Ausgabe 
31.1.1895
 
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ein merkwürdig consequenter Kerl, mein lieber Richard I Die Sehnsucht nach dem Freunde hätte Dich hergezogen? Mache Dir selber nichts weiß, und hänge der Wahrheit kein Mäntelchen um. Die kleine Professortochter beherrscht nach wie vor Dein ganzes Denken und ließ Dich selbst in dem sonnigen Süden, im ewigen Rom nicht los."

Er schritt hastiger aus und suchte sich dann zu orientiren. Wohin wollte er denn eigentlich? Natürlich in sein Hotel, daran war er aber längst vorüber. Vielleicht konnte er den Hauptmann Ehrhard sogleich begrüßen, das war ein Gedanke. Sich bei einem Vorübergehenden erkundigend, beeilte er sich, sein Ziel zu erreichen. Am Hause angekommen, blieb er erstaunt stehen, als er eine große Volksversammlung erblickte, welche sich noch ziemlich ruhig verhielt.

Hamson fragte einen Mann aus dem Volke, was denn los sei.

Wir wollen dem einbeinigen Hallunken von Hauptmann eine Katzenmusik bringen", lautete die Antwort.

Dem Hauptmann Ehrhard? Um Gotteswillen, weshalb denn nur?"

Weshalb? Weil er seinen eigenen Bruderssohn, den tapferen Retter, der bei dem letzten hohen Waffer sein Leben daransetzte und von einem Balken beinahe tobt ge­schlagen wurde, wie einen Judas verrathen hat."

Aber, liebe Freunde, Ihr irrt Euch, das ist ganz un­möglich!" rief Hamson, sich jetzt, von einer bangen Ahnung ergriffen, rücksichtslos durch die Menge drängend, welche in diesem Augenblicke ein ohrenzerreißendes Geschrei ausstieß, in welches sich unharmonisches Gerassel und Geklapper mischte.

Die Polizei, welche zahlreich erschienen war, suchte die Menge durch gütliches Zureden zu besänftigen.

Ruhig l" gebot plötzlich eine klangvolle Stimme, die den wilden Lärm übertönte und ihn in der That besänftigte. Hier will einer reden, hören wir, was er uns zu sagen hat."

Hamson hatte die Vortreppe eines Hauses betreten und schickte sich an, einige wohl erwogene Worte an das erregte Volk, das für seinen Helden Partei ergriff, zu richten.

»Ich habe auch nicht viel zu sagen," begann er mit ruhiger fester Stimme,nur das eine Wort, das ich Euch zu beherzigen bitte, daß Ihr nämlich jenen Mann, der in der Sturmfluth sein Leben für Euch in die Schanze geschlagen hat, nicht tiefer betrüben und schädigen könnt, als durch Euer jetziges ungesetzliches und unüberlegtes Vorhaben. Willibald Ehrhard ist mein Freund und Bruder, ich bin Amerikaner und habe ihn zurückgeleitet in seine Heimath, wo ihm, dem Deserteur, der seinen Vorgesetzten niedergeschlagen hatte, eine schwere Strafe bevorstand. Aber das Heimweh nach dem Bruder seines im Kriege gefallenen Vaters war stärker als die Furcht vor entehrender Strafe. Hauptmann Ehrhard war ihm ein zweiter Vater geworden und feine Landsleute wollen diesen Mann, einen Veteran des letzten großen Krieges, der für das deutsche Volk zum Krüppel geschossen worden ist, beschimpfen und verhöhnen?"

Mit Verlaub, Herr!" unterbrach ihn hier eine dröhnende Stimme,dem Offizier ist der Krieg das eigentliche Hand- werk, darum muß er ruhig hinnehmen, wie's kommt. Habe dem alten Hauptmann immer refpectirt, aber daß er zum Judas gegen den eigenen Neffen geworden ist, und nun gar gegen einen solchen Neffen, das können wir nicht so hingehen lassen. Steigen Sie man herunter von Ihrer Tribüne, Herr Amerikaner, wir wollen dem Alten kein Haar krümmen, ihm nur zeigen, wofür wir ihn halten."

Ein wildes Beifalls-Gejohle folgte diesen Worten.

Ruhig", rief eine mächtige Stimme, als das Brüllen sich etwas gelegt hatte,laßt den Amerikaner ausreden!" . »Haben Sie noch was zu sagen, Herr?" wandte sich der Sprecher an Hamson.

.«Ja' wenn man mich anhören und nicht so unsinnig -I. will. Hauptmann Ehrhard brauchte seinen Neffen « » brachen, das war schon am ersten Abend seiner Ankunft von anderer Seite besorgt worden. Der alte tapfere Degen hat vielmehr ein Gnadengesuch für ihn eingereicht,

das kann ich, der Freund Eures Helden, bezeugen. Und nun geht ruhig nach Haufe, damit die Langmuth der Polizei nicht auf eine zu harte Probe gestellt wird. Für Eure Theilnahme danke ich Euch im Namen meines Freundes, dem Ihr durch eine gesetzlose Handlung schaden würdet. Hoffen wir, daß seine muthige und schöne That auch bei seinen Richtern ge­rechte Würdigung finden möge, wie bei seinem Oheim, dem tapferen Veteran. Uebrigens freut mich Eure Parteinahme für meinen Freund und Bruder, und ich wünsche, daß Ihr seine Gesundheit in einem guten Trunk ausbringt. Hier", wandte er sich an den Rächststehenden,nehmt diese Scheine, die Ihr vertrinken sollt, und zwar auf die Gesundheit des Hauptmanns und seines muthigen Neffen."

Er drückte seinem Nachbar einige Dollarscheine in die Hand, worauf dieser sofort ein donnerndes Lebehoch auf Onkel und Neffen" ausbrachte, das einen stürmischen Wider­hall fand.

Bravo, Herr Hamson!" tönte es in diesem Augenblick hinter ihm. Hamson wandte sich überrascht um und blickte in ein Antlitz, das im Lampenscheine, welcher aus der ge­öffneten Hausthür des Bedrohten drang, von dessen Treppe er seine Rede gehalten, wie eine zauberhafte Erscheinung vor ihm auftauchte.

Neckte ihn eine trügerische Phantasie, oder das rebellische Herz, welches ihr Bild nicht zu bannen vermochte? War sie es wirklich, jene stolze Leonore, welche ihm jetzt mit einem sinnverwirrenden Blicke beide Hände entgegenstreckte?

Schon stand er vor ihr, ihre Hände in den seinen fest­haltend, unbekümmert, wer sonst noch seine Blicke auf sie richten mochte.

Ich gebe Dich nicht wieder frei, Du Holde, Süße", flüsterte er, ihr tief in die leuchtenden Augen schauend. O, sage, daß Du mein sein willst, mein für immer, mir folgen willst, wohin auch immer es sei."

Ja, ja, Du lieber, schlimmer Mann!" erwiderte sie leise,nun bescheide Dich und erlaube dem Vater auch ein Wort."

Hallo!" tönte des Professors Stimme etwas barsch an sein Ohr,allen Respect vor Ihrem diplomatischen Talent, mein Herr Amerikaner! Aber hier sind wir auf neutralem Boden. Na, danken wir dem Himmel oder dem glücklichen Zufall, der Sie just in dieser kritischen Stunde wieder zu uns zurückgeführt hat, Herr Hamson!" setzte er freundlicher hinzu,übrigens wußte ich von der unserm Hauptmann zuge­dachten Ehre und hatte ihn deshalb mit List aus dem Haufe gebracht, auch die Polizei davon benachrichtigt. Ich wollte mich heimlich von dem Verlause der albernen Demonstration überzeugen und gelangte gerade vor dem Anwachsen der Menge ins Haus."

(Schluß folgt.)

Em Besuch in der Kaiserlichen Conserven- fabrik in Spandau.

Ermächtigt durch eine Verfügung des Kriegsministeriums hatte der Redacteur derAllg. Fleischer-Zeitung" Gelegenheit, die Kaiserliche Armeeconservenfabrik in Spandau einer ein­gehenden Besichtigung zu unterziehen. Wir entnehmen der interessanten Schilderung in derAllg. Fleischer-Ztg." folgende Ausführungen: Die etwa 20 Minuten von Spandau entfernt, auf dem ehemaligen Privatbesitze Haselhorst um den Betrag von 1V3 Millionen Mark errichtete Conservenfabrik umfaßt mit ihrem Betriebe alle diejenigen Verrichtungen, welche die Herstellung der Conserven, vom rohen Fleisch angefangen bis zu den Verpackungs Utensilien, den Blechbüchsen und Holzkisten, erfordert. Für heute wollen wir uns nur mit der Herstellung der Fleischconferven beschäftigen. Das Eta- blissemeut stellte diese Conserven in Gestalt von Kochfleisch, Gullaschfleisch, Roastbeefs, Filets und Zungen her und bezieht das Fleischmaterial hierfür jetzt direct vom Berliner Viehhof