Ausgabe 
30.3.1895
 
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Ich danke Ihne», Gräfin, auf den Kaisen danke ich Ihnen für diese Güte. Und nun noch eins unbescheidene Frage: Haben Sie mitunter an jene Gewitterstunde in der Berg» schänke gedacht an meine indiscrete Frage nach dem Leuchten und Schimmern Ihrer Augen?"

Sie blickte befangen zu ihm auf und er sah, daß eben diese Augen seitdem gelernt hatten, so zu glänzen.

Ich habe viel o, sehr viel an jene Stunde ge­dacht und ich weiß, daß ich Unrecht that"

Weiter kam sie nicht, der Photograph erschien, um sich zu bedanken und zu erklären, die Bilder wären brillant ge­lungen.

Ich darf wohl nur eine Minute um Geduld bitten, meine gnädigste Gräfin," wandte er sich sodann an Therese, dar Arrangement int Atelier muß nur etwas geändert werden."

Sehr gern," erwiderte die junge Dame und beugte sich über ein Bild, um ihr Vergnügen über diesen Aufschub zu verbergen; da, im selben Moment, als die Thür sich hinter dem Manne schloß, fiel die Theerose von dem Gürtel des Kleides und ehe sie noch nach derselben zu greifen vermochte, hatte zur Stetten sie aufgehoben.

Lassen Sie mir die Rose, Comteß," bat er halblaut mit bebenden Tönen,sie soll mich stets an diese Stunde des Wiedersehens erinnern. Ich bin tollkühn, Gräfin, nicht wahr, aber Sie find der Engel, dessen blaue Augen mein einsames Dasein für Minuten erleuchteten."

Herr zur Stetten"

Werden Sie morgen wieder im Theater sein? Dann sollen Sie meinen Talisman an meiner Brust sehen. O, zürnen Sie mir nicht, Gräfin, sagen Sie anir, welches Un­recht Sie thaten."

Daß ich Baron Hohenthal mein Wort gab."

Der Photograph erschien, schweigend verneigten sich die beiden jungen Leute vor einander und Therese schritt hinüber nach dem Atelier. Aber auf der letzten Stufe wandte sie sich noch einmal um und neigte lächelnd das Haupt zum Gruße. Auf Wiedersehen" schienen die rothen Lippen zu murmeln und zur Stetten verbeugte sich huldigend, die Hand auf's Herz pressend.

Diese eine Stunde hatte für Therese entschieden, denn wenn sie auch sich selbst nicht gestand, daß sie zur Stetten liebe, so fühlte sie doch tief im Herzen ein neues, wunderbar beseligendes Glück. Um sie her war'» hell und frühlings­frisch, trotzdem draußen dis welken Blätter im Herbstwinde wirbelten.

* «

Am nächsten Abend faßen Wilbensteins, doch ohne Graf Rudolf, in der Loge, um den zaubervollen Tannhäusermelodien zu lauschen, Therese voll fieberischer Erregung da» Opernglas an die Augen drückend.

Endlich trat zur Stetten als Wolfram auf, nur ein heißer, kurzer Blick gelangte von ihm hinauf zu der gräflichen Loge, dann widmete er sich ganz seiner Rolle.

Eine vornehme Erscheinung," flüsterte die Gräfin ihrem Gemahl zu,tadellos von Kopf bis zu Fuß. Man sollte meinen, er habe eine ganz vorzügliche Erziehung genossen."

Ja, Du hast Recht. Manch' junger Mann aus der vornehmen Gesellschaft könnte froh sein, besäße er diese Tour« nüre- Schade, daß er nur ein Sänger ist."

Da war sie wieder, diese chinesische Mauer, kein Stein derselben fehlte, sie erhob sich himmelhoch drohend und Therese bebte in sich hinein, während Stettens wunderbarer Gesang erscholl:

O, Du mein holder Abendstern, Wohl grüßt' ich immer Dich so gern Vom Herzen, daß sie nie verirrt, Grüß' sie, wenn sie vorbei Dir zieht."

Die Töne drangen herauf zu Der, welcher sie heute in erster Linie geweiht waren; heiße Thränen rannen aus Theresens Augen hinab in den indischen CrSpe ihres Fichüs. Niemand sollte die Thränen sehen, nur Gott allein. Wußte

doch auch Niemand in dem ganzen großen Opernhaus, w dis zarte Theerose an Wolfram von Eschsnbachs Brust bie, selbe war, welche sie ihm gegeben!

Friedrich!" murmelte sie leise und unhörbar vor fi* hin. Kein einziger Gedanke flog zu dem treuen Manne j, der Ferne, dessen Braut sie war, dessen Ring sie trug und der sie so unsäglich liebte; hatte sie denn gar nicht» für ihn übrig, nicht einmal Mitleid, Theilnahme, als sie im Begriff! stand, sein Lebensglück auf immer zu vernichten?

Da riß der Schleier plötzlich. Wie in goldener Klar- heit stand die eine Gewißheit vor ihrer Seele, sie liebte Stetten voll und ganz und unsäglich, trotzdem sie die Grafen- kröne trug und er nur ein Sänger war. Aber war fragt ein junges, he ßes Herz nach Namen und Wappenschild! Therese vergaß zum ersten Male, zu fragen, wa» der angebetete Bruder in dem Falle denken werde.

Eines Tages es fielen schon die ersten Schneeflocke« erzählte Theresens Gesanglehrerin sehr stolz, der Oper«, sänger Herr Friedrich wünsche sich in Duetten etwas zu übet und bitte um die Ehre, Somteß Wildenstein einige Mc fecundirsn zu dürfen. Sie wurde roth, denn sie durchschaut, die Absicht Stettens, doch sie sagte nicht nein und schon in der nächsten Stunde fand er sich ein, erneuerte ehrfurchtsvoll die alte Bekanntschaft mit Therese und bat um ihre Befehle in Betreff der zu wählenden Lieder.

O, ich habe hier eine sehr schöne Composition," rief die Lehrerin begeistert,die sollten wir doch zuerst wählen; es ist nämlich das variirte Lied: Ich schnitt es gern in alle Rin­den ein."

Ich bin sogleich dazu bereit," antwortete zur Stetten und fügte noch etgenthümlich betonend hinzu:Wenn es Com- teß recht ist."

Gewiß, o, sehr gern," stammelte Therese, den Tex! überfliegend; sie war einer Ohnmacht nahe, denn diese glühen­den Worte erschienen ihr wie eine Liebeserklärung.

Aber dennoch war'» eine wundervolle Stunde, in bir ihrer beider Stimmen cmporjubelten in unaussprechlicher Sch keit; bewundernd schlug die alte Lehrerin in die Hände.

»Ich sage," rief sie aus,so gut haben Sie noch ck gesungen, Comteß Wildenstein; ja freilich, solch' ein geschulter Partner!"

Und als sie dann zusammen fortgingen, war's so natür­lich, daß der stattliche Mann des Mädchens Hand schützend ergriff, damit sie keine Stufe verfehle; unten im Hanse aber standen sie noch eine ganze Weile nebeneinander, Hand iti Hand, und konnten keine einzige Silbe hervorbringen."

^Unb nun müssen wir scheiden," hauchte endlich Therese befangen,kommen Sie das nächste Mal wieder hierher, um zu singen?"

Wenn Sie befehlen, Gräfin."

O nein, ich befehle nicht, aber ich ich würde sehr froh sein wenn"

Dann komme ich, Comteß," murmelte er, ihre Hand küssend,und zwar mit tausend Freuden. Haben Sie neulich die Rose wiedererkannt im Tannhäuser?"

Ja," stammelte sie erglühend,es war so freund­lich von Ihnen"

Nicht doch, es war sogar sehr anmaßend, denn ich hatte den ganzen Tag vorher mich nur mit dem Blümchen beschäs- tigt, mit ihm geplaudert und es aber still davon; Gräfi« Therese, sagen Sie nur wie damals in der Bergschänke: M Wiedersehen 1"

Und sie sagte es mit dem Mund und den Augen, und der starke Mann kämpfte schwer mit sich, daß er die Geliebte nicht in die Arme zog.

Therese lebte wie in einem Rausche, rückhaltsloj gab sie sich ihrem Empfinden hin und nur der Gedanke an Hohen­thal, an die Zukunft verursachte ihr heißen Schmerz; noch war das entscheidende Wort nicht gefallen, aber bet jedem erneuten Zusammentreffen konnte Friedrich zur Stetten er aussprechen und dann begann des Leben» Srnst, der Kampf um ihre Liebe.