mit Mustziren, mit Sticken u> s. w. durch die Welt zu

kommen?" , , ~

Hertha weinte bitterlich, ste erbat sich drei Tage Be denkzeit und gab schließlich ihr Jawort. Der Oberförster, der seinen Neffen wohl sür etwa» leichtbeschwingt, aber sonst sür einen guten Menschen hielt, wollte seiner Tochter freu

Wahl lassen.