SmMkßWM
1
. ä-
k,?. k
e**etn|ke80.Xtttt»«
M
Mm Gießener Anzeiger (Meneral-Ameiger)
Dichterfrühling.
-istsrische Original-Novelle von Carl Cassau.
(Fortsetzung.)
Seine geisterstärkere Ehehälfte nahm ihm aber die Last der Unterhaltung ob, als sie in ein anderes Fahrwasser lenkend fortfuhr: „Daß Sie auch ein Dichter sind, Herr Goethe, hat unsere Achtung vor Ihren Talenten noch wesentlich vermehrt!"
Wolfgang erröthete und meinte: „Aber, verehrte Frau, da» sind ja nur Anfänge; später hoffe ich, mir einmal das Prädicat eine« Dichters verdienen zu können!"
Der Herr Pfarrer beliebte darauf von Bescheidenheit zu reden, die jungen Leuten wohl anstehe und entschuldigte sich dann ob seinem Zurückziehen in’« Studierzimmer, da er seinen Vortrag memortren müsse. Die Pfarrerin that desgleichen, indem sie ihre Anwesenheit in der Wirthschaft als notdwendig hinstellte; sie ging in die Küche, um dort für den Sonntag Alle» vorzubereiten. Salomea aber hieß die Magd einen tüchtigen Klotz in den Kamin schieben und machte dann den Vorschlag, sich zum Erzählen um da» Feuer zu gruppiren. Hiermit war da» ganze junge Volk einverstanden.
Wolfgang saß neben Friederike und hielt ihre Hand in der feinigen, Salomea saß dem Kamin am nächsten, um die Abwartung desselben zugleich zu übernehmen, Georg und Sophie aber schloffen den Halbkreis.
Die ganze Gesellschaft hing nun am Munde Wolfgangs. Dieser blickte wie ein junger Apoll darein; seine Augen leuch« teten im göttlichen Glanze, al» er ganz seiner innersten Natur nach fabulirend begann: „Ich habe einst die reizende Geschichte selbst erlebt, die ich hiermit meinen Prinzessinnen zum Besten gebe; ich nenne sie: Die neue Melusine!"
Friederike drückte dem Erzähler die Hand, Salomea aber meinte: „Wir wissen schon, Herr Goethe, wie artig Ihre Bescheidenheit Ihre GeisteSproducte einzukleiden versteht; es wird der Geschichte nicht schaden, wenn Sie gestehen, daß Sie dieselbe erdacht haben! Ich kenne ein Märchen „Melusine"! Der Titel verspricht schon etwa«!"
Goethe lächelte und begann nun: „Als junger Scholar durchstreift« ich oft zu Pferds die Umgegend von Frankfurt
und kam dabei oft in unbekannte Gegenden. Einst hatte ich mich bei einer solchen Gelegenheit so weit verirrt, daß ich in einem nicht eben feinen Wirthshaus übernachten mußte. Erzählungen von Mördern und Räubern kamen mir dabei in Erinnerung und nur der Umstand, daß der Wirth ein sehr entgegenkommender Mann war, konnte mir einigermaßen über meine unangenehme Lage hinweghelfen. Er wußte mich auch durch ein sehr gutes Abendessen und eine Flasche vortrefflichen Landweines in so gute Laune zu versetzen, daß selbige sogar nicht durch die Mittheilung getrübt werden konnte, wie ich mein Zimmer, welches zwei Betten enthielt, mit einem Tabuletkrämer theilen müsse. Dieser war ein bescheidener, anständiger Mann, setzte seinen Kasten auf den Tisch und legte sich mit einem „Gute Nacht" schlafen. Ich selbst blieb nachgrübelnd im Lehnstuhl sitzen und horchte, wie der kalte Frühlingsregen klatschend gegen die Fensterscheiben schlug.
Plötzlich sehe ich in dem Kasten de« Tabuletkrämer« Licht, schleiche mich auf den Fußspitzen hinan, schaue durch eine Ritze de« Kasten« und — erblicke darin eine junge Dame, die in dem zum Salon en miniature umgestalteten Kasten be« Krämers auf dem Kanapee, überstrahlt vom brennenden Kronleuchter, sitzt- Sie war entzückend schön, die Kleine, und nun bemerkte ich auch, daß in ihrem Blondhaar ein strahlen- des Diadem von Gold flimmerte.
Noch schielte ich durch die Ritze, al« sich ein Donnergepolter erhob, der Kch-n sich öffnete und meine Schöne, die plötzlich bis zur Lebensgröße gewachsen war, sich meinem Lehnstuhl, auf den ich mich schicklicher Weise zurückgezogen, näherte. Ich war damals, wie gesagt, noch ein Scholar, der niemals eine n weiblichen Wesen gegenübergestanden hatte und daher die Schüchternheit selbst war. Die Schöne dagegen schien derartige Rücksichten nicht zu kennen, denn sie stellte sich mir als Prinzessin Melusine aus Klein-Alpinium vor und erklärte, daß sie Mich neulich bei Gelegenheit einer botanischen Excursion in’» Gebirge gesehen hätte; der Tabuletkrämer, ihr Diener, sei im Geheimnisse; sie lege mir anjetzo die Frage vor, ob ich mich entschließen könne, ihr Gemahl zu werden, denn al« Prinzessin zwinge sie nicht», sich dem allgemeinen Brauche zu fügen. Sie setzte noch hinzu, daß sie mich bei Bejahung der Frage in ihr Zauberland führen werde, wo es mir an nichts fehlen solle, wo an d«r Tafel stets au« Gold


