MH «a
Sespeist »erbe, »o die edelste» Weixe stöffen, wo mir SpaziW- ritts auf den schönsten Pferden, Fahrten in Gtaatscaroffe« zuständen, wo ich meine Ausgaben nicht zu beschränken brauche, da ich meine Taschen stets aus den unermeßliche« Schatzkammern des Reiches füllen könne.
Wem hätte dieses bestechende Programm nicht in meinen Jahren gefallen?
Ich besann mich auch nicht lange und schlug ein.
Sofort redete mich dann auch Prinzesstn Melusine al« ihren Verlobten, Prinz Wolfgang, an und steckte mir einen prachtvollen Ring mit einem erbsengroßen Diamanten an den Goldfinger der linken Hand.
Plötzlich fühlte ich mich zusammenschrumpfen; ich wurde so klein wie Prinzeß Melusine vorher gewesen und auch jetzt wieder geworden war. Wir befanden uns Beide im Salon des Kastens vom Tabuletkrämer, der noch mehrere Nebengemächer enthielt, aus welchem jetzt unser Hofstaat, bestehend aus Herren und Damen, unter tiefen Verbeugungen heraus- trat. Nichts kann dieser eleganten Gesellschaft gleichkonmen! Da blitzte e« von Gold und Edelstein; da rauschte Brokat und Seide! Die Prinzessin stellte mich all diesen Leuten als ihren Verlobten, Prinz Wolfgang von Mens, vor und die Hofgesellschaft stattete ihre devotesten Glückwünsche ab. Ich empfing sie, da ich von dem Allen ganz betäubt wurde, fast theilnahmlos, was als sehr vornehm galt. Darnach fühlte ich mich mit meiner Prinzessin-Braut in ein Gefährt gehoben, der Vorreiter blie», sechs Postillone lenkten die sechs Paar Rosse, auf dem Trittbrett standen kostbar gekleidete Lakaien. So fuhren wir dahin, bis wir schließlich, ich weiß nicht nach wie langen Stunden, Klein-Alpinium erreichten. Groß war dis Freude bei Hof, als Prinzessin Melusine mit mir bei den Eltern anlangte; die ganze Hauptstadt stürzte sich ob der glückliche« Verlobung der einzigen Tochter des erlauchten Königspaares mit einem Prinzen von Mens in einen Wonnetaumel, der auch den ganzen Hof und selbst mich so ansteckte, daß ich eine ganze Reihe von Tage« nicht zu mir selbst kam.
Als ich endlich nach sll' den mir gegebenen Festen zu Athem kam und über meine Lage nachdachte, war ich ein Zwerg, Kronprinz eines Zwergreiche», in dem wohl Ueberfluß an Reichrhum und Allem, was das Herz oft so thöricht sich wünscht, herrschte, was aber nicht verhindern konnte, daß ich heimlich meine frühere Größe und Unabhängigkeit beweinte. So lieblich und herzensgut sich nun auch Prinzeß Melusine gegen mich bezeigte, so fühlte ich doch bald, daß ich sie auf die Länge nicht lieben könne, denn nur die Liebe kann uns, sei es bet Reichthum und Ueberfluß, sei es bei Armuth und Mangel, da» Leben erträglich machen."
Hier drückte Friederike Wolfgang abermals vielsagend die Hand, Salomea aber bemerkte: „Sehr richtig, Herr Goethe! Sie besitzen sür Ihr Mer sehr gereifte Lebensanschauungen!"
Wolfgang verbeugte sich, Sophie aber rief: „Bitte, erzählen Sie weiter!"
„Bitte sehr!" fügte Georg bei.
Und Goethe fuhr fort: „Meine Lage gefiel mir durchaus nicht mehr! Zuerst weinte ich nur heimlich, dann zeigte sich meine böse Laune auch öffentlich, so daß sich die Höflinge und Würdenträger des Reiches von Klein-Alpinium scheu wie das böse Gswiffen vor mir zurückzogen.
Damals bildeten sich schon am Hofe zwei Parteien. Dis eine, welche es mit mir hielt, pflegte Eier zum Thee an der gewölbten Seite auszuschlagen; man nannte sie deshalb die Dickköpfe! Die andere zog im Gegensatz dazu das spitze Ende vor; diese Partei nannte sich die Spitzköpfe!"
„Aber wie komisch!" warf hier Georg ein.
„Stille!" gebot Sophie. „Bitte, Herr Goethe, erzählen Sie weiter!"
Wolfgang lachte und begann wieder: „Was mich in die hellste Verzweiflung setzte, war ein Umstand, der mir bisher entgangen war, der mir aber, je länger ich mit Prinzeß Melusine in Berührung kam, schwerer und schwerer auf'» Herz fiel: Die junge Dame besaß nicht» von dem, wa» wir
: Geist nennen! Ihre Bildung beschränkte sich auf dieKermtniß i einiger flachen französischen Romane, im Uebrigen lebte sie ganz — der Putzsucht und dem süßesten NichtSthun, was geradezu schrecklich anzusehen war."
Hier blickten sich Salomea und Friederike vielsagend an. Friederike aber wurde seitdem still und stiller.
Wolfgang hatte von all den Intermezzi» nichts bemerkt und fuhr sinnig fort: „Die Partei der Spttzköpfe flüsterte sich bereit» bei allen öffentlichen Schaustellungen, so daß ich es | hören mußte, zu, wie der Hof sich mit Absicht einen Prinzen i von Mens zum künftigen Schwiegersohn ersehen, da eine | Blutkreuzung der Dynastie, die längst einen Mangel an Esprit | aufzuweisen gehabt, geboten erscheine. Die Partei der Dick- | köpfe aber drohte, daß ich al» der demnächstige Herrscher von I Klein-Alpinium alle durch Vorurtheile aufgebauten Schranken s zwischen Hof und Volk, zwischen Geistes- und Traditions-Adel l aufheben, alle Zöpfe abschneiden und sine allgemeine Staats- 1 Umwälzung veranlassen werde. Die böse Laune, in der ich mich selbstverständlich immer befand, deutete man al» das Brüten über großen Problemen der Staatskunst aus. Darüber entbrannte dann zwischen beiden Parteien ein überaus heftiger diplomatischer Krieg, denn die Spchköpfe fürchteten für ihre Privilegien. Infolge dessen bereitete sich eine Jntrigue vor, i: deren Vorhandensein meine längst geplante heimliche Flucht mir wesentlich erleichtern konnte.
Die Partei der Spitzköpfe war endlich übereingekommen, mich vom Hofe auf die eine oder andere Weise zu entfernen. Da man nun glaubte, daß mein Herz an Rang und Stand, an Krone und Herrschaft hänge und man meinen seelischen Zustand nicht ahnte, so erkaufte man den Groß-Kalendermacher und Ober-Sternseher von Klein-Alpinium, daß er mir Alle» zu wissen kund thun solle, was mich gegen Prinzeß Melusine einnehmen müsse. Dieser vorzügliche Ehrenmann näherte sich mir dann eine» Tages und verrteth mir, daß ich nur durch Zauberkunst so klein geworden. Diese» bringe der Ring an meinem Finger zuwege; soald ich ihn abstretfe, werde ich meine frühere Menschengröße wieder erlangen.
Der Widerhaken saß nun in meinem Herzen.
Nachdem ich für einige Goldklumpen al» Reisegeld gesorgt, versuchte ich den Ring abzudrehen; aber e» ging nicht. — Schließlich versuchte ich es mit einer Feile und das gelang! Ich konnte nun jederzeit die lästige Fessel abstreifen;"
Salomea seufzte bei diesen Worten laut, so daß Friederike zusammenfuhr und fragte: „Was ist Dir, Schwester?"
Salomea entgegnete: „Nichts! Bitte, Herr Goethe, beendigen Sie Ihre hübsche moralische Erzählung!"
Wolfgang sah sie groß ob de« Tone«, in dem diese« gesagt ward, an und fuhr dann folgendermaßen fort: „Wie oft hatte ich mein leichtsinnig und unbedacht gegebenes Wort schon bereut!
E» war eine« Tage« eine große Hofcour angesagt. Alle Hofchargen, alle Parteien, selbst die Majestäten waren bereit« versammelt, nur Prinzeß Melusine fehlte- Ich sandte einen Kammerherrn zu ihr und ließ um ihr Erscheinen bitten. Keuchend kehrte der Bote zurück und berichtete, Prinzeß Melusine probtre eine neue Haartour, der Hof könne so lange warten, bi« diese Probe beendet sei.
Da brach bei mir der Sturm Io«; mühsam hatte ich bis dahin meine Gefühle bemeistert, jetzt dünkt mich dieser Umstand schrecklich und entwürdigend. Entrüstet trat ich vor und sagte laut, so daß Jedermann im Saale es hören konnte: Eure Majestäten, ich bin nicht hierher gekommen und habe meine herrliche Menschengröße nicht geopfert, um in einem Zwerg- reiche an der Seite einer dummen und putzsüchtigen Prinzeß zu verkümmern; hiermit zerreiße ich ein aufgedrungenes Band, welches mir längst eine Fessel war!
Damit zerbrach ich den Ring, wuchs und wuchs zusehends und — durchstieß die Decke de« Krönungrsaale«, so daß Alles ringsherum laut aufschrie. Mit Donnergepolter stürzte der ganze Palast zusammen und ich war frei, frei und — erwachte.
Da« Licht war tief bi« auf den Leuchter herunter-


