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HnterhaUungMaLt pun Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Unebenbürtig.
Roman von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
Im Theater saß Gras Wildenstein, ernst und düster, und verwandte kein Auge von der lieblichen schottischen Lady Macbeth, deren mädchenhaftes Aeußere so gar nicht mit ihrem blutdürstigen Character zu harmoniren schien. Als der Vorhang aufging, war Noras Blick zuerst nach jenem Platze geflogen, den er inne zu haben pflegte, und als sie ihn sah, da erbleichte sie, da bebte ihre Stimme secundenlang. Das war der Mann, welcher das Briefchen an eine Frau wie die Fürstin Porscu geschrieben! Sie athmete tiefer, dann hob sie stolz den Kopf, ein jähes Roth flammte über die noch eben so blaffen Züge — und von dem Moment an spielte sie vorzüglicher denn je.
„Nora," murmelte der Graf bewegt, „mein geliebtes Kind! Sie will mich Haffen und kann es doch nicht. Soll denn wirklich das alte Leid von Neuem emporsprießen, gibt es denn kein Vergehen und Vergeffen? Wie ich sie liebe! Wie ich an mich halten mußte, um sie nicht an mich zu ziehen und nie mehr von meinem Herzen, aus meinen Armen zu lassen!"
• * •
Wtldensteins Secundant hatte mehrere Male vergeblich bei dem Prinzen vorgesprochen; er war nicht da und als er den Hausherr nach dem Rumänier fragte, entgegnete dieser verwundert: „Seine Durchlaucht sind schon am Vormittag abgererst, v elleicht nur auf einige Tage, denn cher Koffer ist dageblieben." "
,r ^Ete der Secundant ärgerlich, „und wohin der edle Prinz sich gewandt, wissen Sie nicht. Passen Sie nur auf, daß er Sie auch bezahlt."
„O, keine Angst, die Frau Fürstin sind ja immer noch da; bei deren Vermögen bin ich stets gedeckt."
Graf Wildenstein hatte den Verlauf der Duell-Affaire kaum anders erwartet; schweigend zuckte er die Achseln, was ging ihn der Feigling an!
Stetten war sehr bedenklich krank. Tag um Tag saß Nora, angstvoll und doch ergeben, an seinem Lager und lauschte
den wirren Fieberreden des Patienten, flößte ihm Arznei ein oder legte ihm eine neue Eisblase auf die glühende Stirn. Heiße Gebete stiegen zum Himmel auf, kein Schlaf kam in ihre Augen und dennoch konnte sie, wenn die Reihe an sie kam, im Theater auftretsn und alle Zuschauer durch ihr Spiel begeistern; eine feste, ernste Willenskraft wohnte in dem schönen Mädchen, und wenn sie zusammenbrechen wollte, flüsterte sie sich immer zu: „Was der Mensch will, das kann er auch!"
Von Graf Wildenstein hörte sie nichts, aber sie sah ihn regelmäßig jedesmal, wenn sie auftrat, im Theater. Er faß stets allein und sie konnte sehen, wie er nur sie beobachtete. Nach der Loge der Fürstin Porscu warf er keinen Blick. Aber Noras Gemüth war verbittert nach wie vor; sie mußte ja dem glauben, was sie mit eigenen Augen gelesen, er liebte die Fürstin seit vielen, vielen Jahren und sie hatte in unseliger Verblendung glauben können, daß sie selbst ihm nicht gleichgiltig sei. „Ein Fleck auf dem Wappenschild," flüsterte sie grollend vor sich hin, „nein, er wird, wie schon einmal, mit fester Hand die Fäden zerreißen, welche sich um sein Herz spinnen wollten, oder vielleicht war's nur meine Einbildung — vielleicht hat er niemals an mich gedacht!"
* ♦ ♦
Weihnachten rückte näher; langsam schritt Stettens Besserung vorwärts und noch war nicht an seine Genesung zu denken. Zwei Tage vor dem Feste bat der Kranke mit matter Stimme: „Hole mir einen Tannenbaum, Nora, damit wir doch wenigstens Weihnachten zusammen feiern können. Du mußt ihn putzen und an mein Bett stellen. Willst Du, Liebling?"
„Gewiß, Papa," nickte das junge Mädchen, denn es war seit Wochen der erste Wunsch, den ihr Vater aussprach, „ich werde heute ausgehen, wenn der Doctor da war, und einen wunderschönen Baum mitbringen. Den putze ich dann mit Schneeflocken und Krystallflimmer, daß er aussieht, als habe ihn das Christkind eigens vom Himmel heruntergeholt, um Dir eine Freude zu machen."
Der Kranke lächelte müde und schlief wieder ein, und fand dieses Mal den erquickenden Schlaf neuerstarkender Körperkraft und Genesung.
Es dunkelte bereits, als Nora das Haus verließ und den


