Ausgabe 
29.10.1895
 
Einzelbild herunterladen

Nr. IS8

DimMkß her? 29 October

k'ßeiicr Lmilislcht'äßsi-

UntrrhattnngsdLatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

6^

Trug-Glück.

Rsman von Thekla Hempel.

(Fortsetzung.)

Eine ganze Reihe von Monaten sind dahingeschwunden, dem einen brachten sie Freude, dem andern Leid; mancher ging auch wohl im gewohnten Gleichmaß seine Straße im festen Vertrauen, daß ihm Sorge und Kummer fern bleiben müffe, al» vermöge er sich seinen Weg nach eigenem Gut­dünken zu bahnen.

Durch da» ganze deutsche Vaterland brauste ein gewaltiger Sturm; da» Jahr 1870 brachte große Triumphe, aber da­neben viel Trennungsleid, Kummer und Thränen; Trauernde, wo bisher nur die Freude den Herrscherstab geschwungen. Mühsam brachte man die Ernte herein, die Arbeiter erkämpften im fernen Frankreich Sieg um Sieg, oder sie lagen an ihren Wunden schwer darnieder; viele auch deckte der grüne Rasen, sie ruhten für immer au» von irdischen Schmerzen. . H

Still lag Villa Glück im Schein der Herbstsonne. Die Blumen blühten in bunter Farbenpracht, allein die fröhlichen Gäste fehlten. Die Hausfrau saß eifrig arbeitend zwischen einer ganzen Menge von Stoffen, man erkannte kaum die eleganten Räume wieder, da lagen aufgeschichtet alte» und neue» Leinen, fertige Wäsche, Decken, Binden, alle für La- zarethe nöthigen Sachen. Ganz andere Gäste finden sich jetzt hier ein. Frauen und Kinder von eingezogenen Landwehr- männern erhalten Arbeit gegen guten Lohn, Effenßnoch außer­dem für sich und ihre Kinder; auch Nachrichten von ihren Angehörigen auf de« Kriegsschauplätze, so viel Herr Berend nur ermitteln konnte. "M

Dieser selbst war in seinem Geschäft angestrengt thätig, da auch sein Thetlhaber dem Ruf zu den Fahnen hatte folgen müssen. Man flüsterte sich zu, daß er, falls er glücklich heim- kehre, seinem Freunde Berend noch näher zu treten hoffe als Gatte des heiteren Fräulein Lena, welche ihm längere Zeit schon Antheil geschenkt-

Elisabeth hat sich nicht entschließen können, ihre Hand ohne ihr Herz zu verschenken. Und ihr Herz? Ja, darin lebte ein Bild, da» ließ sich nicht verbannen. Sie wußte recht

wohl, er werde ihr nie wieder nahe kommen, nie wieder ihren Weg kreuzen; er war ihr verloren. Aber sollte ihr Weg auch einsam sein, besser al» an der Hand de» stet» Fremden. Al» zu Anfang der Kriegsruf ertönte, kehrte Elisabeth auf kurze Zeit heim; am liebsten hätte sie sich für immer ver­abschiedet, um Krankenpflege zu lernen und in ein Krieg«- lazareth einzutreten; allein Fräulein Berend« Befinden hatte stch seit einiger Zeit erheblich verschlechtert. Bei ihr aus­zuharren, wie sie es wünschte, war jetzt ihre erste Pflicht.

Elisabeth hatte in der letzten Zeit gar sehr viel lernen müssen, um zu begreifen, daß Pflichttreue bas Wichtigste ist, will man sein Brod unter Fremden verdienen; wie schwer sie es oftmals empfand, ahnte Niemand, wie oft ihr Hochmuth stch aufbäumte und ihr in'» Ohr raunte:Du von hohem Adel, de» Generals Tochter, sollst Dich beugen unter Die von bürgerlichem Stande, weil sie Dich erkaufen mit ihrem Gelbe! Das Schicksal ist ungerecht gegen Dich! Wehre Dich, lehne Dich auf!"

Allein die Vernunft entgegnete:Du hast Dich über­hoben, nun mußt Du Dich beugen; nur wahre Demuth bringt Dich an das Ziel; gib Dich in Gottes Vaterhand und Du bist geborgen. Büße, was Du verschuldet, um Deiner Eltern willen."

Es war ein wehmüthiges Wiedersehen mit den Ihren. Muthig bekämpfte wohl Paul» junge Gattin den Schmerz der Trennung, aber unendlich tief empfand sie, was es sagen wollte, den geliebten Mann hinausziehen zu sehen in Gefahren, vielleicht in den Tod! Der General Kronau selbst, obgleich nicht mehr im Stande, mit hinauszuziehen in Kampf und Streit, wollte doch dem Vaterlande noch nützen, er stellte sich zur Verfügung für die Landwehr, welche daheim blieb, al» Commandeur-

Willkommen, mein lieber Gefährte au» froher Jugend­zeit," begrüßte der Fürst ihn voll Huld,eine feste Hand, ein frischer Muth finoet stet» einen Platz."

Wenige Tage innigen Beisammenseins blieben der Familie, dann hieß es stch trennen. Auch Elisabeth kehrte wieder zurück zu dem Kreis ihrer Pflichten.Geh mit Gott, mein Kind," sagte die Mutter, al» sie zum letzten Mal die Arme um sie schlang,ich freue mich, daß Du Dir Deinen Platz errungen, daß man Dich gern wiederkehren ficht. Daß Du die Frei-