»Seien Sie mir herzlich gegrüßt, Fräulein Melchior!" begann Willibald jetzt rasch, um ihr den Anfang zu erleichtern, „es freut mich aufrichtig, eine Bekannte wiederzusehsn."
Er streckte ihr die Hand entgegen, welche sie demüthig ergriff.
„Bitte, setzen Sie sich her zu mir und erzählen Sie mir etwas von Ihren Geschwistern. Wie geht« Fräulein Lucie? Ist ste noch immer so leidend? Und was macht mein guter Onkel Kandidat?"
„Meinem Bruder geht es wieder gut, der armen Lucie weniger; seit der letzten schrecklichen Sturmfluth hat sich das alte Leiden unheimlich verschlimmert. Doch nicht von meinen Geschwistern wollte ich reden, sondern von Ihnen, Herr Ehr- Hard und von mir."
„Davon will ich aber nichts hören, meine liebe Freundin!" unterbrach Willibald sie mit ruhigem Ernst. „Von mir selber können Sie mir doch nichts neues berichten und was Ihre Gesundheit anbetrifft, so hoffe ich, daß Sie zum Wohle Ihrer armen Schwester sich recht schonen und alle überflüssigen Sorgen und Grübeleien als unnützen Lebensballast über Bord werfen."
„Aber Sie haben mir und den Meinen das Leben gerettet", rief Bernhardine in tiefer Bewegung, „und wußten doch sicherlich, was ich gethan, welchen Verrath ich gegen Sie verübt."
„Und wenn ich es gewußt oder geahnt, hätte ich deshalb die einfachste Menschenpflicht unterlaffen, mich zum Verbrecher — denn was wäre ich in diesem Falle gewesen — herabwürdigen sollen? — Sie sehen, Fräulein Bernhardine, daß es für mich gar keine Wahl gab, daß also meine That auch durchaus nicht so rühmenswerth ist, um mich zu einem Helden zu stempeln."
„So haben Sie mir wirklich vergeben, Herr Ehrhard?" fragte sie aufschluchzend.
„Von Herzen, und ich bin stolz darauf, mir eine aufrichtige Freundin gewonnen zu haben. Nicht wahr, der alte Haß ist getilgt, und Freundschaft soll fortan zwischen unseren Familien herrschen?"
„Za, ja, ich danke Ihnen aus tiefster Seele, und fühle mich zum ersten Male wieder nach langen Jahren frei und leicht im Herzen."
Sie erhob sich, trocknete hastig ihre Augen und reichte ihm beide Hände mit einem Lächeln, bas ihr Gesicht wundersam verklärte. Dann ging sie.
Als sie ins Freie trat, rollte eine Equipage vor die Thür. Bernhardine Melchior warf einen flüchtigen Blick in den Wagen und schritt dann hastig weiter. Bevor sie um eine Ecke bog, blieb sie stehen, um mit gespanntem Ausdruck nach dem Eingänge des Krankenhauses zu spähen, worauf wieder ein befriedigendes Lächeln über ihr vergrämtes Gesicht huschte.
„Er selber in Uniform", dachte sie, „und der andere war General Steinach, das ist ein gutes Zeichen. O, wie wird Lucie sich freuen!"
Droben im Krankenzimmer spielte sich eine ergreifende Scene ab. Als Hauptmann Ehrhard und der General eingetreten waren, da hatte es den ersteren beim Anblicke des Neffen so heftig gepackt, daß er, den General und Alles ver- geffend, so rasch es sein Stelzfuß erlaubte, auf ihn zugehumpelt war, um ihn in seine Arme zu schließen und ihn wie ein geliebtes Kind zu streicheln und zu küssen.
„Mein Junge, mein braver Willibald!" kam es dabei halblaut über seine Lippen, „was hätte ich anfangen sollen, wenn zDu ohne Versöhnung gestorben wärst. Gott hat es wohl gemacht."
„Du hast mir verziehen, mein lieber, lieber Onkel! O, nun ist Alles gut, mag meine Strafe noch so hart werden, ich weiß ja, daß ich am Ende derselben einen Vater finde, der mich nicht mehr verachtet."
„Jawohl, mein Junge", unterbrach ihn der Hauptmann, sich aufrichtend und die Rührung gewaltsam abschüttelnd, „seien wir ein Mann. Um Verzeihung, Excellenz!' wandte
er sich an den General, welcher still lächelnd der Scene züge- schaut, „ich habe den Jungen seit zehn Jahren nicht gesehen, und so konnte diese gröbliche Verletzung der Subordination, Excellenz —"
„Wir sind nicht im Dienste, Herr Kamerad!" unterbrach ihn der General, lächelnd nähertretend, „als Abgesandter Sr. Hoheit des Herzogs tritt der General gern zurück, um dem Vater zuerst Raum zu geben Nun aber erlauben Sie mir, Herr Ehrhard", wandte er sich an den Kranken, der ihn mit gespanntem Ausdruck anblickte, da die alte Excellenz in der glänzenden Uniform ihm wie sein verkörpertes Schicksal erschien, „im Namen Sr. Hoheit zu Ihnen zu reden und den Allerhöchsten Auftrag aurzurichten, daß Ihre aufopfernde Menschenliebe in der letzten Sturmfluth die verdiente Anerkennung gefunden und Se. Hoheit sich bewogen gefühlt haben, Ihrem Heldenmuthe, dem so viele Menschen ihr Leben verdanken, eine besondere Denkmünze zu widmen, welche ich im Namen meines allergnädigsten Herrn Ihnen heute zu überreichen die Ehre und das Vergnügen habe.
Er hatte während dieser feierlichen Rede das Etui hervorgezogen und es dem überraschten Willibald in die Hand gelegt. Mechanisch dasselbe öffnend, konnte der junge Mann bei der Betrachtung der prachtvollen Denkmünze einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken, worauf er in schlichten ruhigen Worten seine That als die einfachste Menschenpflicht hinstellte, welche keiner so hohen Belohnung bedurft hätte, zugleich aber auch seiner Freude Ausdruck verlieh und den General ersuchte, dem Herzog leinen tief empfundenen Dank zu überbringen.
Eine besondere Unterthänigkeit lag freilich nicht in diesen Worten, was die beiden Offiziere dem bereits hinlänglich naturalistrten Amerikaner zu gute halten mußten, wie sie im Stillen dachten.
„Nach Deiner Genesung wirst Du Sr. Hoheit noch persönlich Deinen Dank aussprechen, mein Sohn!" bemerkte der Hauptmann mit einem gelinden Räuspern, „ich glaube, Du hast, abgesehen von Deiner bewiesenen Bravour, die allergrößte Ursache dazu, wenn Du dieses allerhöchste Schreiben gelesen haben wirst."
Mit zitternder Hand legte Willibald das Etui mit der Münze auf das neben ihm stehende Tischchen, um da« Schreiben, welches, wie er wußte, Leben oder Tod für ihn enthielt, entgegenzunehmen und es schwer athmend zu überfliegen-
Was das Wiedersehen mit dem versöhnten Oheim und die goldene Denkmünze sammt der feierlichen Rede des Generals nicht vermocht hatten, das bewirkte der Inhalt des herzoglichen Schreibens, welcher einer völligen Begnadigung gleich kam. Einen tiefen Seufzer, der wie eine Erlösung klang, ausstoßend, sank er mit geschlossenen Augen ohnmächtig in seinen Sessel-
„Es war zuviel auf einmal für den armen Jungen," sagte der Hauptmann sich bekümmert über ihn beugend.
„Ich werde den Arzt herbeirufen," rief der General, „und mich zugleich empfehlen. Sie bleiben doch noch, lieber Hauptmann?"
In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet, der Oberarzt trat ein. Er beruhigte die Herren, daß es nur ein leichter Ohnmachtsfall sei.
Dann drückte der General dem Kameraden die Hand, empfahl sich dem Arzte und ging.
XV.
Der Abend dieses ereignißvvllen Tages war gekommen, der Courierzug von Süden fuhr in den Bahnhof ein.
Aus einem Coupee erster Klaffe stieg Richard Hamson, in einen kostbaren Pelz gehüllt. Er sah sehr blaß und gelangweilt aus, gab einem dienstbaren Bahnbeamten Auftrag, sein Gepäck nach seinem früherem Hotel zu befördern und schritt dann in die Stadt hinein.
„Da bist Du also richtig wieder in dieses Krähwinklernest zurückgelangt," dachte er sich selbst verspottend, „bist doch


