fT| Nr. 10».
Lomin-iag dm 29. Ang«st.
smsiiskßlsilsr
k'KCRCr
InterhaUungsbtattjnm Gießener Anzeiger (General Anzeiger).
W
'S.
j
k.4
Ihr Vermächtniß.
Roman von Maxiniilian Moegelin.
—---- (Nachdruck verboten.)
Erstes Capitel.
Motto: Es ist doch Alles in dieser Welt nur Uebergang. Doch wir muffen durch. Sorgen wir nur dafür, , ■ Daß wir mit jedem Tage reifer und besser werden.
Königin Luise.
Leichte Schneeflocken fielen hernieder. Es war ein un- freundlicher, naßkalter Februartag, an dem der Baumeister Heyd mit dem Streckenbahnmeister auf dem Bahnsteige einer kleinen Station der Ostbahn auf- und abgingen. Sie sprachen von Neuanlagen auf der Station, von dem Bau einiger Wasserdurchläffe und der projectirten Brücke über den Bach an der Grenze der 9. und 10. Bahnmeisterei, Arbeiten, die in Angriff genommen werden sollten, sobald es erst die Witterung gestattete. Nachdem die Unterredung beendet war, nahm der Bahnmeister einige Zeichnungen in Empfang und befahl sich ehrerbietigst von seinem Vorgesetzten.
Heyd, der mit dem letzten Zuge zurück wollte, sah nach der Uhr; sie zeigte drei Minuten nach vier. Das Signal war bereit» auf „freie Einfahrt" gestellt. Ruhig knöpfte er an seinem Handschuh, al» der Zug um die Waldecke bog und bald darauf einfuhr.
„Brahnau, eine Minute," riefen die eilfertigen Schaffner. Wenige Reisende stiegen schnell au» und ein. Der Bau« meister öffnete ein Coupee 2. Claffe für Nichtraucher, prüfte flüchtig die Anwesenden und lehnte sich in einen Ecksitz. Er sah hinaus in die weiße Landschaft, die bald vorübertanzte und die in der Ebene, besonders nach der Weichsel zu, stellenweise noch eine leichte Eisdecke überzog.
Mechanisch nahm er seinen Baukalender au» der Rocktasche, studtrte ihn einige Zeit, machte flüchtig einige Notizen und steckte ihn wieder ein. Er lehnte sich nun zurück in feinen Sitz und musterte fast gleichgültig die Anwesenden, wobei sein Blick auf eine junge Dame fiel, deren Augen sinnend auf ihm ruhten.
Heyd, der sichtlich erschrack, fühlte da» Blut zum Herzen strömen und ein gewaltige» Hämmern pochte in seinen
Schläfen; plötzlich zog eine Leichenbläffe über sein Gesicht; er athmete schwer und sein Kops fiel zur Seite.
Keuchend eilte da» Dampfroß vorwärts und seine finsteren Wolken, die hastig au» dem Schlote stießen, eilten al» unheimliche Schatten an den Fenstern de» Zuge» vorüber und zeichneten im Fluge tausend finstere Gestalten in der Abenddämmerung.
Vor Heyd'» Blicken, der sich ausgestreckt auf grüner Halde wähnte, lag eine farbenprächtige Landschaft von nie geahnten Reizen, und ein wunderbare«, unsagbar wonniges Gefühl paarte sich mit seiner glücklichen Zufriedenheit. Wie der heisere Ruf eines Raubvogels erschien ihm das Bremsen der Räder, die langsam in die nächste Station schleiften und all die lieblichen Bilder verscheuchten dieses willenlosen Seins.
Ermattet verließ er den Zug, um sich im Wartesaale am ersten Tische niederzulaffen. Der Wirth brachte schnell da» gewünschte Selterswaffer, schenkte es ein, und da ihm der neue Herr Baumeister krank erschien, benetzte er deffen Stirn mit kaltem Wasser. So verbrachte Heyd wohl eine halbe Stunde. Al» er sich gestärkt fühlte, machte er den Kragen seines Ueberziehers hoch und bewegte sich im Freien bis zur Abfahrt de» nächsten Zuges — eines Güterzuge», der schon bei der Ankunft des vorigen auf entfernteren Ge- leisen rangirte — in dem er auf der Maschine seitlich vom Führerstande Platz nahm. „ „ ,
Am Ziele angelangt, bestieg der Baumeister sofort den Hotelwagen de» „Deutschen Hauses", in dem er Wohnung genommen. Auf seinem Zimmer angekommen, setzte er sich an den Tisch und den Kopf mit der linken Hand gestützt, war er bald in Gedanken versunken.
Weit, weit weg von hier, jenseits des Oceans, sah er sich wieder. Vor seinen Blicken lag eine prächtige Farm, das Wohnhaus war bis zum First mit dichtem Epheu umrankt- Ringsum waren hohe Waldungen mit hohen, mächtigen Bäumen, viel stärker und schöner als in unseren Forsten. Er hörte das Rauschen eines gewaltigen Stromes, sah die Gatter von Sägemühlen an einem reißenden Waldbach auf- und niedergehen. Viele Meilen weit ritt er in finstrer Nacht durch mehr denn hundertjährigen Buchenwald, er sah Menschen, die er liebte und die ihn wieder liebten; endlich sah er auch da» Gesicht der jungen Dame im Eisenbahncoupee.


