Ausgabe 
30.4.1895
 
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hüllten Gegenstand in den Händen tragend,hier ist etwas für Sie abgegeben worden aus dem . . . schen Hotel; der Bote soll fragen, ob eine Antwort nöthig ist."

Das Herz des schönen Mädchens pochte heftig.Zeige her," gebot ste und schlug die Hüllen des Packeis aus Seiden» papier zurück. Ein doppelter Ausruf der Bewunderung von beiden Frauen erscholl, denn das duftigste Kunstwerk des Gärtners lag vor ihren Blicken.

Ein Schrägbouquet aus Maiglöckchen, Rofenknofpen und Orangeblüthen schien südlichen Frühling hinein zu zaubern in den nordischen Winter und dazwischen schaute ein wappen- geschmücktes Billet hervor, welches das junge Mädchen hoch» erröthend an sich nahm.

Laß den Boten warten, Katharine," gebot Nora, der ein plötzlicher Gedanke kam,und gib ihm dies Markstück als Trinkgeld. Ich will nur dem Papa die Blumen zeigen." Nora trat hsrzklopfend in des Vaters Zimmer, das Tannenbäumchen strahlte ihr in blendendem Glanze entgegen und auch Stettens Gesicht sah heiterer aus wie seit lange.

Nun, Kleine, wo bleibst Du? Sieh' unser schönes Bäumchen an, wie es glänzt und flimmert. Aber was hast Du da in den Händen? Welche wundervollen Blumen! Von wem kommen sie? Doch von keinem Herrn, sonst hättest Du sie nicht angenommen."

Doch, Papa," gab das junge Mädchen beklommen zur Antwort,sie sind von Jemand, der mir sehr lieb ist

Erschrocken blickte Stetten seine Tochter an.

Nora," sagte er erregt,was soll das heißen? Das sagst Du mir erst jetzt? Wer ist denn jener Mann, von dem Du redest? Du hast Dich doch nicht hinter meinem Rücken verlobt?"

Zitterns vor angstvoller Erwartung kniete sie am Bette nieder, helle Röthe überflammte ihre Wangen und sie stieß hastig hervor:Papa, o lieber Papa, zürne mir nicht; ich habe mein Herz erst spät erkannt und nun wird's nie mehr von Jenem lasien 1 Nur Du magst ihn nicht; Dir ist er unsympathisch ja, Du hassest ihn sogar I"

Der kranke Mann erbleichte, seine Hand ballte sich auf der Decke und ein Sturm schien in seiner Brust zu toben.

Halte ein, Nora, ich hasse nur Einen auf der ganzen Welt Rudolf Wildenstein/'

Und ich liebe ihn," antwortete sie feierlich, die Hände I über der Brust faltend,er ist der erste und der einzige Mann, dem allein mein Herz gehören wird im Leben wie im Tode."

Schick' die Blumen sofort zurück, Nora," rief der Kranke erregt.

Gib Papier und Feder," gebot er dann kurz und finster, und das unglückliche Mädchen gehorchte geisterbleich.Schreib'," befahl Stetten sodann und Noras bebende Finger setzten die Feder an:

Mein Herr Graf!

Soeben brachte mir Nora mit Ihren Blumen die über­raschende Neuigkeit, daß Sie gewillt sind, um ihre Hand zu werben. Ich halte dieses für ein bloßes Mißverständniß I und verweise Sie auf Ihr Wappenschild, welches abermals I in Gefahr schwebt, einen Flecken zu erhalten. Daß ich Sie hasse, um meines tobten Weibes willen, wissen Sie Nora mag wählen zwischen Ihnen und mir!

Friedrich zur Stetten."

Das arme Mädchen meinte zu vergehen vor Jammer, aber sie preßte die Lippen fest aufeinander und schrieb, an­gesichts des schimmernden Weihnachtsbaumes, das Todesurtheil ihrer schönsten Hoffnungen-

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Auch Graf Rudolf hatte ein trostloses Christfest gefeiert, denn der Brief Stettens hatte seine schönste Hoffnung nahezu vernichtet. Auch er wartete unruhig auf Hohenthal, welcher noch immer weder geschrieben, noch seine Ankunft mitgetheilt hatte.

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: Es war am Sylvester, nur wenige T rge vor dem großen

Fest beim L.'schen Gesandten, zu dem auch der Graf geladen war. Rastlos wanderte er im Zimmer auf und nieder, wäh­rend die Gedanken kamen und gingen, ohne zu trösten, zu lindern oder einen Ausweg zu zeigen.

Da klangen Schritte über den Corridor, die Thür ward geöffnet und ernst und schweigend stand Baron Hohenthal vor dem Freunde, der ihn zuerst anstarrte wie ein Phantom.

Eduard," rief er dann, auspringend,bist Du es denn wirklich? Du kommst zur rechten Zeit wo warst Du?"

Bei Theresens Grabe," antwortete der ernste Mann ! einfach,wie ich alljährlich an Weihnachten zu thun pflege. Ich fand Noras jubelnden und doch auch muthlosen Brief beim Heimkommen vor und bin nun hierher geeilt, um zu sehen, was und wie ich Euch Beiden helfen kann-"

Du weißt, daß ich Nora liebe? '

Ja," entgegnete Hohenthal bewegt,sie schrieb es mir, aber ich wußte es vielleicht länger, als Du und sie."

Ich gehe jetzt zu ihr, Rudolf. Hast Du eine Bot­schaft, die ich bestellen kann? Vielleicht nimmt mir Stetten das Wort ab, nicht zwischen Euch zu vermitteln und dann muß ich mein Wort halten."

1Grüße sie viel tausendmal," seufzte der Graf,und sage ihr, daß ich ihr treu bleibe in allen Lebenslagen."

Hohenthals Ankunft wurde ein Lichtstrahl für Nora, deren Muth völlig gesunken war; lachend und weinend warf sie sich in seine Arme und lehnte das schmerzende Köpfchen an seine breiten Schultern.Gott sei Dank, daß Du da bist! Nun wird Alles wieder gut; nun geht die Sonne nicht ganz unter!"

Wie geht es dem Papa?" fragte der Baron, die Stirn seines schönen Pathenkindes küssend. ,,Er ist nun doch wieder wohl?"

Seit einigen Tagen steht er wieder auf. O, Onkel Eduard, welche Tage der Angst habe ich durchgemacht! Und nun noch schweres Leid dazu! Weshalb antwortetest Du nicht auf meinen Brief? '

Ich war in Mitau, Nora, an Deiner Mama Grabe, um es zu Weihnachten zu schmücken! Aber nun komm' hinein zum Papa, Kind, und sei tapfer! Es wird vielleicht noch Alles gut werden."

Er drückte väterlich treu die kleine, bebende Hand Noras und begab sich zu dem Reconvalescenten, der ihm von seinem Fauteuil aus beide Hände entgegenstreckte.

Grüß Gott, Baron Hohenthal! Sie kommen als ein lieber Gast, auf den ich mich schon seit vielen Tagen freute."

Was muß ich von Ihnen hören, Stetten! Sie waren ernstlich krank, Sie, den ich bisher nur als ein Bild der Gesundheit kannte?"

Ja," nickte der Gefragte trübe,und es wird mir noch immer schwer, mich zu erholen! Ich will übermorgen zum ersten Male das große Gesandtenfest besuchen, bei dem Nora im lebenden Bilde steht- Doch nun setzen Sie sich und er­zählen Sie uns vor allen Dingen, wie es Ihnen geht und was Sie in der letzten Zeit gemacht haben."

Nora ging hinaus, um Erfrischungen zu holen und kaum hatte sich hinter ihr die Thür geschlossen, so legte Stetten seine magere Hand auf Hohenthals Arm und fragte bitter: Sie wissen doch gewiß nun Alles, was sich hier ereignete und verdammen mich wie die Anderen ob meiner Härte und Unbeugsamkeit?"

Allerdings, Stetten, das thue ich," gab der Baron sehr ernst zur Antwort.Können Sie den alten Groll denn gar nicht überwinden? Meinen Sie, daß dieser erbarmungslose Eigensinn in Theresens Willen liegen würde?"

Stetten unterbrach ihn nicht mit einer Silbe, er athmete schwer, doch seine gefürchtete Stirn glättete sich nicht und er schüttelte stets von Neuem den Kopf.

Ich bleibe bei meinem Nein," sagte er endlich düster.

Welch' ein Egoist Sie sind, Stetten," seufzte Hohenthal traurig.Ihr eigenes Glück mußten Sie einst in Sturm