Ausgabe 
29.1.1895
 
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Frieden sowohl wie auf den Schlachtfeldern, sowie Ihrer heroischen Selbstverleugnung, welche Sie hinsichtlich Ihres der Mißhandlung eines Vorgesetzten und der Fahnenflucht über­führten Neffen bewiesen haben, das Ritterkreuz des Herzog­lichen Hausordens zu überreichen."

Er öffnete nach diesen Worten das Etui und heftete dem Ueberrafchten das Kreuz selber an die Brust, worauf er ihm das Schreiben, welches das herzogliche Siegel trug, in die Hand legte.

Der Hauptmann war leichenblaß geworden, er öffnete die Lippen, um zu reden, vermochte aber kein Wort hervorzu­bringen. Scheu heftete er dis Augen, in denen sich eine tödt-- liche Angst spiegelte, auf den verhängnißvollen Brief in seiner Hand und athmete schwer.

Lesen Sie ihn getrost, lieber Hauptmann," fuhr der General, welcher in der Seele des alten Mannes las, mit be­wegter Stimme fort,er enthält keine Hiobspost. Ich will Sie jetzt nicht länger stören, Herr Kamerad, Sie wünschen ge­wiß allein zu sein, obwohl ich auf die Erfüllung einer Bitte gehofft hatte."

Der Hauptmann sank kraftlos auf einen Stuhl.

Keine Hiobspost," murmelte er,Gott sei gelobt!"

Plötzlich erhob er sich wie neubelebt und richtete sich straff empor.

Verzeihung, Exeellenzl Der verteufelte Fuß versagt zuweilen den Gehorsam, aber pariren muß er doch wieder Mein General hat nicht zu bitten, sondern nur zu be­fehlen."

Gut, Hoheit wünscht, daß Sie in meiner Gegenwart das Schreiben lesen und mich dann zu Ihrem Neffen begleiten, Herr Kamerad!"

Ich stand auf dem Sprunge, zu ihm zu fahren," er­widerte der Hauptmann triumphtrend.

Ei, das ist ja mehr, als ich erwartet," rief der Ge­neral sichtlich erfreut,nun also, dann bitte ich Herr Hauptmann Ehrhard!"

Er deutete auf das herzogliche Schreiben.

Zu Befehl, Excellenz! Lisbeth, schneide den Umschlag auf, aber das Siegel nicht verletzen!"

Das junge Mädchen gehorchte zitternd vor Aufregung. Der Hauptmann zog das Schreiben hervor, entfaltete es und versuchte zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, es war unmöglich, flehend blickte er den General an, dessen freundliche Augen vor innerer Bewegung feucht ge­worden waren.

Darf ich vorlesen, Herr Kamerad?" fragte die Excllenz, ich sehe, Sie haben die Brille nicht zur Hand. Es ist ein eigenhändiges Schreiben unsers allergnädigsten Herrn."

Der General räusperte sich und las dann mit fester Stimme:Mein lieber Hauptmann Ehrhard!

Auf Ihr Gesuch vom 10. Januar er. fühle ich Mich zunächst veranlaßt, Ihrer Verdienste als Offizier, Ihrer Tapferkeit und Umsicht im Kriegs und der Opfer, welche Sie dem Vaterlande gebracht, zu gedenken, und Ihnen in gerechter Würdigung, und wenn auch verspäteter Anerkennung derselben das Ritterkreuz Meines Hausordens zu verleihen. Als be­sonderer Beweis Meines Wohlwollens wird General v. Steinach, Excellenz, es Ihnen in Meinem Namen persönlich überreichen.

«Ich habe mich ferner auf Ihr Gesuch hin bewogen ge­fühlt, die Strafacten Ihres Neffen, des seinerzeit wegen Desertion und Mißhandlung eines Vorgesetzten in contuma­ciam vom Kriegsgericht zu 10 Jahren schwerer Festunghaft und Ausstoßung aus dem Heere verurtheilten Einjährig-Frei­willigen Willibald Ehrhard, einer persönlichen Durchsicht zu unterziehen und gefunden, daß sein Vergehen angesichts der andauernden Quälereien, welche er von besagtem Vorgesetzten zu erdulden gehabt, milder hätte beurtheilt, die Strafe ge­ringer hätte bemeffen werden können. Nachdem sich ferner auf genaue Informationen Meiner Regierung herausgestellt, daß Ihr Neffe sich in Amerika nicht nur eine persönlich I ehrenvolle Stellung erworben, sondern auch dem deutschen! Namen durch großartige Brückenbauten und sonstige ausge- *

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zeichnete ingeniöse Werke Ehre gemacht hat, und nachdem es zu meiner Kenntniß gekommen, daß derselbe schon in den ersten Stunden nach seiner Heimkehr sich nicht nur als ein unerschrockener und tapferer Mann im Kampfe mit den Ele­menten, sondern auch als ein Christ in des Wortes schönster Bedeutung erwiesen hat, so habe Ich in gerechter Erwägung dieser Thaten das kriegsgerichtliche Urtheil ausgehoben, ihn kraft Meines landesherrlichen Rechts zu 4 Wochen leichter Festungshaft begnadigt und seine militärische Ehre wieder hergestellt.

Ich habe außerdem meinen General von Steinach be­auftragt, Ihrem Neffen die von Mir ihm verliehene Rettungs­medaille zu überbringen, mit dem Wunsche, daß solches in Ihrer Begleitung geschehe- Im klebrigen verbleibe ich Ihr wohlgewogener

Friedrich."

Der General faltete das kostbare Schreiben wieder sorg­sam zusammen und überreichte es dem Hauptmann, der starr wie eine Bildsäule zugehört hatte. Es zuckte verrätherisch in den Mienen deffelben, die Augen blinzelten verdächtig und ein heftiges Räuspern und Schlucken, als ob ihm etwas in der Kehle sitze, verriethen den Sturm der Gefühle, den er um keinen Preis zum Ausbruche kommen lassen wollte.

Todtenstille herrschte eine Weile in dem Zimmer. Elisabeth hatte sich in den fernsten Winkel zurückgezogen, um die Thränen seligsten Glücks, welche nach der qualvollen Angst und Erwartung den Damm der Selbstbeherrschung jetzt gewaltsam durchbrachen, zu verbergen, während der Pro­fessor an sich halten mußte, um nicht in lautem Jubel auszu­brechen.

Es ist zu viel, zu viel der Gnade!" stieß der Haupt­mann, welcher die unmännliche Weichheit tapfer bezwungen hatte, endlich mit heiser klingender Stimme hervor.Kann's meinem allergnädigsten Herrn nicht einmal durch treue Dienste mehr vergelten."

Dann wird's Ihr Neffe für Sie thun. Herr Kamerad!" rief der General in fröhlichster Stimmung,jetzt vorwärts, marsch, Hauptmann, wir dürfen nicht eine Minute länger zögern, um dem Kranken diese beiden kostbaren Heilmittel zu überbringen. Sehen Sie hier die prächtige goldene Medaille, welche Se. Hoheit eigens für ihn hat modelliren lassen, und zwar nach dem Entwurfs eines berühmten Berliner Künstlers. Wenn mich nicht alles täuscht, so hat unser allergnädigster Herzog etwas ganz besonderes vor mit Ihrem Neffen, lieber Hauptmann!"

Elisabeth, welche ihre Fassung zurückgewonnen, hatte sich jetzt genähert, um die Medaille in Augenschein zu nehmen, und auch der Professor verlieh nun seiner Freuds und Be­wunderung beredten Ausdruck. Die prächtige Denkmünze trug auf der einen Seite den Kopf des Landesherrn, auf der andern Willibald's Namen mit dem Namen der Sturmfluth, von einem Lorbeerkranz und der Inschrift:Hoch klingt das Lied vom braven Mann!' umgeben.

Nach wenigen Augenblicken brauste die Equipage des Generals mit diesem und dem Hauptmann davon.

Das ist ein Glückstag!" rief Carlsen, welcher dem Wagen nachgeblickt hatte, vom Fenster zurücktretend,den ich doppelt roch im Kalender unterstreichen werde. Nun, Kleine, Du machst ja ein ernstes Gesicht, freust Du Dich nicht?" setzte er verwundert hinzu.

Ach, mein ganzes Empfinden ist ein Dankgebet", er­widerte Elisabeth tief aufathmend,nur kommt es mir noch so unglaublich vor, daß ich meinem Glücksgefühl keinen Aus­druck zu geben wage, aus Furcht, das Ganze nur geträumt zu haben- Es ist wirklich so, Onkel Professor, auf eine große, unfaßbare Freude folgt in der Regel die bitterste Enttäuschung."

Das kann hier durchaus nicht zutreffen, weil das Ritterkreuz, die Medaille und die Begnadigung in greif­barster Form so zu sagen, ins Haus geschneit sind und durch wen? Es ist doch keine Kleinigkeit, daß Seine Hoheit den Herrn General damit hergesandt, den Hauptmann sowohl