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„Sie im Brautkleid?" fuhr sie nach einer Pause fort. «Ja, Sie werden noch viel Glück haben auf Erden, Sie haben es verdient um die arme Vereinsamte, reiches Glück I" Wieder schlummerte sie, Elisabeth stand am Fenster. Glück? War ihr da» in Wahrheit bestimmt?
Stunde um Stunde verrann, die Kranke schlummerte meist. Wenn sie erwachte, bat ste nur, daß man die Fröhlichen nicht störe, lauschte der Musik, reichte Elisabeth freundlich die Hand und dankte wiederholt für ihre treue Pflege.
Wie im Prophetenton tönten die Worte an Elisabeths Ohr vom Bett der Kranken, welche mit geschloffenen Augen dalag: „Ungeahnt kommt das Glück, wenn wir nichts mehr hoffen, es findet den Weg zu uns ungesucht " Sie blickte empor, eine Sternschnuppe, da noch eine kreuzten sich; sie blieb unbeweglich, bis ein leiser Seufzer sie zu Fräulein Betend rief- Im stillen Frieden ruhte das Gesicht, ihm war da« reinste Glück ausgeprägt, sie erfaßte die Hand, sie erkaltete- Die Mitternachtstunde ward feierlich von der Thurmuhr verkündet, unter ihren Klängen kehrte die reine Seele zur Hei- math zurück, an ihrem Lager kniete die junge Freundin im stillen Gebet.
Einst entfloh sie zu Lust und Vergnügen, sie verließ die kranke Mutter, anstatt ihr alle Kraft zu widmen, dafür ward sie nun an das Krankenbett der Fremden geführt, Aller gleicht sich aus. Tief erschüttert vernahmen die Verwandten, was geschehen. Schmerzlich bewegt standen ste nach einigen Tagen an der Familiengruft ihrer lieben Tante zur letzten Begleitung.
Nun stand Elisabeth hier am Ende ihrer Laufbahn; es galt, den Fuß nach anderen fremden Zielen zu setzen. E» ward ihr schwer, von hier zu scheiden, wo sie bet dem ersten Versuch viel Güte erfahren; sie nahm gern den Vorschlag an» erst noch Frau Berend für Weihnachten zu unterstützen, um dann zu den Ihrigen zu reisen.
Eines Tages oder vielmehr des Nacht» in der zweiten Hälfte des October, da stellte sich das rauhe Herbstwetter plötzlich ein. Ein arger Sturm fegte daher, Regengüsse, wie man sie wohl nur in Gebirgsgegenden findet, strömten herab; schwere, tief bi» auf die Spitzen der Berge herunterhängende Wolken deuteten an, daß Aenderung kaum in nächster Zeit zu erwarten stehe.
Rüttelte der Sturm an den Häusern in gar unheimlicher Weise, daß Fenster und Thür en aus und zu schlugen, wenn man sie nicht sorgsam verwahrte, die Ziegel von den Dächern fielen, ja, ganze Kamine mit Einsturz drohten, so hielt dies doch keinen Vergleich aus mit der Art, wie er in den umliegenden Wäldern hauste. Starke Bäume lagen umgekntckl wie schwache Halme; prächtige Stämme, der Reichthum der Besitzer.
Die kleinen, sonst leise plätschernden Bäche waren zu reißenden Strömen angeschwollen. Alles mit sich fortschwemmend, stürzten ste hernieder, da» Thal überfluthend. Schlimm auch stand e» um die mit so vieler Mühe endlich erbaute Bahn; bi« an die nächste Station der Gebirg»stadt unten im Thal war sie gut im Stande, höher hinauf in'« Gebirge gab e« nur zu viel Zerstörungen. Immer auf'» Neue kamen Hiobsposten. Wuchtige Stämme lagen darauf. Schienen und Bretter hatte das Wasser hinweggespült, hatte die hohen Dämme unterwühlt, daß sie keine Sicherheit mehr boten. Verschiedene Bahnzüge harrten der Beförderung, allein geraume Zeit schien es zu dauern, ehe sie hergestellt wären.
Am traurigsten betraf diese Aussicht jedenfalls die Insassen sde« letzten der wartenden Züge. Verwundete, deren Zustand erlaubte, sie au» einem Krteqslazareth nach einem solchen im Vaterlands zu überführen. Diese sollten nach einer höher im Gebirge gelegenen Stadt gebracht werden. Die Reise war von langer Dauer gewesen, bald brachten über- süllte Bahnen, bald da» allzu elende Befinden der Verwundeten längeren Aufenthalt. Nun beinah am Ziel, dem sie mit ihren brennenden Wunden heiß entgegenseufzten, und abermal» lange« Warten. Die Gutherzigkeit der Stadtbewohner, ihr Wunsch, den tapferen Bertheidigern de» Vaterlande» ein
Opfer zu bringen, fand gar bald da« Richtige heraus. Wem es die Verhältnisse gestatteten, der nahm einen oder einige der Verwundeten auf bis auf Weiteres, unter Aufsicht und Obhut der sie begleitenden Aerzte, Pfleger und Pflegerinnen.
In Villa Glück herrschte reges Leben, das ganze Erdgeschoß wandelte man zur Pflegestation um. Frau Behrends practische Talente traten jetzt erst ans Licht, ebenso die Bereitwilligkeit der Dienerschaft gegen ihre freundliche Herrin. In fabelhafter Geschwindigkeit entnahm man Schätze an schönen, weißen Leinen, Betten und Decken den großen Vor- rathrschränken. Jahrelang hatte es dort unbenutzt gelegen. Elisabeth war die eifrigste Gehülst a ihrer Herrin; so gelangte denn zur Erfüllung, was sie längst gewünscht; sie nahm sich fest vor alle ihre Kräfte anzustrengen. Vielleicht fand er, dessen sie voll Sehnsucht gedachte, draußen in unerreichbarer Ferne auch eine sorgende Hand, welche seine heißen Wunden kühlte, seine Schmerzen linderte. Wenn — ja wenn er noch der menschlichen Hülfe bedurfte. —
Sie hielten ihren Emzug in der Villa Glück, die braven Vertheidiger des Vaterlandes, in dem Hause, welches so vielverschiedenen Zwecken gedient. Uebermüthigen Lebensgenuß wahrem Glück und behaglichem Fam lienleben. Nun lagen sie weich gebettet, dankbar, daß die schmerzenden Glieder, die brennenden Wunden Ruhe fanden nach langer schwerer Reise; hier fühlten sie wieder Genesungshoffnung.
„Ntchtwahr, mein liebes Fräulein Kronau, Sie werden die Pflegerin unterstützen, bat Frau Berend in ihrer lebhaften Weife, ich bin ein Weltkind, fürchte mich davor, Noth und Schmerzen zu sehen, gewiß werde ich Ihnen gern beistehen. Sie wünschten sich ja erst Thätigkeit in einem Lazareth. Gern versprach Elisabeth, was längst ihres Herzens Wunsch gewesen, nach Kräften nützlich zu fein. Sie schloß sich schnell an die Pflegerin Schwester Martha an, das nicht mehr junge Mädchen mit den klugen Augen und der milden, wohlthuenden Stimme flößte ihr Vertrauen ein. Sie fand sich leicht in dem neuen ihr so fremden Beruf, sorgte treulich Tag und Nacht, die Schmerzen der Aermsten zu lindern.
Ein junger Freiwilliger, ihrer Pflege anvertraut, schwärmte ihr fröhlich von seiner Heimkehr, und von dem Wiedersehen mit dem fernen Mütterlein, welche« sich so sehr nach ihm sehne. Wenige Stunden später lag et in heftigem Fieber. Tag und Nacht saß sie an seinem Schmerzenslager, mit Eis die glühende Hitze zu kühlen, Wochen verstrichen, ehe er wieder klar zu denken vermochte. Zwei Zimmer nach dem Garten gelegen, waren von zwei Offizieren bewohnt; der Diener de« einen, in Krankenpflege erfahren, sorgte für Beide zu Elisabeths Beruhigung; sie war so bekannt in diesen Kreisen und fürchtete, Erscheinungen aus anderer Zeit den Weg zu kreuzen. Sie erfuhr nur von Schwester Martha, daß der eine stet« von seiner Braut schwärme, der andere den Tod sehne, ein Schuß in den Kopf habe die Sehkraft geraubt, ob er je wieder sehen lerne, sei nicht zu entscheiden, bi« die Wunde der Heilung entgegengehe.tz Er scheine Niemand zu haben, der ihm nahe stehe und weise jede« jlheil- nehmende Wort entschieden ab.
Einförmig ging die Zeit dahin im treuen Dienst der Nächstenliebe. Schon hatten die rauhen Stürme de« Herbste« dem Winter Platz gemacht. Der Zustand der Pfleglinge besserte sich, man konnte Bestimmungen über ihre Zukunft treffen; entweder bi« zur vollständigen Heilung nach der Hei- math entlassen, anderen Pflege-Anstalten überwiesen oder zur Rückkehr zu ihrem Regiment bestimmt. In wenigen Wochen, wenn da« alte, liebe Weihnachtsfest seinen Einzug hielt, dann lag Villa Glück jedenfalls still und einsam. Die Herrschaft wollte die Festtage bei ihren Verwandten verleben. Elisabeth« Pflichtenkreis hatte ihren Abschluß gefunden, sie fühlte, daß sie hier nicht mehr nöthig war, trotz aller Freundlichkeit, die ihr zu Thetl ward; vor der Hand beschloß sie zu den Eltern zu reisen, deren dringender Wunsch e» war, die Tochter einige Zeit bei sich zu haben, dann aber auf» Neue unter Fremden ihren Erwerb suchen.
(Schluß folgt.)


