Ausgabe 
29.1.1895
 
Einzelbild herunterladen

davon erfahren. Wir müssen ihn mit List aus dem Haufe bringen."

Das wird unmöglich fein," seufzte Elisabeth.

Ich habe soeben die Sache mit Willibald überlegt, er läßt ihn durch mich um ein erstes Wiedersehen bitten. Das Wetter ist gut, in einer halben Stunde ist die Droschke hier, welche ihn später vom Krankenhause nach der Tante Dorothea bringt, wo ich mit dem Candidaten einen Whist arrangire. Du bringst uns Nachricht, wenn die Luft rein ist, mein alter Thomas soll zu Deiner Verfügung stehen. Weißt Du etwas Besseres?'

Nein, warten Sie hier noch ein wenig, Onkel Professor, Papa ist jetzt wieder recht mißtrauisch und schwer zu be­handeln."

Sie schlüpfte hinein und kehrte dann ruhig in's Wohn­zimmer zurück.

Hat denn der Amerikaner noch nicht wieder geschrieben? ' fragte der Hauptmann, der stchsin eine undurchdringliche Dampf- wolke gehüllt hatte.

Nein, Papa, er hat in der ganzen Zeit nur ein einziges Mal und zwar aus Rom geschrieben."

Na ja, nette Freundschaft, taugt nichts, mit einem Geldprotzen sich einzulassen. Wird sich in Paris amüsiren oder läßt sich an der Spielbank dort unten bei den italienischen Banditen die Goldfedern ausrupfen."

Seine Worte wurden durch das Eintreten des Professors unterbrochen, der nach kurzer Begrüßung ohne Weiteres fragte: Nun, sind Sie mobil, alter Freund?"

Sie wollen mich wohl zu einem Spaziergange abholen, was?"

Nein, wir wollen fahren, Sie müssen endlich einen Krankenbesuch machen, Hauptmann! Sie werden sehnsüchtig erwartet, ich habe daraufhin schon einen Wagen bestellt."

Das war sehr voreilig von Ihnen, Professor! Wissen Sie, daß ich noch immer keine Antwort auf mein Gesuch er­halten habe? Daß auch das Commando sich noch nicht rührt? Warten wir, bis Beides erfolgt ist, dann werde ich ihm zur Seite stehen."

Und wissen Sie, daß man in der Bevölkerung den De- nuncianten, der seinen nächsten Verwandten nicht sehen will, kennt und verurtheilt?" rief der Professor.Wenn es ruch­bar würde, daß Sie feine Bitte nicht erfüllen, den Sohn des verstorbenen Bruders, den man ob seiner Thaten feiert und lobpreist"

Mit einem gewaltsamen Ruck hatte sich der Hauptmann erhoben.

Meine Uniform!" rief er gebieterisch.Ich will denn doch einmal sehen, ob man den Muth hat, einen Invaliden von Anno 1870 zu schmähen, des Kaisers Rock zu beleidigen."

Recht so," stimmte der Professor ihm bei,erlauben Sie dem Freunde, Ihnen Hilfe zu leisten."

Da der alte Offizier sich selbst im Hause halb militärisch kleidete, so ging die Umwandlung rasch von statten und als der Wagen vorfuhr, stand Hauptmann Ehrhard mit der Uni­form, welche ihm weiter zu tragen gestattet war, angethan, den Degen an der Seite, vor dem Spiegel, mit einem weh- müthigen Lächeln sich betrachtend und dann seufzend den Blick an sich herniedergleiten lassend.

Eine Ruine," murmelte er,aber dies hier ist mein Stolz," setzte er, auf das Eiserne Kreuz, welches nebst meh­reren anderen Verdienstorden den Ehrenplatz auf seiner Brust einnahm, deutend, mit fester Stimme hinzu,und wehe dem, der mich zu beleidigen wagt!"

Es wird dies auch Niemand wagen," beruhigte ihn der Professor, den Militärmantel um seine Schultern legend, wäh­rend Elisabeth ihm schmeichelnd die Mütze in die Stirn drückte.

In diesem Augenblick hörte man das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause anhielt.

Da ist unsere Droschke," sagte der Professor,nun vor­wärts, Hauptmann!"

Nein, das ist eine Equipage," bemerkte Elisabeth,die Droschke hält schon länger und fähr jetzt seitwärts. Ach,

Papa," fuhr Elisabeth erschreckt fort,das ist ja General von Steinach"

Bevor der Hauptmann fragen konnte, wurde draußen schon die Klingel gezogen. Das junge Mädchen eilte zitternd hinaus, um die Etagenthür zu öffnen. Jetzt kam die Ent­scheidung, fis fühlte es an der furchtbaren Angst, die ihr Blut stocken ließ, der General brachte das Schicksal des Geliebten, Tod oder Leben sür sie und ihn.

Ist Hauptmann Ehrhard daheim und im Stande, mich zu empfangen, mein gnädiges Fräulein ?" fragte der General, ein alter Herr mit weißem Schnurrbart. Er trug Große Uniform, welcher Umstand auf eine hochwichtige Mittheilung schließen und Elisabeths Herz noch angstvoller schlagen ließ.

Bevor sie antworten konnte, fuhr der General mit ritter­licher Galanterie, die Hand am Helm, freundlich fort:Wahr­scheinlich die gnädige Fräulein Tochter?"

Elisabeth verneigte stch verwirrt.

Mein Vater, der eben im Begriffe steht, seine erste Ausfahrt nach langer Krankheit zu. machen, wird sich sehr glücklich schätzen, daß Eure Excellenz ihm die Ehre erweisen."

Sie kennen mich also, meine Gnädige? Freut mich sehr, müßte eigentlich dem Hauptmann zürnen, eine solche Rose unserer Gesellschaft bisher entzogen zu haben- Also, General von Steinach, wenn ich Sie mit der Meldung behelligen darf, mein gnädiges Fräulein?"

Die alte Excellenz war in der Jugend ein Schwerenöther gewesen und auch jetzt noch sehr geneigt, schönen Damen seine Huldigung darzubringen. Seine auffällig heitere Stimmung schien auch auf Elisabeth ihre Wirkung zu üben; konnte der General ein so freundliches Gesicht zeigen als Ueberbringer einer Unglücksbotschaft? Gewiß nicht. Ein sonniges Lächeln überflog ihr schönes, sorgenvolles Antlitz, und ihren ganzen Muth zusammenraffend, fragte sie:Bringen Eure Excellenz Leben oder Tod?"

Der weißbärtige Herr ergriff ihre Hand, führte sie ehr­erbietig an seine Lippen und erwiderte:Glauben Sie, daß ich mich zu einer Henker-Botschaft in große Gala geworfen hätte, mein Kind? Sie dürfen um das Schicksal derbraven Mannes" beruhigt sein."

Jetzt hörte man die Stimme des Hauptmanns, welche wie ein grollendes Gewitter klang. Er stand, die Mütze auf dem Kopf, in der geöffneten Thür des Wohnzimmers.

Papa!" rief Elisabeth glückstrahlend.Der Herr General"

Ja, lieber Hauptmann, Sie müssen mir verzeihen, daß ich Sie einstweilen internirt habe," lachte der General, dem verdutzten Ehrhard die Hand entgegenstreckend.Ihre schöne Tochter, die Sie so unchristltch hier verborgen halten, parla- mentirte erst mit mir."

Excellenz hätten aber auch das Nachsehen haben können," erwiderte der Hauptmann, hastig die Mili-tärmütze abziehend, während der Professor ihm den Mantel abnahm und sich mit Elisabeth zurückziehen wollte.

Herr Professor Carlsen," beeilte sich Ehrhard, ihn vor­zustellen.

O, wir kennen uns recht gut," rief der General,irre ich nicht, vom Castno-Ball her, wo ich das Glück hatte, Ihr reizendes Töchterlein bei Tisch neben mir zu haben. Aber weshalb wollen Sie mit dem gnädigen Fräulein das Zimmer verlassen?' setzte er lebhaft hinzu-Der Auftrag, welcher mich hierher führt, braucht keinen Ausschluß der Oeffentlich- keit."

Er hatte bei diesen Worten Elisabeths Hand ergriffen, um sie nach einem Sessel zu führen, Helm und Mantel rasch abgelegt und aus einer Tasche des letzteren ein mit einem großen Siegel versehenes Schreiben, sowie ein rothsammetnes Etui hervorgezogen.

Herr Hauptmann Ehrhard," begann er jetzt, sich straff aufrichtend, im dienstlichen Tone,Seine Hoheit, unser aller­gnädigster Herzog, hat mir den ebenso ehrenvollen wie erfreu­lichen Auftrag ertheilt, Ihnen neben der Antwort auf Ihr Gesuch in Anerkennung Ihrer militärischen Verdienste im