Ausgabe 
30.4.1895
 
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Weg zum Christmarkt einschlug. Seit Wochen war es das erste Mal, daß sie einen anderen Gang als den zum Theater machte, und es that Uhr wirklich gut. Ihre Augen leuchteten Heller, ihr Athem hob sich und sie blickte heiterer als seit lange um sich.

Da plötzlich beim Umbiegen um eine Straßenecke prallte sie fast entsetzt zurück; vor ihr stand er, an den sie immer wieder von Neuem denken mußte, den sie nie vergessen konnte, Graf Wildenstein!

Auch er schien überrascht, erfreut, sein erster Impuls war, ihr die Hand zu reichen, dann ermannte er sich und machte eine tiefe Verbeugung.Also endlich einmal wieder darf ich Ihnen begegnen, gnädiges Fräulein," begann er hoch­erfreut und schritt ruhig, als sei dies selbstverständlich, neben ihr weiter,ich habe Sie seit Wochen nur im Theater ge­sehen."

Papa war furchtbar krank," antwortete sie leise und mußte sehr an sich halten, um auch ihre Freude nicht merken zu lassen;ich mußte beinahe fürchten, ihn nie mehr gesund zu sehen. Der Arzt hatte die Hoffnung fast aufgegeben."

Gott im Himmel, Nora! Das haben Sie durchgemacht und gelitten, ohne daß ich es ahnte! Armes, armes Kino! Und dabei besaßen Sie so viel Kraft, im Theater aufzutrelen, trotz allem Herzeleid. Was müssen Sie getragen haben!"

Innig sah er in das blasse Gesichtchen an seiner Seite und wieder kam die alte Sehnsucht über ihn, ihre Hand zu ergreifen und mit leidenschaftlichen Küssen zu bedecken; aber er bezwang sich, die Zeit war noch nicht da, der alte Groll noch nicht besiegt!

Der liebe Gott hat mir geholfen," entgegnete sie sanft, doch eine heiße Thräne rann über ihre Wange,ich will nicht mehr klagen, denn nun geht es Papa wieder besser."

Ich habe viel, viel an Sie gedacht, Nora. Besonders damals, als der traurige Prinz Porscu davonlief."

So ist es nicht zum Duell gekommen," rief das schöne Mädchen, erregt stehen bleibend und aus ihren Augen leuchtete innige Freude,o, wie habe ich darum gebetet wie mich abgeängstet, aber ich erfuhr ja nichts Genaueres darüber."

Sie verschwieg Wildenstein, daß ihr eine Centnerlast vom Herzen gefallen war, als sie ihn das nächste Mal unversehrt im Theater gesehen, doch er hatte wohl das Ausflammen ihrer schönen, dunklen Augen gesehen und von Stund an wieder zu hoffen gewagt!

In der That, gnädiges Fräulein, Sie haben sich ge­ängstigt?" fragte er halblaut, tief erregt sich über sie neigend. Hat Ihnen denn die Fürstin Porscu nicht mitgetheilt, daß ihr fürstlicher Neffe dem Zweikampfe aus dem Wege ging? Mit anderen Worten, er zeigte sich als Feigling!"

Die Fürstin?" fragte Nora bitter.O nein, ich sprach sie zuletzt, als sie bei mir war und mir die großeEhre" erweisen wollte, mich zur Gemahlin des Prinzen auszuwählen."

Das hat sie gewagt? ' rief Wildenstein zornig auf­fahrend.Das ist empörend! Und ich ahnte nichts von Allem, um Sie zu beschützen!"

Gegen die Fürstin? Ich habe ihr selbst und mit klaren Worten meine Meinung ausgesprochen, daß ich jene Ehre nicht zu würdigen wisse. Im Uebrigen, Herr Graf, weiß ich, daß Sie jene Dame sehr hochhalten und bitte, sich durchaus nicht in Ihrem Urtheile nach mir zu richten."

Was meinen Sie, Nora?" fragte er erstaunt.Sie sprechen in Räthseln und ich verlange ernstlich Aufklärung darüber. Wissen Sie nicht, daß ich Ihr Oheim bin, der Auf­klärung fordern darf?"

Sie stöhnte qualvoll auf, aber sie schwieg und immer heftiger fuhr er fort:Ich habe jene Frau auch nicht mehr gesehen seit jenem Tage nach dem Schurkenstreich, der Ihnen gespielt wurde, denn ich theilte ihr mit, daß ich nichts mehr mit den Porscus zu thun haben wolle."

Erstaunt, ungläubig blickte Nora auf und in Wildensteins offenes, ernstes Auge.

Herr Graf," fuhr sie dann ernst fort,ich habe Ihnen zu beichten"

Und was, mein Kind, sprechen Sie, reißen Sie die furchtbare Scheidewand ein, die uns trennt."

Nein," gab sie unruhig zurück,es ist etwas ganz Anderes, das mich quält. Ich habe etwas zurück- behalten, was Ihnen gehört"

Wie?" frug er erstaunt.Und was kann das sein? Sprechen Sie, Nora, was quält Sie?"

Hastig, schwer athmend zog das junge Mädchen das Billet hervor, welches damals der Fürstin entfallen war.Es gehört Ihnen," murmelte sie tief beschämt,und ich bin so schlecht gewesen, es Derjenigen, an die es gerichtet war, nicht zurück­zugeben. Die Fürstin hatte es wahrscheinlich, als sie bei mir war, verloren."

Ein Billet von mir an die Fürstin?" fragte Rudolf ganz erstaunt.Mein Kind, das ist ein Jrrthum, ich weif nichts davon."

Lesen Sie," drängte Nora erregt und zog das Billet aus der Tasche,hier an dem erleuchteten Schaufenster können Sie Alles überfliegen es ist Ihr Name und der Inhalt paßt auf Sie."

Graf Rudolfs Blicke wurden immer düsterer, unheil­verkündender, er überblickte den Inhalt des Briefchens und zerdrückte es sodann in der geballten Faust.

Abscheuliche Lüge und Jntrigue," knirschte er dann,ich habe, so wahr ein Gott im Himmel lebt, niemals ein solches Billet an die Fürstin geschrieben und würde es auch nicht, denn sie ist eine Jntriguantin und noch mehr als das"

Sie haben jene Zeilen nicht geschrieben, Graf Rudolf?" fragte Nora athemlos, aber ein unsäglicher Jubel klang au« der süßen Stimme.Sie lieben die Fürstin nicht?"

Ich liebe sie nicht," gab er erschüttert zurück,und wenn sie mir unsympathisch und unangenehm war, so veraP ich sie von Stund' an so tief, daß ich umkehren würde, roem sie mir begegnet. Nora, arme, kleine Nora, und Sie konnten wirklich von mir denken, daß ich jene Frau liebe?"

Nein," sagte diese sanft und ruhig,o nein. Ich habe es auch nie gekonnt und oft kam Mama im Traume zu mir und sagte: Vergib, wie ich es that grüße ihn von mir viel tausendmal."

Nora," fuhr er fort und blieb stehen zwischen einigen mächtigen Bäumen,wird auch Ihr Vater vergeben?"

Ich weiß es nicht," stammelte sie traurig,aber st fürchte, er wird es nicht."

Auch dann nicht, wenn er hört, daß Derjenige, den er so bitter haßt, sein Kind liebt und zum Weibe begehrt?"

Ein Wonneschauer durchrieselte das Mädchen. Da war der Weihnachtsstern ja aufgegangen zwischen all' den Christ- bäumen und strahlte hell hinein in ihr noch ebenso trostloses Herz.

Graf Wildenstein!" rief sie mit wogender Brust.

Warum nennen Sie mich so, Nora? Sie wissen, wie ich sonst noch heiße und ich weiß, daß Sie mir auch ein klein wenig gut sind. Oder täusche ich mich?"

Nein," sagte sie, zu ihm aufschauend und alle Zweifel, alle Sorgen wichen vor diesem strahlenden Liebesblicke.Sis täuschen sich nicht Rudolf."

Dank, mein Liebling, sür dies eine Wort! Es ist mein Festgeschenk zum heiligen Weihnachtsfest und nun wollen wir eilen, einen Christbaum zu wählen, komm'! Darf ich Deinen Vater aufsuchen?"

Nein, o nein, Rudolf," bat sie angstvoll,Sie kennen Papa nicht; er wird so rasch nicht umzustimmen sein und Onkel Eduard soll uns dabet helfen!"

Hohenthal, ja, das soll er! Noch heute schreibe ich ihm ausführlich."

* * s

Am heiligen Abend zündete Nora mit hoher Freude und doch auch mit Wehmuth selbst den geschmückten Weihnachts- bäum an.

Fräulein Nora," rief eins Stimme und die alte Haus­hälterin Katharine öffnete die Thür und trat ein, einen ver-