Ausgabe 
29.10.1895
 
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heit bewahrtest, als ein braver Mann Dich zur Gattin er­wählen wollte, daran thatest Du recht, auch um seinetwillen, da» wahre Glück wäre Euch doch fer-n geblieben."

Nun fuhr fie wieder hinaus in die Ferne, aber nicht in die Fremde, sie wußte, daß man sie freundlich erwartete. Eine ungelöste Frage nahm sie mit sich und wagte sie doch nicht auszusprechen, ob Löwen wieder den Landwirth mit dem Sol­daten vertauscht und in sein Regiment eingetreten war.

Mehrere Stunden schon war sie gefahren, allenthalben die Spuren des Krieges bemerkend. Abschiednehmen ein« berufener Soldaten, lange Militärzüge, welche für andere einen unangenehmen Aufenthalt mit sich brachten. Kampfbegeistert fangen junge Vertheidtger des Vaterlandes Kriegslteder; älteren Leuten lag noch der Abschied von Weib und Kind auf dem Herzen; schweigend drückten sie sich in die Ecken.

Auf einer Station gab es sehr lange zu warten für Elisabeth. Bedauernd versicherte der Bahnbeamte immer aus's Neue, der Zug müsse sofort eintreffen. Eine junge Dame theilte ihr Schicksal, den Schleier vor dem Gesicht, saß sie in einer Ecke des Wartesaals; bei jedem Geräusch fuhr sie auf, warf einen Blick durch das Fenster und lehnte sich wieder stumm in ihren Sessel, ihre Geduld schien beinahe erschöpft.

Als abermals ein Beamter etntrat, frug fie erregt:Ist noch keine Aussicht?"

Bei ihren Worten sah Elisabeth auf. Die Stimme klang ihr so bekannt. Sie täuschte sich nicht.Gretchen, Du!" rief sie.Ist er möglich? Wir fitzen Beide da, voll Un­geduld und Langeweile, anstatt die Zeit zu genießen."

Sie lagen fich in den Armen und hatte« so viel zu be­sprechen, daß ihnen zu schnell eine Viertelstunde nach der andern entschwand.

Auf Elisabeths Bedauern, daß Gretchen blaß und schmal aussehe, meinte diese unter Lachen und Weinen:Er ist kein Wunder, mein Mann weilte in Geschäften in der Hauptstadt, da traf die Marschordre ein; er konnte nicht wieder nach Haus kommen, aber ohne Abschied konnte ich ihn nicht htnausziehen lassen in den Krieg. Er wollte erst schelten, denn" Voll Glück erröthend fuhr sie fort:Seit vier Wochen ruht ein lieber, kleiner Junge daheim in der Wiege, ich müßte mich noch vor Anstrengung und Aufregung hüten. Er sah schließ­lich doch ein, daß ich Abschied nehmen mußte, man weiß ja nicht, ob es hier unten ein Wiedersehen gibt."

Weinend barg sie ihr Gesicht an der Schulter der Freun­din. Sie hatten sich viel zu erzählen von Glück und Leid, nur zu schnell brausten die Züge heran und entführten die Eine nach rechts, die Andere nach links.

Die Zeit verstrich für Elisabeth meist im Krankenzimmer bei ihrer alten, lieben Gebieterin und Freundin, diese fühlte sich leidender als sonst. Furchtbare Athemnoth raubte ihr des Nachts die Ruhe. Dann war ihre junge Pflegerin ängstlich bemüht, ihr Leiden zu mildern oder wenigstens stets bei ihren Wünschen zur Hand zu fein.

Oft stand sie am Fenster, blickte hinaus in die nächtliche Stille, hinauf zu dem Himmel mit feinem Sternengefunkel, mit dem klaren Licht des Mondes. Hier herrschte Friedens­ruhe; allein dieselben Himmelslichter blickten dort in der Ferne herab auf Gräuel und Verwüstung, auf Jammer und Blut. Täglich berichteten die Zeitungen von den großen Waffenthaten, von Heldenmuth und Siegen, aber viel Blut floß, viele Wun­den wurden geschlagen, die nie wieder vernarbten.

Voll Angst überflog sie oft die kleinen, unscheinbaren Blätter, die Verlustlisten. Da stand es so kurz und einfach, ob fie, denen jeder Schlag des bang klopfenden Herzen» gilt, noch unter den Lebenden weilen, dankbaren Herzens konnte fie bisher stets sagen:Ich finde fie hier nicht, für die ich zittere." Aber hier, la» sie richtig? War kein Jrrthum möglich? Nein, da stand e» schwarz auf weiß!Rittmeister von Löwen schwer verwundet, Lazareth unbekannt."

Sie schauderte, vielleicht schon tobt oder schlimmer al» da», in Feinde» Gewalt, wehrlos den Mißhandlungen der Hyänen de» Schlachtfeldes ausgesetzt, ohne Hilfe!

Sie find so vertieft, Fräulein Kronau, thsllen Die mir

auch etwas mit von den politischen Neuigkeiten!" rief Fräu­lein Berend.

Mechanisch griff Elisabeth nach der Zeitung, fie la«, al« habe sie eine schwere Aufgabe herzusagen, die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen, sie wußte nicht, was fie las und athmete erleichtert auf, al« das alte Fräulein in sanften Schlaf versank. Aber immer sah sie vor ihren Augen die furchtbaren Worte:Schwer verwundet, Lazareth unbekannt."

Zu ungewohnter Stunde kehrte Herr Berend eine« Tage« aus dem Geschäft heim; seinMesicht leuchtete, jubelnd berich« tete er von den Heldenthaten der Deutschen bei Sedan, von der Gefangennahme Napoleon«. Bi» hinauf zur Tante trug er selbst die Freudenbotschaft.

Wenn e« Deine Gesundheit erlaubt, Herzenstante, so möchte ich einmal wieder nach ernster Zeit frohe Gesichter um mich sehen, durch ein heitere» Fest die Waffenthaten der Unsrigen feiern."

Die Tante nickte ihm freundlich zu.Wenn ich von hier au« der Feier zusehen darf und meine liebe Elisabeth mir verspricht, mit den Fröhlichen froh zu fein, steht Euch nichts int Wege."

Herr Berend warf einen fragenden Blick auf die junge Dame.Sie sehen bleich aus, haben Sie trübe Nachrichten bekommen?"

Nein, o nein," entgegnete sie schnell,soeben erfuhr ich, daß mein Bruder das Eiserne Kreuz erhalten hat und was die Hauptsache ist, fich wohl befindet, auch unsere sonstigen Verwandten waren vom Glück begünstigt, Gott helfe weiter."

Nur dann guten Muth, fröhlich zum Feste, so gehört e» für die Jugend!" Mit diesen Worten eilte er fort, die nöthigen Anordnungen zu treffen.

Hell leuchteten bunte Laternen bengalische Flammen loderten auf. Feuerwerk flog in die Lüste beim Klang der Mufik. Von fern hallte Kanonendonner den großen Ereignissen bei Sedan zu Ehren. Und in die Klänge hinein hallten Menschenstimmen, begeistert fangen sie Vaterlandslieder bei einbrechenden Abend in Villa Glück.

Nicht nur Freunde und Bekannte waren geladen, auch die zum Geschäft Gehörigen, ebenso Herren als Arbeiter, der gutherzige Herr Behrend wollte gern alle vergnügt sehen, alle von seinem Reichthum mit genießen lassen.

Elisabeth mußte sich fügen, beim Fest zu erscheinen im einfachen, weißen Kleid, von Frau Berend mit dunkeln Rosen verziert, ging sie einsam in den Gängen des Parke» auf und nieder, ihren trüben Gedanken nachhängend. Mehr noch zog sie sich in das Dunkel zurück, wenn sie Schritte hörte. Ihr Herz klopfte zu bang und schwer, sie konnte nicht mit frohen Menschen zusammen sein. Sie vermochte zuletzt nicht mehr zu entfliehen, fie hörte ihren Namen rufen, man suchte nach ihr:Fräulein Kronau," rief ängstlich Fräulein Berend« alte Dienerin,wollen Sie zu dem Fräulein kommen, ich fürchte, e» geht ihr sehr schlecht."

Suchen Sie den Arzt auf, er befindet fich unter den Gästen, benachrichtigen Sie ihn aber vorläufig allein," befahl ihr Elisabeth und eilte die Treppen hinauf.

Sie erschrak beim Anblick der Leidenden, trug dar bleiche Gesicht de« Monde« die Schuld oder sah sie in Wirklichkeit so furchtbar verändert aus? Keuchend ging der Athem au« und ein, die schmalen Hände zuckten, die Augen blickten angst­voll um sich oder schlossen sich krampfhaft. Der Arzt prüfte den Zustand genau, ehe er feststellte, daß e« eben ihr alter Leiden, jedoch in verstärktem Grade fei; er ordnete verschiedene Mittel an. Vor seinem Fortgehen bat ihn Elisabeth, die Ver­wandten nicht zu beunruhigen und nahm ihren gewohnten Platz am Lager der Leidenden ein, diese schlief jetzt sanft. Von unten klang heitere Mustkj, eine große Anzahl von Stimmen, welche die Wacht am Rhein sangen, in da« stille Krankenzimmer.

Da« ist keine Grabermusik," flüsterte die Kranke,aber es klingt hübsch, e« ruht sich gut dabei. Da« Sterben ist nicht traurig, e« ist nur ein Hetmgehen, ein ewiger Frieden im Batsrhau«, dort lösen fich alle Räthsel de» Leben»!"