Ausgabe 
30.5.1895
 
Einzelbild herunterladen

- 85b

Sinnen! O, Cora, vergeben Sie mir, denn ich bin unglücklich und habe Niemanden, der mir beistände."

Lady Marian, Sie lieben ihn und müffen deshalb Han. dein, wenn er in Gefahr ist!" sagte Cora vorwurfsvoll. Schnell! Die Augenblicke stnd kostbar. Sagen Sie, wo er ist. Ich kann ihn warnen, während Sie durch irgend eine List die Männer so lange als möglich hier in Ihrem Zimmer aushalten."

Marian schüttelte den Kopf.

Nein, nein! Es ist unmöglich! Sie kennen die Gänge nicht. Doch wenn Sie seinen Zufluchtsort jetzt fänden, könnten Sie ihn warnen und ihm sagen, daß er sich in eine große Nische zurückziehen soll, die neben dem Zimmer ist, in welchem er sich befindet und in welcher ich mich als Kind manches Mal versteckt habe! Ein Feld in dem Wandgetäfel läßt sich zurückschieben und Niemand, der es nicht kennt, kann ent* decken, daß dort sich ein Versteck befindet. - - . Sie werden es leicht finden, da es ein wenig dunkler ist, als die anderen Felder. Es ist gerade der Thür gegenüber," fügte sie hastig hinzu.Eilen Sie! Warum zögern Sie, wenn Sie ihn retten wollen?" _ ,, _ . ..

Sie haben mir noch nicht gesagt, wo ich ihn finde, versetzte das Mädchen ruhig, denn ihre Selbstbeherrschung schien sich mit der Aufregung zu vergrößern, die ihrer Ge* fährtin alle Ruhe raubte. (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Göne.

Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Ueberrascht, unruhig, blieb Lefebvre stehen, und ein un» klares Mißtrauen prägte sich in seinem Gesichte ans.

Catherine," sagte er,warum ist diese Thüre veo schloffen?"

Weil . . . weil es mir so paßt," antwortete Catherine mit sichtlicher Verlegenheit.

Das ist kein Grund ... gib mir den Schlüffel!"

-Nein, den bekommst Du nicht!"

Catherine," rief Lefebvre, vor Zorn todtenbleich,Du hintergehst mich - in dem Zimmer befindet sich Jemand ohne Zweifel ein Liebhaber ich will den Schlüffel haben!"

Ich habe Dir schon gesagt, daß Du ihn nicht bekommen wirst."

Nun, dann werde ich ihn mir nehmen!"

Und mit der Hand in die offenstehende Schürzentasche Catherinens fahrend, ergriff Lefebvre den Schlüffel, ging zur Thür des Zimmers und schloß sie auf.

Lefebvre," schrie Catherine,ich habe es Dir voraus­gesagt, nur mein Gatte darf diefe Schwelle überschreiten. Gehst Du mit Gewalt hinein, so ist es zwischen uns aus."

Von Neuem wurde an die Ladenthür geklopft. Catherine ging öffnen. Mehrere Nationalgardisten in Waffen zeigten sich auf der Schwelle.

Wo ist der Sergeant Lefebvre?" fragten sie.Man braucht ihn in der Sektion es heißt, er soll zum Lieutenant ernannt werden."

Bleich, ernst und bewegt trat Lefebvre aus dem Zimmer Catherinens hervor. Er schloß sorgfältig die Thür, zog den Schlüffel heraus und reichte ihn Catherine, indem er leise zu ihr sagte:Warum hast Du mir nicht gesagt, daß ein Todter in Deinem Zimmer ist?"

Er ist tobt! Armer Junge!" sprach Catherine sehr traurig.

Nein er lebt! Aber ist es auch wahr? Ist es kein Liebhaber gewesen?"

Dummkopf," antwortete Catherine.Hätte ich ihn dort versteckt, wenn er gesund gewesen wäre? Aber Du wirst ihn doch nicht ausliefern?" setzte sie ruhig hinzu.Er ist

zwungen, mein Versprechen, Ihnen zu helfen und Sie zu schütz^rMüSzuziehen^orte hatte den Kopf halb

abgewandt und lauschte auf das ferne Geräusch rascher, fester, abgemessener Schritte, wie man sie gewöhnlich nur von ein* mW» Soldaten hört; die Schritte wurden allmälig deut- licher und näherten sich offenbar dem Hause-

Hören Sie!" flüsterte sie leise, aber deutlich.Hören Sie!"Was bedeutet das?"

Auch Lady Marian war erblaßt, als sie die nahenden Schritte vernahm.

Und sie kamen näher und näher!

Diese sesten, raschen Schritte verkündeten feinen freund* schastlichm Besuch und als Lady Marian der Aufgabe ge* dachte, die sie übernommen hatte, des geliebten Menschen, den dieses Haus barg, da hatte sie außer ihrer Todesangst alles Andere vergessen. Im nächsten Augenblick lag ihre Hand in der Hand Coras und ihre Augen baten schweigend um Bei­stand und Vergebung.

Das sind Gerichtsbeamte!" hauchte sie.O, wie ent­setzlich! Cora, ich werde wahnsinnig, wenn sie ihn finden!"

Still!" sagte Cora.Still! Beruhigen Sie sich! Ist das Ihre Liebe ... Ihr Muth, Lady Marian?"

So standen sich die beiden auf's Höchste erschrockenen jungen Mädchen gegenüber, als die Thür plötzlich geöffnet wurde und Frau Aston eintrat.

.,£), Mylady, meine liebe junge Lady ... wie schreck­lich!" drang es von ihren zitternden Lippen.Er ist tobt und die Gerichtsbeamten sind hier wegen des armen jungen Lords. Er sei hierhergekommen, sagen sie- Aber das ist ja Alles Thorheit. Da müßte doch Jemand etwas davon wiffen. Ich hoffe im Gegentheil, daß er jetzt sehr, sehr weit von hier entfernt ist."

Cora fühlte den krampshasten Druck von Marians Hand, die sie hielt, und sah den Blick angstvollen Bewußtseins in den Augen, dis sich immer hilfesuchend zu ihr wandten. Und sofort errieth sie instinktmäßig die Wahrheit und gerade so rasch hatte sie ihren Entschluß gefaßt.

Lady Marian wird ohnmächtig, wenn man sie noch mehr aufregt. Es ist zu viel für sie 1" sprach sie mit einer Hoheit und Würde, der sogar Frau Aston nicht widerstehen konnte. Muß sie denn in diesem Zustande belästigt werden?"

Allerdings! Die Arme hat den ersten Schrecken noch nicht überwunden!" sagte die Haushälterin mit einem mit­leidigen Blick auf das farblose Gesicht ihrer Herrin.Aber nach dem, was ich gehört habe, fürchte ich, daß sie das ganze Haus durchsuchen werden, denn sie behaupten, man habe den jungen Lord in den Park gehen sehen. Denken Sie nur ... alle Thore sind besetzt."

Nun, Lord Marston wird wohl verlangen dürfen, daß sie Lady Marians Zimmer respectiren," versetzte Cora ruhig. Hier kann Niemand sein, den sie nicht gesehen hätte . . . . wenigstens wird ihnen ein Blick in das Zimmer genügen. Habe ich nicht Recht, Lady Marian?"

Während sie sprach, drückte sie dieser bedeutsam die Hand und Marian schien ihre Selbstbeherrschung so weit wieder zu gewinnen, daß sie sprechen und die nöthigen Befehle im Hause ertheilen konnte.

Miß Cora hat Recht," sagte sie zu Frau Aston gewandt. Bitte, gehen Sie zu meinem Vater, er soll, wenn möglich, nich dulden, daß ich verhört werde. Sagen Sie, ich sei krank und könne keine Aufregung ertragen."

Kaum hatte die Haushälterin das Zimmer verlassen, um sich ihres Auftrages zu erledigen, so machte Cora mit rascher, halb vorwurfsvoller Bewegung ihre Hand aus Lady Marians zitternder Rechten frei.

Es ist kein Augenblick zu verlieren!" rief sie.Ist er hier? Haben Sie ihn verborgen, Lady Marian?"

Ja, ja! Ach und vergebens! Sie werden ihn entdecken er kann nicht entkommen," sagte sie hoffnungslos und schlug die Hände zusammen.Und sie werden ihn hier vor meinen Augen fortschleppen. Das tödtet mich! Das bringt mich von